CASH 01/2020

64 1|2020 ∙ CASH G a s t k o m m e n t a r b  Uwe K n o p D iäten gibt es wie Sand am Meer. Schätzungen gehen von mehr als 500 verschiedenen Abspeckvarianten aus. Ganz neu imFett- weg-Karussell: Die Candida-, Haferflo- cken-, KFZ-, PFC-,Thermogenese-, GOLO- undMax-Planck-Diät. Kennen Sie nicht? Egal, die Halbwertzeit dieses frei erfun- denen Kilokillerquatsches ist so kurz wie die eines Regenbogens an einemgewitt- rig-heißen Hochsommertag. Zwei Diät- formen aber sind inzwischen bekannt wie ein bunter Hund und fräsen sich als etablierte Besser-Esser-Hypes in die Mit- te der Gesellschaft. Sie ahnen, welche? Unangefochten auf der „Abspeckbe- liebtheitsskala“ stehen ganz oben: Zum einen Low-Carb, eine sehr alte und seit Jahrzehnten propagierte „Eliminations- kost“, bei der der primäre Energieliefe- rant des Menschen mehr oder weniger stark weggelassen wird: Kohlenhydrate wie Brot, Pasta, Zucker undWeizenmehl, die inzwischen das Brandmal des „schä(n)dlichen ungesunden Dickma- chers“ tragen, müssen vom Teller wei- chen. Der zweite des Diätduetts heißt: Intervallfasten – hier hingegen lässt man keine speziellen Lebensmittel weg, son- dern man lässt nur wesentlich größere Pausen zwischen den Mahlzeiten, man isst also dann ausschließlich in diesen „Ess-Intervallen“. Nichtsdestotrotz haben beide Diäthypes aller guten Dinge, näm- lich derer drei, gemeinsam: 1. Weder für Low-Carb (LC) noch für In- tervallfasten (IF) liegen offizielle, stan- dardisierte Definitionen vor. Ernäh- rungsapostel erfinden daher stets aktuelle Varianten, um alten Wein in neuen Flaschen glänzen zu lassen (und entsprechend daran zu verdienen). 2. Beide Kostformen „glänzen“ desWei- teren durch Abwesenheit wissen- Essen Sie noch oder schaftlicher Belege, dass Menschen mit diesen Ernährungsformen besser abnehmen als mit irgendeiner ande- ren banalen hypokalorischen Diät (die allesamt nach dem gleichen Univer- salwirkprinzip kurzfristig zu Erfolg führen: in der Zwangshungerzeit sorgt die negative Energiebilanz – weniger Energie aufnehmen als verbrauchen – für einAbschmelzen von Fett,Wasser und Muskeln). 3. Auch für die Form der abspeck-unab- hängigen Dauerernährung, die von zahlreichen Menschen praktiziert wird, existieren keinerlei Langzeitstu- dien und Evidenzen, dass LC oder IF die Gesundheit fördert, vor Krankhei- ten schützt oder das Leben verlängert, geschweige denn „gezielt als beste Ernährungstherapie“ eingesetzt wer- den kann. Vermutlich sind sowohl LowCarb als auch IF so populär, weil beide „Besser- Esser-Hypes“ sehr einfach umzusetzen sind, da es keine komplizierten Regeln oder aufwendige Rechnereien gibt (außer die vorgekauten Stunden – oder Tagein- tervalle, die es strikt einzuhalten gilt). Kurzum: LC und IF haben vieles ge- meinsam: Es fehlen sowohl offizielle Definitionen als auch Langzeitbelege zu harten Endpunkten und Evidenzen (wis- senschaftliche Beweise), dass diese be- sonderen Arten des Essens gesünder sind oder schlanker machen als irgend- eine andere x-beliebige Ernährungswei- se. Wem es gefällt, wunderbar, wem nicht: Keinen Kopf machen!Wer hinge- gen langfristig abnehmen will, der soll- te sichmal mit intuitivemEssen beschäf- tigen, denn: Obgleich diese natürlichste Form der Ernährung per se nicht dem Abspecken dient oder als Diät „konzi- piert“ ist, so haben Schweizer Wissen- schaftler 2019 in ihrer Metaanalyse (also die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien zusammengefasst) imFachmagazin Ob- esity Reviews doch Folgendes gezeigt: Die Teilnehmer, die sich nicht mit einer „klassischen“ Diät kasteiten, sondern sich stattdessen intuitiv ernährten, konnten ihr Gewicht vergleichbar redu- zieren wie mit gängigen Diäten. „Hirschhausen“ Sie schon? Foto: BoD Books on Demand Ad personam Uwe Knop ist Diplom-Ökotro- phologe und Buchautor (u.a. „Dein Körpernavigator“). Seit mehr als zehn Jahren bildet die objektive, ideologiefreie und kritische Analyse Tausender ak- tueller Ernährungsstudien den Kern seiner Arbeit. Sein essenzi- elles Anliegen ist ihm dabei so- wohl die Vermittlung der massi- ven Aussageschwäche und systemimmanenten Limitierun- gen der Ernährungsforschung, die nur Korrelationen, aber kei- ne Kausalitäten liefert, als auch die Offenlegung der Mechanis- men ernährungslobbyistischer Verbrauchermanipulation.

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