CASH 04/2019

108 4|2019 ∙ CASH I N T E R V I EW  b  H e l e n e G l a t t e r - G ö t z / Wo r l d W i d e F u n d f o r N a t u r e H a n d e l CASH: Frau Glatter-Götz, WWF Österreich hat Anfang März die Petition „Billigfleisch stoppen – faire Preise statt schädlicher Rabatte“ gestartet, die im Handel für Aufregung gesorgt hat, jetzt aber bei lediglich 7.800 Unterschriften steht. Wie geht es weiter? Helene Glatter-Götz: Wir wollen dafür sorgen, dass die prob- lematischen Fleischrabatte weiterhin einThema bleiben und sich auch die Frau Ministerin Köstinger dazu äußern muss, weil das Thema Fleischrabatte so schädlich für die ganze Branche, insbesondere aber für die Landwirte und die Umwelt, ist. Selbst wenn Sie Ihr Ziel von 15.000 Unterschriften erreichen sollten – glauben Sie, dass Sie damit etwas bewegen können? Wir werden die Petition noch bis Ende Juni laufen lassen und unsere Anliegen bis dahin weiter kommunizieren. Wir sind natürlich auch mit den Einzelhändlern im Austausch und sprechen das Thema permanent an und je mehr uns die Öffentlichkeit unterstützt, desto mehr Hebel haben wir, dass sich die Einzelhändler zu einer freiwilligen Vereinbarung bekennen. Sie sagen, dass in anderen Bereichen Rabatte unterbunden wer- den und nennen das Beispiel Tabak. Mit diesem Vergleich hat die Fleischwirtschaft keine Freude. Es ist für uns ein gutes Beispiel dafür, dass es sehr wohl möglich ist, gesetzlich festzuschreiben, dass bestimmte Pro- dukte nicht rabattiert werden dürfen. Es geht uns ja nicht darum, einen Vergleich zwischen Tabakwaren und Fleisch herzustellen, sondern aufzuzeigen, dass es diese gesetzlichen Möglichkeiten gibt. Ein anderes Beispiel ist die Babyanfangs- nahrung, wo auch ein gesundheitliches Ziel dahintersteht, nämlich das Stillen zu fördern. Genauso ist es auch möglich, eine gesunde Ernährung zu fördern, indem bestimmte Pro- dukte weniger rabattiert werden. Sie haben auch den Fairnesskatalog des LEH als Möglichkeit für den Verzicht auf Rabattaktionen für Fleisch genannt. Nun haben zahlreiche Lebensmittelhändler diesen Fairnesskatalog im ver- gangenen Herbst unterzeichnet. Ist er das Papier nicht wert? Es wäre aus unserer Sicht möglich, dort auch den Verzicht auf Fleischrabatte einzubringen, wir bräuchten dann auch keine neuen Gesetzestexte. Wenn das im Fairnesskatalog festgeschrieben wird, wäre das auch schneller umsetzbar als eine langwierige gesetzliche Lösung. Deswegen sind wir auch der Meinung, dass sich Frau Ministerin Köstinger dafür ein- setzen sollte, dass ein solcher Verzicht dort aufgenommen wird. Was jetzt im Fairnesskatalog steht, reicht aus Ihrer Sicht nicht aus? In diesem Punkt zur anderen Gestaltung der Fleischproduk- tion und unseres Fleischkonsums reicht es nicht. Der LEH sagt, dass bei rabattierter Ware die gleichen Kriterien gelten wie bei Waren, die zu Kurantpreisen verkauft werden. Stellen Sie das in Frage? Da geht’s jetzt weniger umdas einzelne Produkt, das rabattiert wird, sondern da muss man sich ja das ganze System dahin- ter anschauen. Natürlich haben diese ständigen Rabatte Aus- wirkungen darauf, welchen Spielraum die Landwirte über- haupt haben bei ihrer Produktion. Je mehr solcher Rabatte es gibt, desto schwieriger ist es, unter guten Bedingungen zu produzieren, genug Zeit für die Tiere zu haben oder sich um umweltfreundliche Futtermittel zu kümmern. Wäre all dies nach Verzicht auf Rabattaktionen automatisch gewährleistet? Es ist ein wichtiger Schritt, um zu einer tier- und klimafreund- licheren Produktion zu kommen. Aber es braucht natürlich auch viele andere Maßnahmen, um die Wertigkeit des Pro- dukts Fleisch zu steigern und die Bereitschaft zu schaffen, mehr für höhere Qualität zu zahlen. Es geht aber auch um dasThema Futtermittel – zu gewährleisten, dass gentechnik- frei gefüttert wird, dass kein Soja aus Südamerika eingesetzt wird. Das sind alles weitere Schritte, die es da braucht. Wenn man sich den WWF-Fleischratgeber ansieht, dann kommt eigentlich nur mehr Bio-Fleisch in Frage – und selbst das mit Einschränkungen. Zwischen rabattierten Fleischprodukten und Bio-Fleischprodukten geht die Preisschere aber weit auseinan- der. Sollen sich nur mehr Wohlhabende Fleisch leisten können? Ganz im Gegenteil, es ist eher so, dass wir den Beitrag von Fleisch zur gesunden Ernährung klarstellen und aufzeigen wollen,wie viel Fleisch konsumiert werden soll, umsich gesund zu ernähren. Und da liegenwir in Österreich ungefähr drei Mal über der Menge, die auch vom Gesundheitsministerium Fotos: Johannes Brunnbauer „Man muss sich das ganze System anschauen“

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