CASH 03/2020

3|2020 ∙ CASH 21 A uf den ersten Blick entsteht der Eindruck, dass der Online- handel unmöglich nachhaltig sein kann. Auf den zweiten Blick leider auch. Immer gesehen unter demAspekt Transport, Verpackung und Retoure als Haupt-Nachhaltigkeitstreiber. Der Bestellvorgang – klick mich, ich bin heiß: Erfolgt ja meistens von zu Hause aus – oder vom Büro – und braucht manchmal außer guten Nerven, wenn der gewünschte Artikel nicht auf Anhieb gefunden wird oder vorrätig ist, keine weitere Energie.Trotzdemwerden sehr viele Bestellvorgänge abgebrochen. Die Bezahlung – pay and pray: Ha- ben Sie es bis in den Warenkorb ge- schafft, brauchen Sie nur noch das rich- tige Zahlungsmittel wählen, dann ist es erledigt. Man(n) und Frau bezahlen also im Voraus aufgrund einer Produktbe- schreibung und hoffen auf pünktliche Lieferung. Dass die Onlineriesen steu- erlich anders – um nicht zu sagen be- vorzugt – behandelt werden, kostet al- leine den Mitgliedsländern der EU Steuereinnahmen von 70 Milliarden Euro. Sind fehlende Steuereinnahmen nachhaltig? Der Moment der Wahrheit: Der Au- genblick, in dem die Endorphine ver- rücktspielen. Es ist da, das Objekt der Begierde. Sobald Sie den Kampf gegen das Füllmaterial gewonnen haben, liegt es in Plastik verpackt vor Ihnen, das hoffentlich passende „Must-have“. Egal, was Sie bestellen und wie viel – so mei- ne Erfahrung – der Verpackungsanteil steht in keinemVerhältnis zum Produkt. Nicht auf den Wert bezogen, sondern Verpackung als Produkt-, Transport- schutz und Füllmaterial in den verschie- denstenVarianten. Der Spaß hört dann meistens auf, wenn es um die artge- rechte Entsorgung des Ganzen geht. Der Onlinehändler delegiert die Entsor- gungsfunktion an den Konsumenten. Wie nachhaltig ist der Onlinehandel Stationär ist nachhaltiger: Jedes Ein- kaufserlebnis ist individuell und meis- tens erinnert man sich noch gerne oder ungerne daran, wo man das Produkt und warumman es gekauft hat. Online ist es immer nur ein Paket vor der Haus- türe. Genormt, uniform und unsexy. Return to sender: Der Handel ist durch die Multiangebote berühmt ge- worden: Nimm drei, zahl zwei. Online lautet die Devise: Bestell drei, schicke zwei zurück. Dieses Bestellverhalten – ich rede bewusst nicht von Kaufverhal- ten – hat der Schweiz denTitel „Größter Exporteur von Schuhen“ in der Statistik eingebracht. Nachhaltiges Einkaufen gibt es eben (fast) nur beim lokalen Händler vor Ort. Herkunft hat Zukunft. Gesellschaft beginnt vor der Haus- tür: Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich habe noch nie einen Radiospot eines Onlineriesen gehört, ein Stellen- inserat in derTageszeitung gelesen oder auf dem örtlichen Fußballplatz eine Bandenwerbung gesehen. In diesem Punkt ist der stationäre Händler sicher nachhaltiger und gesellschaftsorientier- ter. Dieser lebt im Ort, bildet Lehrlinge aus, schafft und sichert Arbeitsplätze, zahlt Steuern und nimmt am gesell- schaftlichen Leben teil. Fit in die Zukunft – so geht Verkaufen heute Abschließend noch einige Gedanken, wo nachmeiner Einschätzung die größ- ten Chancen für den stationären Händ- ler – und mündigen Konsumenten – lie- gen: Ambulanter statt stationärer Händ- ler: Kundenmöchten gepflegt und nicht behandelt werden. Je besser uns das gelingt, desto erfolgreicher werden wir sein. Der Kunde muss es aber auch wol- len und zulassen. Gemeinschaftsanbieter statt Einzel- händler: Probleme gemeinsam zu lösen und nicht als Einzelkämpfer, bringt Kun- den und den Ladenbesitzern Vorteile. Bedingungslos statt Bedienungslos: Gut geschultes Personal ist das A&O im Verkauf. Lieber mehr Bedienung, aber weniger Bedingung. Kunden möchten gerührt, nicht geschüttelt werden. Mit-Arbeiter statt Ab-Arbeiter: Der Person, welche dem Kunden in die Au- gen schaut, mehr Verantwortung über- tragen. Probleme schnell und unbüro- kratisch lösen. Ich wünsche Ihnen nachhaltigen Erfolg – bei allem, was Sie tun. Ad personam Dr. Wolfgang Frick, Jahrgang 1966, studierte Betriebswirt- schaft, Publizistik und Kommu- nikationswissenschaft und pro- movierte 1996. Er blickt auf 30 Lehr-, Studien- und Berufsjahre zurück. Heute fungiert er als Geschäftsleiter Marketing und Sortimentsmanagement der Spar-Gruppe Schweiz. Sein Buch „Online ist schlagbar“ ist bereits nach kurzer Zeit in der 2. Auflage erschienen. Foto: DarkoTodorovic|Photography|adrok.net b  Wo l f g a n g F r i c k G a s t k o m m e n t a r

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