: "Cybercrime bietet heute ein breites Spekt...
 

"Cybercrime bietet heute ein breites Spektrum an Tätergruppierungen"

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Claus Kahn, Leiter des Kompetenzzentrums Wirtschaftskriminalität beim Bundeskriminalamt/Quelle: Bundeskriminalamt
Claus Kahn, Leiter des Kompetenzzentrums Wirtschaftskriminalität beim Bundeskriminalamt/Quelle: Bundeskriminalamt

Claus Kahn arbeitet beim Bundeskriminalamt als Leiter des Kompetenzzentrums Wirtschaftskriminalität. Welche Gefahren für Wirtschaftstreibende im E-Commerce lauern, was sogenannte „Scriptkiddies“ sind und welche Rolle das Bundeskriminalamt bei der Prävention und der Aufklärung von Verbrechen im Netz spielt, hat Kahn im Gespräch mit etailment.at erläutert.

etailment.at: Die Kriminalität im Internet ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Laut dem Cybercrime Report von 2013 hat sich die Cyber-Kriminalität von 2011 auf 2012 um mehr als die Hälfte erhöht. Wie ist dieser rasante Anstieg zu erklären?



Claus Kahn: Die Internetkriminalität ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, weil auch die Anzahl der User deutlich gestiegen ist. Wir haben heute eine flächendeckende Internetversorgung und besitzen mindestens ein Smartphone. Die Täter brauchen also nur ihre Angeln in ein Biotop von Millionen potentiellen Opfern zu werfen und darauf zu warten, dass jemand anbeißt. Nichtsdestotrotz hatten wir im abgelaufenen Jahr 2013 eine deutliche Abflachung was die Anzahl der Anzeigen betrifft. Das ist erfreulich, denn das zeigt, dass die zahlreichen Informationskampagnen greifen. Die Österreicher machen es den Tätern nicht mehr so einfach.



etailment.at: In welchen Formen tritt Internetkriminalität im Online-Handel auf?



Kahn: Hier ist vor allem der Vorauszahlungsbetrug zu nennen. Der Kunde überweist die Summe, der Täter erhält das Geld und ist weg. Dafür bedienen sich die Täter tausender gefakter Webseiten. Ist eine Seite „verbrannt“, dann wird die nächste online gestellt. Aber auch die Betreiber von E-Commerce Seiten sind nicht hundertprozentig sicher. Täter setzen dazu im Internet erlangte Kreditkartendaten für betrügerische Einkäufe ein. Zumeist bleiben die Händler oder die Kreditkartenfirmen auf den entstandenen Schaden sitzen.



etailment.at: Google Glass oder Beacons am Point of Sale sind neueste Trends im E-Commerce. Welche Gefahren lauern in diesem Bereich beziehungsweise wie kann man sich davor schützen?



Kahn: Wie bei jeder neuen technischen Erfindung gibt es neben den positiven Effekten auch negative Nebenerscheinungen. Daher gilt ganz allgemein, aber dennoch wirkungsvoll: Bitte den Hausverstand einschalten und versuchen bei technischen Neuerungen möglichst up-to-date bleiben.



etailment.at: Wie hoch ist der jährliche Schaden, den Unternehmen im Online-Handel durch Cybercrime in Österreich erleiden?



Kahn: Diese Daten werden in der österreichischen Kriminalstatistik nicht erfasst. Das wahre Ausmaß des Schadens, der durch Cyberkriminelle verursacht wird, lässt sich auch nur schwer erfassen. Studien, wie zum Beispiel der Norton Cybercrime Report, gehen weltweit von einer Million Opfer durch Cybercrime pro Tag aus. Dennoch dürfte die Dunkelziffer nach wie vor sehr hoch sein. Viele Betroffene erstatten keine Anzeige bei der Polizei, da die Schadenssumme oft unterhalb der Anzeigenschwelle liegt und sie der Meinung sind, dass die Täter ohnedies nicht ausgeforscht werden.



etailment.at: Wie können sich Anbieter als auch Käufer davor schützen?



Kahn: Es sind oftmals die banal klingenden Dinge. Wie bei einem Hauseinbruch suchen sich die Täter oft jene Opfer, die es ihnen einfach machen. Ein optimaler Schutz ist immer eine Mischung aus technischen Maßnahmen und die Einhaltung bestimmter Verhaltensregeln. Einerseits empfiehlt es sich, Virenschutz und Firewall aktuell zu halten und Passwörter möglichst komplex zu gestalten. Andererseits sollte man sich bewusst sein, dass Angebote, die allzu verlockend klingen, genau geprüft werden müssen. Denn auch im Internet will Ihnen niemand etwas schenken.



etailment.at: Welche Rolle spielt das Bundeskriminalamt Wien bei der Aufklärung und dem Schutz von Unternehmen hinsichtlich Cybercrime?



Kahn: Das Bundeskriminalamt setzt auf Prävention und Repression und das in Kooperation mit der Wirtschaft und der Wissenschaft. Die große Herausforderung liegt darin, auf laufend neue Kriminalitätsphänomene rasche Antworten zu geben. Um diesen Trends wirkungsvoll begegnen zu können, waren die Umsetzung der Cybersicherheitsstrategie und die Implementierung des Cybercrime-Competence-Centers, kurz C4, im Bundeskriminalamt notwendige und richtige Weichenstellungen.



etailment.at: Machen sich viele Menschen in Österreich aufgrund fehlender Kenntnis unwissentlich strafbar?



Kahn: Ja, man kann sich auch an einer strafbaren Handlung beteiligen, wenn man zum Beispiel sein Konto für Geldtransfers zur Verfügung stellt. Als Inserat „Job für dich“ beziehungsweise einer lohnenden Nebentätigkeit getarnt, sprechen wir hier von dem Dienst eines „Finanzagenten“. Daher gilt: Verlockende Angebote in der Geldvermittlung bitte konsequent ablehnen.



etailment.at: Haben kriminelle Täter im Netz auch gleichzeitig ein hohes Wissen im IT-Bereich? Gibt es diesbezüglich ein typisches Täterprofil?



Kahn: Cybercrime bietet heute ein breites Spektrum an Tätergruppierungen: Junge Einzeltäter, sogenannte „Scriptkiddies“, die sich – da sie ihren Opfern nicht mehr gegenübertreten müssen – als Hacker versuchen. Oder hoch professionelle Schadcodeprogrammierer, die in professionell agierenden kriminellen Organisationen arbeiten. Beide Beispiele veranschaulichen das aktuelle Täterspektrum. Die sogenannte „Underground Economy“ steht den „Cybercrime-Anfängern“ ebenso wie den „Profis“ quasi als Online-Selbstbedienungsladen 24/7 zur Verfügung. Das Internet stellt das erforderliche fachliche Know-how, Tatbegehungsmittel für alle erdenklichen Zwecke und nicht zuletzt ein unüberschaubares Netzwerk von professionell miteinander in Verbindung stehenden Berufsverbrechern bereit.



etailment.at: Welche Rolle spielt die internationale Zusammenarbeit mit Behörden anderer Länder? Hat sich durch die EU die Arbeit innerhalb Europas verbessert?



Kahn: Der enge internationale Austausch spielt eine sehr wichtige Rolle, denn die Aktivitäten der Täter im Netz kennen ja auch keine Landesgrenzen. Wir kooperieren daher sehr stark mit Interpol, das derzeit eine eigene Einheit in Singapur auf die Beine stellt und der Spezialeinheit EC3 bei Europol. Ein Beispiel einer großen länderübergreifenden Kooperation unter der Federführung von Europol war die Operation „BlackShades“. Aufgrund eines Hinweises vom FBI hat das österreichische Bundeskriminalamt Ermittlungen gegen international agierende Hacker geführt. Dabei konnten in Österreich 19 Tatverdächtige ausgeforscht und eine Datenmenge in der Höhe von 56 Terrabyte sichergestellt werden. Unser Wissen wurde dann an die anderen Polizeieinheiten weitergegeben. Nur so konnten weltweit 97 Personen festgenommen werden.






Zur Person:



Claus P. Kahn studierte an der Fachhochschule Wien Unternehmensführung und Management. Nach mehrjähriger Tätigkeit in der Privatwirtschaft wechselte er im Jahr 2009 in das Bundeskriminalamt. Seit September 2013 leitet er dort das Kompetenzzentrum Wirtschaftskriminalität. Zu seinen Agenden zählen die strategische Planung und Entwicklung der nationalen und internationalen Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Ein Schwerpunkt nimmt dabei der Internetbetrug und insbesondere die entsprechende Präventionsarbeit ein.



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