CASH 09/2019

64 9|2019 ∙ CASH I N T E R V I EW  b  Ma r t i n Ko c h e r / I n s t i t u t f ü r H ö h e r e S t u d i e n H a n d e l Foto: Carl Anders Nilsson CASH: Die private Geldvermögensbil- dung ist praktisch seit einem Jahrzehnt sistiert. Die Nullzinspolitik der EZB macht privaten und institutionellen An- legern gehörig zu schaffen. Ist in der Zinspolitik nicht ein Paradigmenwech- sel fällig? Martin Kocher: In naher Zukunft sehe ich keine Änderung dieser Strategie des billigen Geldes. Die EZB wird dabei blei- ben, nur leider hat man jetzt nur mehr einen sehr geringen Spielraum für wei- tere, konjunkturstimulierende Maßnah- men. Mit den Nullzinsen werden wir noch einige Zeit leben müssen. Mit welchen Auswirkungen? Nun, es wird einen Strukturwandel im Portfolio der Vermögen geben. Mit der Veranlagung in täglich disponierbaren Sparformen oder in Staatsanleihen kommt es – unter Berücksichtigung der Inflation – zu Kaufkraftverlusten. Das betrifft viele Sparer nicht nur in Öster- reich, sondern auch in Deutschland, denn in beiden Ländern ist die Wertpapieraffinität nicht sonder- lich stark ausgeprägt. Im vergan- genen Jahrzehnt war ja die Per- formance der Aktienmärkte nicht schlecht. Ich erwarte also den Umbau des Portfolios in diese Rich- tung, auch wenn der jetzige Zeitpunkt nicht gerade günstig ist, weil ja die Bör- sen von beträchtlicher Volatilität ge- kennzeichnet sind und gegenwärtig auch nicht viel Fantasie entwickeln. Sind die Zinsen überhaupt noch ein ent- scheidendes Kriteriumfür Investitionen und somit Wirtschaftswachstum? Deren Bedeutung für die Investitions- tätigkeit der Unternehmen geht ohne Zweifel zurück. Wir brauchen für die Wirtschaftsentwicklung offensichtlich weniger physisches Kapital. Die Digita- lisierung und ihre Geschäftsmodelle beispielsweise erfordern geringere Ka- Arbeitseinkommen als Konjunkturstütze entlasten „Mit Nullzinsen werden wir noch einige Zeit leben müssen.“

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