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Helene Glatter-Götz im CASH-Interview: „Man muss sich das ganze System anschauen“


Kategorie: Handel, Industrie
08.05.2019 von Max Pohl

Helene Glatter-Götz, MSc, Programmleiterin Nachhaltige Ernährung bei WWF Österreich, über Motive für das aktionistische Vorgehen der NGO im Bereich Fleischproduktion und -konsum.

Helene Glatter-Götz hat Sozial- und Humanökologie an der Universität Klagenfurt studiert und ist Programmleiterin Nachhaltige Ernährung bei WWF Österreich. © Johannes Brunnbauer
Helene Glatter-Götz hat Sozial- und Humanökologie an der Universität Klagenfurt studiert und ist Programmleiterin Nachhaltige Ernährung bei WWF Österreich. © Johannes Brunnbauer

CASH: Frau Glatter-Götz, WWF Österreich hat Anfang März die Petition „Billigfleisch stoppen – faire Preise statt schädlicher Rabatte“ gestartet, die im Handel für Aufregung gesorgt hat, jetzt aber bei lediglich 7.800 Unterschriften steht. Wie geht es weiter?
Helene Glatter-Götz: Wir wollen dafür sorgen, dass die problematischen Fleischrabatte weiterhin ein Thema bleiben und sich auch die Frau Ministerin Köstinger dazu äußern muss, weil das Thema Fleischrabatte so schädlich für die ganze Branche, insbesondere aber für die Landwirte und die Umwelt, ist.

Selbst wenn Sie Ihr Ziel von 15.000 Unterschriften erreichen sollten – glauben Sie, dass Sie damit etwas bewegen können?
Wir werden die Petition noch bis Ende Juni laufen lassen und unsere Anliegen bis dahin weiter kommunizieren. Wir sind natürlich auch mit den Einzelhändlern im Austausch und sprechen das Thema permanent an und je mehr uns die Öffentlichkeit unterstützt, desto mehr Hebel haben wir, dass sich die Einzelhändler zu einer freiwilligen Vereinbarung bekennen.

Sie sagen, dass in anderen Bereichen Rabatte unterbunden werden und nennen das Beispiel Tabak. Mit diesem Vergleich hat die Fleischwirtschaft keine Freude.
Es ist für uns ein gutes Beispiel dafür, dass es sehr wohl möglich ist, gesetzlich festzuschreiben, dass bestimmte Produkte nicht rabattiert werden dürfen. Es geht uns ja nicht darum, einen Vergleich zwischen Tabakwaren und Fleisch herzustellen, sondern aufzuzeigen, dass es diese gesetzlichen Möglichkeiten gibt. Ein anderes Beispiel ist die Babyanfangsnahrung, wo auch ein gesundheitliches Ziel dahintersteht, nämlich das Stillen zu fördern. Genauso ist es auch möglich, eine gesunde Ernährung zu fördern, indem bestimmte Produkte weniger rabattiert werden.

Sie haben auch den Fairnesskatalog des LEH als Möglichkeit für den Verzicht auf Rabattaktionen für Fleisch genannt. Nun haben zahlreiche Lebensmittelhändler diesen Fairnesskatalog im vergangenen Herbst unterzeichnet. Ist er das Papier nicht wert?
Es wäre aus unserer Sicht möglich, dort auch den Verzicht auf Fleischrabatte einzubringen, wir bräuchten dann auch keine neuen Gesetzestexte. Wenn das im Fairnesskatalog festgeschrieben wird, wäre das auch schneller umsetzbar als eine langwierige gesetzliche Lösung. Deswegen sind wir auch der Meinung, dass sich Frau Ministerin Köstinger dafür einsetzen sollte, dass ein solcher Verzicht dort aufgenommen wird.

Was jetzt im Fairnesskatalog steht, reicht aus Ihrer Sicht nicht aus?
In diesem Punkt zur anderen Gestaltung der Fleischproduktion und unseres Fleischkonsums reicht es nicht.

Der LEH sagt, dass bei rabattierter Ware die gleichen Kriterien gelten wie bei Waren, die zu Kurantpreisen verkauft werden. Stellen Sie das in Frage?
Da geht’s jetzt weniger um das einzelne Produkt, das rabattiert wird, sondern da muss man sich ja das ganze System dahinter anschauen. Natürlich haben diese ständigen Rabatte Auswirkungen darauf, welchen Spielraum die Landwirte überhaupt haben bei ihrer Produktion. Je mehr solcher Rabatte es gibt, desto schwieriger ist es, unter guten Bedingungen zu produzieren, genug Zeit für die Tiere zu haben oder sich um umweltfreundliche Futtermittel zu kümmern.

Wäre all dies nach Verzicht auf Rabattaktionen automatisch gewährleistet?
Es ist ein wichtiger Schritt, um zu einer tier- und klimafreundlicheren Produktion zu kommen. Aber es braucht natürlich auch viele andere Maßnahmen, um die Wertigkeit des Produkts Fleisch zu steigern und die Bereitschaft zu schaffen, mehr für höhere Qualität zu zahlen. Es geht aber auch um das Thema Futtermittel – zu gewährleisten, dass gentechnikfrei gefüttert wird, dass kein Soja aus Südamerika eingesetzt wird. Das sind alles weitere Schritte, die es da braucht.

Wenn man sich den WWF-Fleischratgeber ansieht, dann kommt eigentlich nur mehr Bio-Fleisch in Frage – und selbst das mit Einschränkungen. Zwischen rabattierten Fleischprodukten und Bio-Fleischprodukten geht die Preisschere aber weit auseinander. Sollen sich nur mehr Wohlhabende Fleisch leisten können?
Ganz im Gegenteil, es ist eher so, dass wir den Beitrag von Fleisch zur gesunden Ernährung klarstellen und aufzeigen wollen, wie viel Fleisch konsumiert werden soll, um sich gesund zu ernähren. Und da liegen wir in Österreich ungefähr drei Mal über der Menge, die auch vom Gesundheitsministerium ­vorgegeben wird und das über alle soziale Schichten hinweg. Das heißt, es ist ohnehin notwendig, dass wir für unsere Gesundheit den Fleischkonsum reduzieren und das bringt wiederum Einsparungen, die man umlegen kann in weniger aber hochwertigeres Fleisch. Im Übrigen haben wir erst kürzlich mit einer Studie aufgezeigt, dass eine vierköpfige österreichische Familie den Bio-Anteil ihres durchschnittlichen Wocheneinkaufs – ohne Mehrkosten – auf 70 Prozent des Gesamtwarenkorbs steigern kann, wenn die Ernährungsempfehlungen des Gesundheitsministeriums beim Einkauf berücksichtigt werden.

In Österreich beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch etwa 63 kg pro Jahr, um 3 kg weniger als vor zehn Jahren. Wie hoch wird er in zehn Jahren sein und wodurch eventuell ersetzt?
Es kommt natürlich ganz darauf an, wie die Stakeholder in den nächsten Jahren agieren werden. Wir sehen schon, dass sich jetzt ein Fenster auftut – noch vor einigen Jahren wäre es nicht allzu populär gewesen, eine Forderung nach weniger und dafür besserem Fleisch hinauszutragen. Inzwischen ist aber klar, dass es sehr wohl Bewusstseinsbildung in diese Richtung gibt und die Bevölkerung auch daran interessiert ist. Jetzt heißt es eben, Alternativen aufzuzeigen, wie dieses „Weniger-und- dafür-besser“ konkret aussehen kann. Hier brauchen wir den Beitrag von allen Beteiligten, sei es durch Umstellungen in der Produktion oder durch Kampagnen des Handels. Wenn es uns gelingt, an einem Strang zu ziehen, können wir uns sehr wohl vorstellen, dass der Wertewandel, der jetzt gerade einsetzt, sich auch in den Zahlen niederschlägt. Bei den pflanzlichen Alternativen, die wir im Fleischratgeber ebenfalls aufgelistet haben, waren zum Beispiel Hülsenfrüchte einst ein starker Bestandteil unserer Ernährung. Im Laufe der Zeit sind sie aber leider etwas in Vergessenheit geraten.

Sie haben Kooperationen mit Handelsunternehmen, da geht es um die Themen Fisch, Bio, Mehrweg-Tragtaschen. In Bezug auf Fleisch gibt es nichts?
Wir sind in Gesprächen dazu. Unsere Fleischkampagne ist ja unser erster großer Aufschlag zum Thema Fleisch und jetzt müssen wir schauen, welche Folgeprojekte sich daraus ergeben mit den Produzenten und dem Handel.

Die AMA überraschte kürzlich mit einem Film und einer Podiumsdiskussion unter dem provokanten Titel „Ist Veganismus eine Zivilisationskrankheit?“ Was sagen Sie dazu?
Ich würde nicht sagen, dass der Veganismus eine Zivilisationskrankheit ist, sondern vielmehr eine Antwort darauf, was in unserer Zivilisation alles schiefläuft. Und zwar, dass wir dermaßen über unsere Ressourcen leben, dass so etwas überhaupt erst notwendig wird. Wir als WWF Österreich vertreten die Position, den Österreicherinnen und Österreichern nicht vorzuschreiben, Vegetarier oder Veganer zu werden, da in unserer Kultur Fleisch ja auch eine wichtige Rolle spielt, aber wir sollten dennoch darauf achten, unseren Fleischkonsum auf ein gesundes und klimafreundliches Maß zu beschränken.

Darf ich Sie abschließend fragen, wie Sie es mit dem Fleischkonsum halten?
Ich bezeichne mich eigentlich als Vegetarierin, esse aber zwei Mal im Jahr Fleisch: zu Ostern und zu Weihnachten bei meiner Mama zu Hause in Vorarlberg, da gibt’s immer das Bio-Lamm aus dem Bregenzer Wald und da freu ich mich schon Wochen davor darauf, weil dann ist es wirklich etwas Besonderes.

Vielen Dank für das Gespräch!

WWF und das Fleisch

Unter dem Motto „Fleisch ist uns nicht wurscht“ hat WWF Österreich heuer eine Kampagne gestartet, die in der österreichischen Fleischwirtschaft für Aufregung sorgt. Zunächst wurde ein „Fleischratgeber“ präsentiert, in dem die Auswirkungen der Fleischproduktion auf Umweltfolgen und Tierwohl dramatisch schlecht bewertet werden (mit Ausnahme von Bio-Fleisch). CASH hat in der Februar-Ausgabe darüber berichtet und Experten aus der Branche dazu um Stellungsnahmen gebeten.Im März startete WWF Österreich eine Petition mit dem Titel „Billigfleisch stoppen – faire Preise statt schädlicher Rabatte“ und möchte die darin formulierten Forderungen nach einem Verbot für Fleischrabatte entweder als Gesetz oder im Fairnesskatalog des Lebensmittelhandels verankert haben. Bis Ende Juni sollen 15.000 Unterschriften gesammelt und dem Bundesinisterium für Nachhaltigkeit und Tourismus übergeben werden. Die NGO hat zwar Kooperationen mit Handels- und Industriebetrieben im Lebensmittelbereich, allerdings nicht im Bereich Fleisch.

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