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E-Commerce: "Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten"

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“Das gesamte Angebot an gut ausgebildetem Personal am Markt ist viel zu gering für den großen Bedarf der nächsten Jahre”, sagt Jan Radanitsch, Lehrgangsleiter Diplomlehrgang E-Commerce Management am WIFI Wien.
“Das gesamte Angebot an gut ausgebildetem Personal am Markt ist viel zu gering für den großen Bedarf der nächsten Jahre”, sagt Jan Radanitsch, Lehrgangsleiter Diplomlehrgang E-Commerce Management am WIFI Wien.

Das WIFI Wien bietet ab Herbst 2014 den Diplomlehrgang E-Commerce Management an. Als Lehrgangsleiter fungiert der Gründer von Smarter Ecommerce, Jan Radanitsch.

Im Interview mit etailment.at erklärt er, warum E-Commerce “keine kurzfristige Modeströmung” ist.



Etailment.at: Mit dem Diplomlehrgang E-Commerce Management bieten Sie ab September 2014 eine spezifisch für den Onlinehandel zugeschnittene Ausbildung an. Was war der Grund für die Einführung eines eigenen Diplomlehrganges?



Jan Radanitsch: Wir sehen in unserer täglichen Arbeit in der E-Commerce Beratung, dass unsere Kunden Schwierigkeiten haben, E-Commerce Abteilungen aufzubauen oder zu erweitern. Nicht, dass es keine Bewerbungen gäbe. Das Thema ist für viele junge Leute hochinteressant. Nur bringen zu wenig Menschen auch die geforderten Qualifikationen mit bzw. sind nicht einschlägig ausgebildet. Offensichtlich besteht also auch ein Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich. Vor allem ist es schwierig, jemanden zu finden, der nicht nur in Teilbereichen versiert ist – etwa aus der Logistikecke kommt oder Erfahrung mit User Experience hat -, sondern jemanden, der alle Bereiche gut abdeckt. Daher haben wir versucht, ein sehr praxisnahes Ausbildungskonzept zu erarbeiten. Es gibt theoretischen Background – vorgetragen hauptsächlich von Praktikern namhafter österreichischer und deutscher Unternehmen und Institutionen. So wird etwa auch UNITO Österreich Vorstandssprecher Harald Gutschi einen Abend gestalten und Einblick in seine strategischen Überlegungen geben.



Etailment.at: Worauf ist der bisherige Mangel an professionellen Mitarbeitern im Online-Handel zurückzuführen?



Radanitsch: Die rasante E-Commerce Entwicklung wurde nach dem Platzen der ersten Blase 2001 in Österreich eher verschlafen oder bewusst abgewartet. Nur ist E-Commerce halt keine kurzfristige Modeströmung, die wieder vorbei geht. E-Commerce integriert sich schon jetzt ganz tief in all unsere Lebensbereiche und wird das noch stärker tun. Da rächt es sich, dass jahrelang viel zu wenig investiert wurde. Sowohl in Strategien – als auch in Personal. Vielfach haben Mitarbeiter aus anderen Fachabteilungen das Thema Shop “umgehängt” bekommen und mussten sich ihr Wissen parallel zum klassischen Job aufbauen und leiden oft unter akutem Zeitmangel. Solange die starke Dynamik in den Unternehmen nicht wahrgenommen wurde – solange wurde er auch in den Ausbildungseinheiten ignoriert. Mittlerweile gibt es aber eine Reihe guter Manager mit Erfahrung, die sich das Rüstzeug in der Praxis selbst verdient haben und nun Schwierigkeiten haben, gute Teammitglieder zu finden, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden.


Das gesamte Angebot an gut ausgebildetem Personal am Markt ist viel zu gering für den großen Bedarf der nächsten Jahre. Die strategische Arbeit und das tägliche Management eines Online Shops verlangen eben mehr als nur wirtschaftliches Hintergrundverständnis oder Kenntnisse aus dem Einzelhandel. Die Anforderungen haben sich in den vergangenen paar Jahren intensiviert, da die Wettbewerbssituation immer kompetitiver wird und Kunden andere Erwartungen an gute, benutzerfreundliche Online Shops haben als noch vor einiger Zeit.


Es geht um das ganzheitliche Verständnis der komplexen Prozesse, die dabei ineinander spielen, die Kenntnis von IT-Systemen und Logistikprozessen, aber auch Verständnis für Benutzerverhalten im Internet oder wie sich Angewohnheiten beim Online Shoppen von Filialkäufen unterscheiden und wo es Gemeinsamkeiten gibt. Vor allem: Wie kann ich die Kanäle zu multiplen Touchpoints für unsere Kunden integrieren?


Moderne Kunden nutzen nicht primär Kanäle. Sie haben momentane Anforderungen und wollen ein integriertes Angebot aus Mobile, Online Shop, Showrooming, gutem Service – am Telefon und in der Filiale – , Abholmöglichkeit oder perfekt gesteuerte Zustellung zum richtigen Zeitpunkt. Der E-Commerce Manager muss Strategien und Konzepte dafür erarbeiten und in der Kommunikation mit Spezialisten auf Augenhöhe stehen, um die Umsetzung und den Betrieb zu ermöglichen.



Etailment.at: Welche Zielgruppe sprechen Sie mit dem neuen Diplomlehrgang an?  



Radanitsch: Primär richtet sich der Diplomlehrgang an Personen aus der Handelsbranche, die bereits aktiv im Thema arbeiten und ihre Kompetenzen komplettieren und auch theoretisch fundieren wollen. Aber auch Personen aus Unternehmen, die erst den Launch eines Online Shops planen und die operativen und strategischen Kompetenzen dafür aufbauen wollen gehören zur Zielgruppe. Natürlich bewerben sich immer auch individuell Menschen, die einen Karrierewechsel in Richtung Onlinehandel anstreben. Ein gewisses Grundverständnis wird vorausgesetzt – eine vorangegangene Ausbildung in einem themennahen Bereich ist für den Lernerfolg sicher kein Nachteil. Grundsätzlich sollte der E-Commerce Manager von morgen technisches Interesse und Verständnis mitbringen und in vertrieblichen und wirtschaftlichen Belangen versiert sein. Ein Schuss Kreativität und die Fähigkeit zu Projektmanagement und Organisation runden das Profil ab. Die Anforderungen an so einen “Schnittstellen”-Job sind sehr hoch. Daher ist eine fundierte Ausbildung so wichtig.



Etailment.at: Welche besonderen, spezifischen Qualifikationen erwerben die Teilnehmer im Diplomlehrgang?



Radanitsch: Die erworbenen Qualifikationen beziehen sich auf alle Phasen in der Konzeption und im Aufbau eines Online Shops, von der rudimentären Strategieentwicklung über technische Tools wie Shopsysteme, Warenwirtschaft und Logistiktool sowie Analysetools bis hin zur kreativen Komponente des Shopdesigns, den erfolgsentscheidenden Komponenten des Online Marketings und der Analyse des Nutzerverhaltens und der relevanten Kennzahlen. Neben Vermittlung theoretischer Inhalte soll vor allem auch der Blick für tatsächlich in der Praxis auftretende Problemstellungen und Herausforderungen geschärft werden. Deshalb ist es uns wichtig, das Trainerteam vor allem mit Personen aus der Praxis zu besetzen, die ihre Erfahrungen in dieser sich rasch verändernden Branche teilen können – denn Dinge, die vor zwei Jahren Standard waren, können heute bereits wieder veraltet sein. Es ist wichtig, Bewusstsein zu schaffen für die Geschwindigkeit, mit der sich unser Verständnis von E-Commerce weiterentwickelt. Das klare Ziel des Lehrgangs ist, Einzelqualifikationen miteinander zu verknüpfen und eine ganzheitliche Sichtweise über den gesamten Prozess zu lehren.



Etailment.at: Multichannel, Mobile-Commerce und Same Day Delivery sind nur einige der Trends, mit denen sich (Online-)Händler konfrontiert sehen. Welche wesentlichen Anforderungen stellt das Internet heute an den Handel?



Radanitsch: Die wesentlichste Anforderung ist wahrscheinlich das hohe Ausmaß an Flexibilität, wenn es um schnelles Reagieren auf Trends geht, die teilweise große logistische Herausforderungen darstellen, wie etwa die von Ihnen erwähnte Same Day Delivery. Man nehme beispielsweise das Weihnachtsgeschäft letzten Jahres in den USA – Retailer machen Versprechungen, die sie nicht halten können, weil sie oder ihre Partner an logistische Grenzen stoßen – das verärgert Kunden aber und kann dazu führen, dass sie ihre Weihnachtsgeschenke im Jahr darauf bei der Konkurrenz einkaufen. Es ist schwierig, verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen, auch wenn Amazon mit Geschenkgutscheinen über die nicht rechtzeitig eingetroffenen Waren hinwegtrösten wollte. Online ist jeder mit jedem vergleichbar, und es ist als Benutzer relativ einfach, sich über nationale Grenzen hinweg über diverse Angebote zu informieren. Online Shopper hierzulande blicken nach Deutschland zu Best Practice Beispielen wie etwa Zalando oder Amazon und passen ihre Erwartungen dementsprechend an. Je höher die Anforderungen der Nutzer, desto schwieriger wird es als Konsequenz für Online Retailer, gegenüber der Konkurrenz mit Alleinstellungsmerkmalen hervorzustechen. Dies ist wahrscheinlich die im Moment größte Herausforderung: wie kann man sich als Onlinehändler – der keine Nischenprodukte anbietet oder sich über Produktpreise differenzieren kann – noch von der Konkurrenz abgrenzen? Es gibt hier keine allgemeingültige Antwort, denn Branchen unterscheiden sich zum Teil drastisch und Pure Player agieren anders als Multichannler.


Vorteile für Multichannler können z.B. in der intelligenten Verknüpfung von Online- und Offlinehandel liegen, etwa über Services wie Pick-Up in der nächsten Filiale. Der Servicegedanke rückt generell immer weiter in den Vordergrund – die nahtlose Verknüpfung aller zur Verfügung stehenden Kanäle, um dem Kunden das Einkaufserlebnis so angenehm wie möglich zu gestalten.


Das Schlüsselwort ist hier aber nach wie vor: Vertrauen! Über gut durchdachte Kundenansprache und konsequenten Aufbau von Vertrauen über alle Kontaktpunkte hinweg kann man Einmalkäufer zu wiederkehrenden, zufriedenen Kunden machen. Das beginnt bei zielgerichtetem (Online) Marketing zieht sich über den Shoppingprozess und endet bei Lieferung oder Pick-Up und der wichtigen Betstätigung bzw. “inneren Sicherheit” des Kunden, tatsächlich das “Richtige” beim “richtigen” Anbieter gekauft zu haben.



Etailment.at: Wie können KMU Ihrer Meinung nach von den aktuellen Online-Trends profitieren?



Radanitsch: Die relativ geringen Einstiegshürden beim Aufbau eines Online Shops können auch für kleinere Unternehmen vorteilhaft sein – der eigentliche Firmenstandort ist dann sekundär. Ein kleines Waldviertler Unternehmen hat so die Möglichkeit, die gleiche Zielgruppe wie ein Unternehmen mit Sitz in der Wiener Innenstadt zu erreichen. Der Trend, wieder lokaler zu denken und lieber von kleineren, heimischen Shops als von internationalen Big Playern zu bestellen, kann auch für KMU ein Sprungbrett bedeuten. Auch im B2B-Bereich kristallisieren sich in letzter Zeit eindeutige Trends heraus – denn die Entscheider dort werden jünger, entstammen oft selbst der Generation “Digital Natives” und sammeln demnach Erfahrungen als Privatkonsumenten, die sie in ihre eigene Branche einfließen lassen. Online Shops sind also längst nicht mehr großen B2C-Unternehmen vorbehalten! Diese Entwicklung wird sich meiner Ansicht nach auch weiter fortsetzen.



Etailment.at: In Österreich beträgt der Importanteil der Online-Umsätze schätzungsweise 50 Prozent, nur zwei der 15 größten Online-Shops in Österreich haben hier auch ihre Firmenwurzeln. Wie „fit“ schätzen Sie den österreichischen E-Commerce ein? Wo gibt es Probleme, wo liegt noch Potenzial?



Radanitsch: Man muss bedenken, dass unser Markt einfach nicht so groß ist wie der deutsche Markt. Das bedeutet aber auch, dass hierzulande noch einiges an Potenzial schlummert – das jährliche Wachstum ist ja nach wie vor beachtlich – möglicherweise sind wir auch etwas zu leicht eingeschüchtert von der “großen” Konkurrenz aus dem Nachbarland. Ein Anstoß könnte möglicherweise der in letzter Zeit feststellbare Schwenk Richtung mehr Regionalitätsbewusstsein sein. Medienkritik an Big Pure Playern wie z.B. Amazon lösen ethische Grundsatzdebatten aus. Davon können vor allem kleinere, lokale Unternehmen profitieren, wenn sie auf den “regionalen” Zug aufspringen und diese Vorteile auch Kunden gegenüber aktiv kommunizieren. Wir dürfen neben der Gesamtbilanz nicht übersehen, dass es auch einige großartige Nischenplayer aus Österreich gibt. Z.B. im Bereich Modellsport machen die Firmen Schweighofer und Lindinger durch Ihr Online-Engagement beträchtliche Umsätze im Ausland und holen Wertschöpfung nach Österreich.



Etailment.at: Zurück zum Diplomlehrgang: Die Bewerbungsfrist endet im Juli bzw. August. Wie viele Interessenten gibt es bis dato? Wie ist das Feedback?



Radanitsch: Das Feedback ist hervorragend. Neben vielen positiven Reaktionen aus den Handelsbetrieben gab es generell auch aus der Internetindustrie viel Lob. Denn auch Dienstleister und Agenturen profitieren davon, wenn die Teams in den Unternehmen gut besetzt und ausgebildet sind und so professionell miteinander gearbeitet werden kann. Schon bevor in der Presse vom neuen Diplomlehrgang zu lesen war, gab es die ersten Anmeldungen für die Infoveranstaltung. Einfach indem der Lehrgang im WIFI E-Shop freigeschalten worden und automatisch über AdWords beworben worden ist. Denn Bedarf und Suchvolumen ist vorhanden – das war uns schon vorher klar.


Momentan gibt es schon 15 Anmeldungen für die erste Infoveranstaltung. Das ist für einen neuen Lehrgang durchaus viel – was den Bedarf noch mal bestätigt. Erfahrungsgemäß werden es bis zur Infoveranstaltung am 5. Juni noch wesentlich mehr und es wird schwierig werden, die  besten Kandidaten und Kandidatinnen für den Lehrgang auszuwählen. Am 21. August 2014 wird es noch einen zweiten Infoabend für Spätentschlossene geben, der mitten in die zweite Bewerbungsfrist fällt. Das letztmögliche Datum zur Bewerbung ist der 27. August 2014. Gestartet wird im September – im Weihnachtsgeschäft legen wir entsprechend den Anforderungen der Branche eine Pause ein.



Über Jan Radanitsch



Jan Radanitsch ist Gründer von Smarter Ecommerce (smec) und seit Jahren Pionier im E-Commerce-Bereich. Er studierte Sozialwirtschaft an der JKU Linz und war vor der Gründung von smec geschäftsführender Gesellschafter bei Datenkraft IT Consulting. Radanitsch tritt als Speaker auf internationalen Konferenzen und Kongressen auf.



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