CASH 04/2019

4|2019 ∙ CASH 111 K o m m e n t a r b  Uwe K n o p E rnährungswissenschaft gleicht dem Lesen einer Glaskugel – und man braucht viel Fanatasie, um darauf basierend fiktive Regeln zur gesunden Ernährung zu erfinden. Klingt hart, aber muss man objektiv-ideolo- giefrei (leider) so sehen. Und so sehen das auch zahlreiche führendeWissen- schaftler. Der desolate Zustand ökotropholo- gischer Forschung ist in der Fachwelt schon lange bekannt. So erklärte der Ex-Direktor des deutschen Cochrane- Zentrums, das die Qualität wissen- schaftlicher Studien bewertet, Prof. Gerd Antes bereits 2011: „Die Ernährungswis- senschaften sind in einer bemitleidens- werten Lage. Studien in diesem Bereich sind von vielen unbekannten oder kaum messbaren Einflüssen abhängig. Des- wegen gibt es immer wieder völlig wi- dersprüchliche Ergebnisse.“ [1] Daher ist für Prof. Gabriele Meyer, Ex-Vorsit- zende des DNEbM e.V. (Deutsches Netz- werk Evidenzbasierte Medizin) und aktuell Mitglied imSachverständigenrat des deutschen Bundesgesundheitsmi- nisters Jens Spahn, klar: „Beobachtungs- studien sind nicht geeignet, präventive oder therapeutische Empfehlungen abzuleiten.“ [2] Meyers Nachfolgerin als Vorsitzende des DNEbM e.V. (2015-2017), Prof. Ingrid Mühlhauser, Gesundheits- wissenschaftlerin an der Uni Hamburg, erklärte Mitte 2016: „Beobachtungen, auch groß angelegte, sind keine ausrei- chende Grundlage für eine moderne Medizin.“ [3] Einer der Gründe: Beob- achtungsstudien liefern ausschließlich Korrelationen (statistische Zusammen- hänge), jedoch niemals Kausalitäten (Ursache-Wirkungs-Beziehungen/Be- weise). Im Forschungsfeld Ernährung G a s t k sieht es so aus: „Im Moment ist eine ganz große Korrelationsära in diesem Feld – und die Tatsache, dass es korre- lativ ist, bedeutet, dass man eigentlich sehr wenig sagen kann“, so Prof. Dirk Haller, Leiter Lehrstuhl für Ernährung und Immunologie amWissenschaftszen- trumWeihenstephan [4]. „Nicht genügend wissenschaftliche Evidenz“ Dementsprechend war es nur eine Fra- ge der Zeit, bis imFebruar 2016 Prof. Peter Stehle, Präsidiumsmitglied der DGE e.V. (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) öffentlich offenbarte, dass die Ernäh- rungsforscher ein Problem haben: „Wir können nicht genügend wissenschaft- liche Evidenz liefern.“ Denn das sei „tat- sächlich schwierig, das Liefern von Be- legen.“ Die beobachteten Ergebnisse der Ernährungsforschung seien daher „ar- gumentativ natürlich sehr, sehr schwach. Aber das war immer so und wird so bleiben.“ Denn zu diesen Studi- en, die harte Evidenz, also Beweise für beispielsweise gesunde Ernährung lie- fern, erklärt Stehle: „Solche Interventi- onsstudien wird es nie geben.“ Auch auf die Frage, wie hoch der Einfluss der Er- nährung auf die Gesundheit (Verfas- sung) ist, spricht Stehle Klartext: „Das lässt sich nicht quantifizieren. Niemand weiß das.“ [5] Einer der vehementesten Kritiker der „Glaskugel“ Ernährungsfor- schung ist Prof. John P. Ioannidis, Stan- ford University, der im August 2018 Klartext redete: Ernährungsstudien sei- en voll vonmethodischen Mängeln und daher nicht aussagekräftig. Ergo emp- fiehlt er den Autoren von Ernährungs- studien: Nochmals von vorn anfangen! [6] In diesem Sinne folgt abschließend ein „ökotrophologisch adaptiertes“ Zitat des Philosophen Paul Watzlawick: Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt, denn: Jeder Mensch is(s)t anders. Foto: BoD Books on Demand Ad personam Uwe Knop ist Diplom-Ökotro- phologe und Buchautor (u. a. „intuitiv essen“). Seit mehr als 10 Jahren bildet die objektive, ideologiefreie und kritische Analyse Tausender aktueller Er- nährungsstudien den Kern sei- ner Arbeit. Sein essenzielles Anliegen ist ihm dabei sowohl die Vermittlung der massiven Aussageschwäche und system- immanenten Limitierungen der Ernährungsforschung, die nur Korrelationen, aber keine Kau- salitäten liefert, als auch die Offenlegung der Mechanismen ernährungslobbyistischer Ver- brauchermanipulation. Die [Quellen] zum Gastkommentar erhalten Sie auf Anfrage per Mail unter presse@echte-esser. de direkt beim Autor. Fantastische Forschung

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