E-Special Tierwohl: Ganz klare Gesetze
 
E-Special Tierwohl

Ganz klare Gesetze

Hütthaler
Gesetze werden leider nicht immer eingehalten. Es mangelt an der Kontrolle
Gesetze werden leider nicht immer eingehalten. Es mangelt an der Kontrolle

Obzwar der Begriff Tierwohl genau so wie Nachhaltigkeit eine ziemlich umfassende, aber auch schwammige Bezeichnung ist, sind die gesetzlichen Bestimmungen dazu klar und deutlich niedergeschrieben. Das grundsätzliche Problem dabei: Es mangelt sehr oft an der Kontrolle der Umsetzungen.

Generell kann man sagen, dass alle Gesetze und Regelungen rund ums Tierwohl auf europäischen Verordnungen basieren, die dann von Österreich umgesetzt werden - jedoch einmal strenger und bei anderen wieder weniger streng. So ist zum Beispiel alles rund um die Haltung von Nutztieren in der 1. Tierhalteverordnung geregelt, alles rund um Tiertransporte im Tiertransportgesetz 2007, alles rund um Futtermittel einerseits im Futtermittelgesetz 1999 und andererseits in der Futtermittelverordnung 2010. Und Regelungen zur Schlachtung findet man im Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz.

Greenpeace

Sebastian Theissing-Matei, Agrarexperte bei Greenpeace Österreich, sieht trotz klarer Regelungen vor allem seitens des Gesetzgebers noch Luft nach oben. Er meint: "Der derzeitige gesetzliche Mindeststandard im konventionellen Bereich ist keinesfalls ausreichend. Ein wirklich 'tiergerechtes' Leben ist unter den dort vorgeschriebenen Bedingungen schlicht nicht möglich, wobei es hier schon große Unterschiede zwischen den Branchen gibt. Während sich etwa in der Milch-Branche noch vergleichsweise viele Kühe halbwegs frei bewegen können und auch vergleichsweise oft Zugang zu Frischluft haben, liegen die Dinge vor allem in der konventionellen Schweinemast in Österreich im Argen."
Sein Vorwurf liegt klar auf der Hand: "Schweine, die am gesetzlichen Mindeststandard gehalten werden - das sind rund 90 Prozent der ca. 5 Millionen Schweine in Österreich pro Jahr - leben meist viel zu eng und oft auf Vollspaltenböden. Das trifft auch auf  Schweine zu, deren Fleisch mit dem rot-weiß-roten AMA Gütesiegel gekennzeichnet ist. Der Vollspaltenboden ist absolut nicht tiergerecht. Es handelt sich dabei um einen harten Betonboden mit Spalten durch die Kot und Urin durchfallen sollen. Die Tiere stehen also ihr ganzes Leben über in ihren eigenen, oft stark stinkenden Fäkalien. Der beißende Geruch reizt die Schleimhäute der Tiere. Die Schweine können sich auch nur auf dem steinharten Boden ausruhen. Das führt auch oft zu Verletzungen am Körper. Zugang zu frischer Luft gibt es das gesamte Leben - das nur rund 6 Monate dauert - nicht. Auch der Platz ist viel zu eng bemessen. So hat ein Schwein mit 100 Kilogramm weniger als einen Quadratmeter Platz."

Diese schlechten Lebensbedingungen führen dazu, dass Schweine oft Verhaltensstörungen wie das Schwanzbeissen entwickeln. Aber anstatt die Haltung an die Schweine anzupassen, so Theissing-Matei weiter, "werden die Schweine an die Haltung angepasst: Ihnen wird im Ferkel-Alter ohne Betäubung (!) mit einer Art Zange der Schwanz gekürzt. Bei männlichen Ferkeln kommt noch hinzu, dass ihnen ebenfalls ohne Betäubung die Hoden abgetrennt werden. Das ist sehr qualvoll für die Tiere".
Sein Fazi zum Status Quo: "Im Bereich der Tierhaltung in Österreich gibt es also noch genug zu tun. Während die Schweine-Branche sicher das dringlichste Beispiel ist, sind aber auch in den anderen Branchen - Geflügelfleisch, Eier, Rindermast etc. - die Besatzdichten einfach viel zu  hoch und werden auch hier Eingriffe direkt am Tier durchgeführt - etwa das Entfernen der Hörner bei Kühen."

Vier Pfoten

Auch die Tierschutzorganisation Vier Pfoten sieht enormen Nachholbedarf, wie zum Beispiel bei der Einführung einer Fördersystematik, die ausschließlich tierfreundliche Haltungssysteme begünstig; bei der Besatzdichte, also die Anzahl der Tiere pro m²; bei den erlaubten Eingriffe am Tier wie z.B. das oben bereits erwähnte Schwanzkupieren bei Ferkeln oder das Enthornen beim Rind sowie die Art der Durchführung - ohne Narkose, ohne Schmerzausschaltung; der Zugang zu Auslauf und frischer Luft; eine artgemäße Fütterung und vor allem eine GVO-freie Ernährung; Transport und Schlachtung; und ganz wichtig und dringend: eine wesentlich konsequentere & häufigere Exekution der bestehenden gesetzlichen Vorgaben bei einer viel größeren Stichprobenanzahl.
Während also die EU-Vorgaben und die österreichischen Gesetze in vielen Bereichen ident bzw. ähnlich sind, sticht Österreich in Sachen Geflügelwirtschaft dennoch besonders hervor. So ist Käfighaltung von Legehennen bei uns seit heuer verboten, während in der EU noch rund die Hälfte der Legehennen in Käfigen lebt; Und: bei Masthühnern und Puten liegen die Besatzdichten mit 30 bzw. 40 kg deutlich unter dem EU-Schnitt von 39 kg bzw. 60-70 kg. Dennoch bleiben in Sachen Geflügelzucht noch etliche Fragen ungeklärt. Fragen wie zum Beispiel ob die Legehennen auch wirklich acht Stunden Nachtruhe haben oder sie einem lege-optimierenden Lichtprogramm unterworfen sind. Ob sie Beschäftigungsmaterial, Sitzstangen, eingestreute Legenester etc. zur Verfügung haben sowie ein Tiergesundheitsmanagement und adäquate Tierkontrolle genießen. Detail am Rande: In der Bio-Haltung ist das alles bestens geregelt.
Vier Pfoten sieht aber auch bei der Rinderhaltung Nachholbedarf: Denn auch Mastrinder fristen ein trauriges Dasein auf Vollspaltböden und engstem Raum. Pressesprecherin Elisabeth Penz: "Wichtig wäre es, über eine Kennzeichnung mehr Klarheit zu schaffen, damit sich Konsumenten auch besser und bewusst für die Alternative, also die bessere Haltung entscheiden können."
Die Schwachstelle schlechthin ist und bleibt jedoch die Kontrolle. Penz dazu: "Der Gesetzgeber führt viel zu wenig Kontrollen durch, zudem gibt es zu viele Schlupflöcher und Ausnahmeregelungen; immer wieder werden Missstände aufgezeigt, die offensichtlich bereits jahrelang existieren, bevor sie ans Tageslicht kommen. Im System bestehen zu viele Abhängigkeiten, die bedingen, dass Augen zugedrückt werden – Stichwort: Sachzwänge. Die leidtragenden sind die Tiere – die Konsumenten werden durch Werbung und Marketing sehr oft getäuscht.

Agrarmarkt Austria

Die in diesem E-Special sehr oft vorkommende Agrarmarkt Austria (AMA) fungiert unter anderem in hohem Maße als Kontrollorgan und beruft sich dabei auf die oben bereits erwähnten Gesetze und Verordnungen. Andreas Hermann, Bereichsleiter Landwirte bei der AMA und für Rind und Schwein zuständig, über die Schärfe unserer Gesetze: "Striktere Regelungen sind in vielen Bereichen denkbar, ob diese aber auch zielführend sind ist fraglich. Fakt ist, dass Konsumenten heute schon beim Einkauf entscheiden können, welche Produkte sie kaufen und wie hoch die dahinter liegende Anforderungen sind. Im Preiseinstiegssegment definiert die gesetzlichen Grundlage die Anforderungen – wenn es aus anderen Ländern kommt ebenso die jeweils dort geltenden Anforderungen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Programme und Zusatzbestimmungen, die eine Differenzierung am Markt ermöglichen. Im Bio-Segment erreichen die Tierhaltungsstandards die strengsten Kriterien und damit verbunden auch den höchsten Preis."
Zahlreiche Initiativen der letzten Jahre zeigen, dass die Produzenten viel unternehmen, um differenzierte Angebote zu bieten. Hermann ergänzend dazu: "Im Modul 'Mehr Tierwohl' haben wir zusätzlich zu den AMA-Gütesiegelanforderungen Kriterien definiert, die zur Verbesserung des Tierwohls beitragen. Hier wäre noch mehr Absatz möglich, aber jetzt sind Abnehmer am Zug, die dieses Fleisch anbieten und die Konsumenten, die es kaufen. Letztlich sind die Mehrkosten am Markt zu erlösen und das scheint unter den derzeitigen Rahmenbedingungen schwierig."
Es gibt viele Produzenten die „Mehr Tierwohl“ erfüllen wollen und können, wenn sie für den Mehraufwand auch mehr bezahlt bekommen. Dabei geht es nicht nur um einen Absolutbetrag, sondern auch um mittel- und langfristige Abnahmevereinbarungen. "Der LEH trägt bereits einiges dazu bei", so Hermann, "mehr ist immer möglich und auch andere Absatzmärkte sind gefragt. Gerade die letzten Wochen haben uns aber auch vor Augen geführt, dass die Forderung nach mehr Kriterien beim Tierwohl auch unserem Wohlstand geschuldet ist, denn in der versorgungskritischen Zeit spielten spezielle Produktionsbedingungen eine untergeordnete Rolle."
Eine im Rahmen der RollAMA Motivationsanalyse zum Thema Tierwohl, hinterfrug unter anderem, was die Konsumenten eigentlich darunter verstehen. So stimmten zum Beispiel 82 Prozent der Konsumenten zu, dass die Qualität der Lebensmittel von artgerecht gehaltenen Tieren  besser sei. 77 Prozent meinte, dass der Geschmack der Lebensmittel von artgerecht gehaltenen Tieren besser sei und für 75 Prozent sei eine artgerechte Tierhaltung ein wichtiges Einkaufskriterium. Immerhin 51 Prozent würden sogar auf Kebensmittel verzichten, wenn sie nicht aus artgerechter Tierhaltung stammen. Und was den Preis betrifft, so würden 55 Prozent bis zu einem Viertel mehr dafür ausgeben, 23 Prozent bis zur Hälfte mehr und fünf Prozent sogar doppelt so viel.

forum.ernährung heute

Da letztendlich die entscheidung zu welchem Produkt der Konsument greift, direkt am POS fällt und stets ein akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis mitschwingt, hat das forum.ernährung heute bereits im Februar dieses Jahres einen Mediendialig zum Thema "Tierwohl zwischen Wunsch und Wirklichkeit" organisiert und durchgeführt. Geschäftsführerin Marlies Gruber über die Hintergründe: "Wiir wollen die Diskussion über die Produktion von Lebensmitteln und die Wertschöpfungskette intensivieren und ein Forum für einen Austausch anbieten." Dazu komme, so Gruber, "dass aktuell ökologische und ethische Fragen beim Essen mehr Raum bekommen und das Tierwohl bei den Wunschkriterien der Menschen ganz weit oben steht. Aber zwischen diesem Wunsch und der Realität an der Supermarktkasse zeigt sich eine große Kluft, die die Frage offen lässt, wer für mehr Tierwohl nun wirklich bezahlen soll."
Johann Schlederer von der Österreichischen Schweinebörse kritisierte in seinem Referat, dass die heiße Kartoffel – nämlich die Frage, wer für mehr Tierwohl bezahlen soll – seit 30 Jahren herumgereicht werde. Schlederer: „Der Markt bezahlt das nicht, der Verbraucher bezahlt das nicht. Jeder greift lieber zur Aktion. Beim Lebensmitteleinzelhandel wissen sie das, weshalb sie nur kleine Sortimente hochwertiger Produkte führen. Das Conclusio lautet: NGOs und die Regierung fordern Tierwohl und die öffentliche Hand soll es bezahlen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz."
Tierschutz und Tierwohl ist ja bekanntlich eine never ending story, daher ist auch für Gruber eine stetige weiterentwicklung notwendig, wobei es dabei unumgänglich sei, dass die Produzenten damit wirtschaften können. Und noch etwas, quasi als Tipp an alle Marketingspezialisten: "Einmal mehr ist es die Kommunikation, die es zu verbessern gilt. Das wort 'Tierwohl' alleine reiztniemanden, da muß man mit Bildern und Emotionen arbeiten. Der Bezug des einzelnen Bauern zum Tier muß rauskommen und der Handel muß einfach mehr Wertschätzung für tierische Produkte entwicklung. Diese sind weit mehr als nur Frequenzbringer. Denn wenn ein Kilogramm Fleisch billiger ist als ein Packerl Zigaretten, wird das Ganze bedenklich."

 

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