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BVL Österreich
Logistik-Lounge mit Wilhelm Haberzettl
Exklusiver Gedankenaustausch auf hohem Niveau - die BVL Österreich, als Veranstalter der Logistik Lounge, empfing am 29. September 2011 in den prunkvollen Räumen des Palais Esterházy, zur Verfügung gestellt von der Capital Bank, Topmanager aus Handel, Industrie, Logistik und Infrastruktur.
Gerald Gregori, Vorstand der BVL Österreich und Leiter des BVL Competence Centers „Nachhaltige Logistik“, begrüßte als Gastreferenten Wilhelm Haberzettl, einen der wichtigsten Gewerkschaftsvertreter in Österreich. Der Abgeordnete zum Nationalrat, Vorsitzende der vida-Sektion Verkehr, Stellvertretende vida-Vorsitzende, Vorsitzende des Zentralbetriebsrates der ÖBB Infrastruktur AG und Vorsitzende der Konzernvertretung des ÖBB-Konzerns referierte zum Thema „ÖBB – Ein österreichischer Weg“.
Für Haberzettl ist ein flächendeckendes Schienennetz sowohl für den Personen- als auch für den Güterverkehr ein unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge. Nur so könne Infrastruktur erhalten bleiben, Synergien geschaffen und regionale Benachteiligungen von Einwohnern und Betrieben ausgeglichen werden. Kritisch äußerte er sich zum Turnaround-Konzept der RCA, das sich aus seiner Sicht zu wenig auf die Optimierung von Abläufen und auf eine betriebswirtschaftliche Kosten-/Nutzenrechnung für den Gesamtkonzern, sondern auf die Erhöhung der Frachtraten und Reduktion der Transportleistung konzentriere.
Nachträglich sei klar: Die RCA hätte die MAV-Cargo zum falschen Zeitpunkt und zum falschen Preis gekauft. Wobei die Strategie der RCA, sich als wichtigster Player in Südosteuropa zu etablieren, richtig sei. „Hier kann eine österreichische Firma ihr historisch gewachsenes Know-how voll ausspielen und dafür sorgen, dass der traditionell „gute“ Modal Split erhalten bleibt“, meint Haberzettl.
Der Bau und Erhalt des Straßennetzes in Österreich kostete den Ländern und Gemeinden im Jahr 2009 2,6 Milliarden Euro. Bei der LKW-Maut auf Autobahnen und Schnellstraßen wäre mit der neuen Eurovignetten-Richtlinie ein erster, kleiner Schritt in Richtung Kostenwahrheit gemacht worden. Erstmals dürfe zumindest ein kleiner Teil der externen Kosten einberechnet werden. Der Kostendeckungsgrad des LKW-Verkehrs sei verschwindend gering. Durch eine flächendeckende LKW-Maut auf allen Straßen könnten zusätzlich 370 – 390 (BMVIT) bis 500 Mio. Euro (VCÖ) eingenommen werden. Durch die Angleichung der Dieselbesteuerung auf das Niveau von Benzin wären zusätzlich über 600 Millionen (für LKW und PKW) möglich.
Haberzettl ist zuversichtlich, dass die ÖBB als moderner Mobilitätsdienstleister auch in einem liberalisierten europäischen Verkehrsmarkt Zukunft haben. „Mit dem Bundesbahnstrukturgesetz 2009 wurden bereits erste Schritte in die richtige Richtung getan. Die Umsetzung braucht aber eine gewisse Zeit, denn die schweren Sünden der Verkehrspolitik von Jahren können kaum von heute auf morgen wieder gut gemacht werden.“ Das Transportaufkommen und die Logistikleistungen für die österreichische Wirtschaft, ob international oder national, sei - nicht zuletzt auf Grund der Umweltsituation - für alle Unternehmungen eine große Herausforderung. „Ein „gesunder“ Mix aus Straße, Schiene, Luft und Wasser ist die Herausforderung!“
Die anschließende, äußerst lebhaft und emotional geführte Diskussion führte von einer kritischen Betrachtung des „Erfolgsmodells“ der Deutschen Bahn mit Schenker, über die Westbahn als durchaus ernst zu nehmenden Mitbewerber der ÖBB in der Personenbahn und den Vergleich zu den Restrukturierungen im Postbereich, bis hin zum Brenner Basistunnel, der mit der fehlenden Infrastruktur auf italienischer Seite und mit einer geplanten Auslastung von 400.000 Jahrestonnen nicht wirtschaftlich genug sei, um positive Auswirkungen auf österreichische Unternehmen zu haben.
Ein konstruktives Statement kam dann von Seiten der Spediteure: Straßen- und Schienentransporteure seien letztlich Partner. Ausschlaggebend sei die richtige Wahl, der optimale Einsatz und Mix der Verkehrsträger im Hinblick auf Kurz- oder Langstrecke. Der Logistiker stehe der Bahn a priori neutral gegenüber. Kritik wurde sowohl von privatwirtschaftlicher Seite als auch von den anwesenden Vertretern der ÖBB selbst an der verlorenen Glaubwürdigkeit und Handschlagqualität der Bahn geübt. Vor allem die Politik solle sich in Zukunft zurückhalten und die – hoffentlich nun länger verweilenden – Manager arbeiten lassen.
Auch das Thema Nebenbahnen wurde angesprochen, zu dem Haberzettl meinte, dass eine geschlossene Nebenbahn, die dank unbesetzter Bahnhöfe und minimaler Auslastung nur mehr einen Lokführer beschäftigt, für ihn, verglichen mit anderen Themen, eher ein vernachlässigbares Problem sei.
Für viele überraschend war an diesem Abend, dass die Positionen eines Spitzengewerkschafters und der privaten Wirtschaft in einigen Bereichen überraschend nahe beieinander liegen können.


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