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Gastkommentar Manfred Frido Berger/Neusicht Think Tank

„Sind Sie schon ein Concept Store?“


Kategorie: Handel
11.02.2019

Für einen „State of the Art“-Retailer gibt es derzeit zwei Dimensionen, die man offenbar besetzen muss: Einmal die Zusammenarbeit mit jungen, hippen Start-up-Companies, und die zweite Dimension sind „Concept Stores“, die vor allem in den großen Metropolen wie Pilze aus der Erde schießen.

Manfred Frido Berger © M. Krachler
Manfred Frido Berger © M. Krachler

Bei meinem Besuch in der französischen Hauptstadt im Jänner d. J. gab es kaum ein Quartier, in welchem nicht ein „Concept Store“ soeben eröffnet hatte. Wir besuchten sicherlich mehr als ein halbes Dutzend dieser Stores & bereits nach dem dritten Outlet machte sich bei uns Ratlosigkeit breit. Wofür stehen diese Outlets? Was bieten sie an? Warum soll ich wiederkommen? Bei meinen Freunden und mir verfestigte sich der Eindruck, dass Shops, deren Geschäftszweck noch nicht so ganz definiert war, einfach als „Concept Store“ bezeichnet werden. Damit ist man nicht festgelegt, kann rasch reagieren, schneller scheitern – was uns wieder zur Start-up-Kultur bringt, wo man lieber schneller scheitert, um rascher zum richtigen Produkt, Angebot zu kommen oder halt komplett scheitert.

Das Problem dieser „Concept Stores“, die sich in den Mega-Metropolen wie Paris in deren Bezirken natürlich leichter inszenieren lassen, als in einer kleineren Hauptstadt wie etwa Wien, war aber allesamt die geringe Kaufbereitschaft der Kunden. Da stand kaum jemand an der Kasse, viele kamen, unterhielten sich über die Inszenierung und gingen einfach wieder. Da war der Besuch bei UNIQLO im Marais – ein Innenstadt-Quartier, das zum 3. und 4. Pariser Arrondissement gehört – eine andere Dimension. Ein Gedränge und Kunden über die Kunden, die kauften. UNIQLO nimmt für sich in Anspruch, ein völlig neues Textilkonzept anzubieten, das sich klar von den klassischen, von den laufenden und immer schneller sich drehenden Mode-Zyklen unterscheidet – und trifft dabei offenbar bei vielen Kunden den Zeitgeist.

Vielleicht ein Hinweis für Rewe und Spar, über ein neues Konzept in der Präsentation von Lebensmitteln – im Spannungsfeld „Genuss und Convenience“ – nachzudenken, um aus der von Silvia Meißl in vielen Leitartikeln angesprochenen Wertevernichtung mit den Rabatt-, Marken- und Super-Sonder-Promotions und -Preisangeboten herauszutreten und etwas wirklich Neues zu bieten, das uns das Leben leichter macht und gleichzeitig unsere Sinne wirklich anspricht. Nicht leicht in Zeiten, da Hofer, Lidl und Co. laufend ihr Sortiment qualitativ und sortimentsmäßig nach oben ausbauen, mehr und mehr Markenartikel aufnehmen, und da die Zentralen in Salzburg und vor allem Köln auf der strikten Einhaltung eines engen Zahlenkorsetts achten – aber gerade deshalb notwendig. Mit dem derzeit praktizierten „more of the same“ – möglichst mehr Handelsmarken und Preispromotions –  allein wird man aus diesem Hamsterrad aber nicht herauskommen. Aber wie heißt der chinesische Fluch, der diese Situation auf den Punkt bringt: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“

Dr. Manfred Frido Berger ist Gründer und Geschäftsführer des Neusicht-Think-Tanks und er forscht und berät Unternehmen insbesondere im Spannungsfeld „Vertrauen und Innovation“; Kontakt: neusicht‎@‎berger-m.at

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