CASH 05-06/2020

5–6|2020 ∙ CASH 119 K o m m e n t a r b  Uwe K n o p D ie Österreicher können sich glücklich schätzen: Noch sind die Diskussionen über den bun- tenNonsens auf Lebensmittelverpackun- gen namens Nutri-Score verhalten. Da- mit das auch so bleibt, sollten die folgenden Fallstricke bekannt sein, denn: Der Nutri-Score kann in keiner Weise einen wissenschaftlichen Nachweis er- bringen, dass er der Bevölkerung mehr Gesundheit bringt. Ganz im Gegenteil, denn dieseVerampelung von Lebensmit- teln ist ein durch und durch dreifach „gefährlicher“ Akt. Nicht nur, weil es die Verbraucher mehr verwirrt, als dass es sie aufklärt, sondern: • • Die Einteilung in gesunde und unge- sunde Lebensmittel ist unmöglich Für die avisierte Einteilung in ein Punk- tesystem fehlt jeglichewissenschaftliche Grundlage. Diese Werte basieren nicht auf (Kausal-)Evidenz, sondern auf der Freigeistigkeit findiger Forscher, die sie al Gusto eminenzbasiert festgelegt ha- ben.Allerdings gibt es keinen Beleg dafür, dass irgendein roter Punkt tatsächlich eine Gesundheitsgefahr darstellt. Die Einteilung ist also absolut willkürlich. Außerdem haben die Punkte die gleiche Farbe wie eineAmpel, und damit ist klar, dass der Mensch sie intuitiv mit dem Ampelsystemverbindet. Grün ist toll, da habe ich freie Fahrt. Bei Rot verliere ich den Führerschein, das ist gefährlich und böse. Das nutritiveAmpelsystemgaukelt den Menschen vor, es gebe eine Eintei- lung in gesunde und ungesunde Lebens- mittel. ImGrunde konterkariert man das eigene System, denn die sieben großen ernährungswissenschaftlichen Fachver- bände konstatieren klar und unisono: Die Einteilung in gesunde und ungesun- de Lebensmittel ist weder wissenschaft- lich vertretbar noch empfehlenswert. Diese strikte Kategorisierung ist Nonsens. G a s t k • • Der Nutri-Score führt dazu, dassVer- braucher für weniger Lebensmittel- qualität mehr Geld bezahlen Die Industrie wird sich hüten, Produkte mit vielen roten Punkten auf den Markt zu bringen. Um gelbe und grüne Punkte zu bekommen,wirdmanwichtige, hoch- wertige Nährstoffe aus den Rezepturen entfernen, zumBeispiel Fett, Zucker und Salz, und dafür mit Füllstoffen arbeiten, die das Produkt so aussehen lassen wie vorher. Geschmacklichwerden die nutri- gescortenNeolebensmittel schwach und vom Nährwert her nicht mehr so hoch- wertig sein wie vorher. Kurzum: Der Nutri-Score führt dazu, dass derVerbrau- cher für weniger Lebensmittel(-qualität) mehr Geld bezahlen wird. Die Produkte werden ausgehöhlt, um in den gesund- heitlich besten Bereich zu kommen.Ver- braucher müssen davon mehr kaufen, damit sie satt werden. Eine Pizza, die vorher 900 Kalorien hatte, wird nur noch mit beispielsweise 600 Kalorien produ- ziert.Vielleicht kaufenhungrigeVerbrau- cher dann zwei davon oder essen noch etwas anderes dazu, denn erst dann sind sie satt.All diese Punkte sprechen absolut gegen denNutri-Score.Aber die Industrie wird sich freuen. Ausnahmsweise mal wird man hinter verschlossenen Türen den Spendendrüsendrückern foodwatch und Co dankbar sein für ihren ideologi- schenÜbereifer, der selbst Bundesminis- terin JuliaKlöckner hat einknicken lassen. • • Kollateralschaden der Ampelkenn- zeichnung: Neue Essstörung Last, but not least: Der Nutri-Score wird ernährungssensiblen und gesundheits- hörigenVerbrauchern Angst machen. Es wirdmit Sicherheit jedeMengeMenschen geben, die nichts kaufen, das rote Punkte hat. Der Nutri-Score wird also zu einer neuen Formder Essstörung führen: Diese Scorektiker sind das Ergebnis, wennmo- derate Orthorektiker „on top“ eine aus- geprägte Rotpunktaversion entwickeln. In diesem Sinne ist für Österreich nur zu hoffen, dass die Nutri-Nötigung nicht über die Alpen schwappt und ihre Le- bensmittel weiterhin „frei von“ bleiben – frei von frei erfundenen Ampelpunk- ten ohne jeglichen Nutzen für die Menschheit. Ad personam Uwe Knop ist Diplom-Ökotro- phologe und Buchautor (u.a. „Dein Körpernavigator“). Seit mehr als zehn Jahren bildet die objektive, ideologiefreie und kritische Analyse Tausender ak- tueller Ernährungsstudien den Kern seiner Arbeit. Sein essenzi- elles Anliegen ist ihm dabei so- wohl die Vermittlung der massi- ven Aussageschwäche und systemimmanenten Limitierun- gen der Ernährungsforschung, die nur Korrelationen, aber kei- ne Kausalitäten liefert als auch die Offenlegung der Mechanis- men ernährungslobbyistischer Verbrauchermanipulation. Nutri-Score – halt’ dich fern von Österreich! Foto: Anette Kiefer/WDR

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