Payment im Multichannel: Coverstory 10/19: Di...
 
Payment im Multichannel

Coverstory 10/19: Digital übt sich stationär

New Africa - stock.adobe.com

Apple Pay, eine europäische Dienstleister-Allianz und die PSD2-Verordnung der EU wirbeln ordentlich Staub in der Payment-Branche auf. Wohin der Trend geht ist jedoch eindeutig: Multichannel wird bei den Bezahldiensten stark vorangetrieben.

Es war ein großer Schritt für die Anbieter von Zahlungslösungen: Anfang September haben sich sieben europäische Branchenvertreter zur "European Mobile Payment Systems Association" (EMPSA) vereinigt, Österreich und Deutschland werden dabei von Bluecode vertreten. Weiters mit dabei sind Twint (Schweiz), Swish (Schweden), Vipps (Norwegen), MobilePay (Finnland, Dänemark), Bancontact Payconiq (Belgien) und Sibs/MB Way (Portugal). Dr. Christian Pirkner, CEO der Bluecode International AG, erklärt das Ziel dieser Interessenvertretung: "EMPSA ist die Schlüsselinitiative, um eigene Standards und einen wettbewerbsfähigen, interoperablen Rahmen für Europa zu schaffen und verloren gegangenes Terrain im europäischen Zahlungsraum zurückzugewinnen. Bluecode leistet mit seiner Expertise und Technologie einen wesentlichen Beitrag, um rasch eine grenzübergreifende Interoperabilität mobiler Zahlungen herzustellen, damit das Kundenerlebnis sowie Daten- und Geldflüsse im Sinne der Endkunden in den Händen europäischer Banken und Händler bleiben." Durch die Abstimmung der Bezahlverfahren der Anbieter werden diese zueinander kompatibel und lokale Dienste können auch im europäischen Ausland bei EMPSA-Teilnehmern genutzt werden.

Es ist eine indirekte Kampfansage an den Payment-Riesen Apple Pay, der in den USA seit 2014 und seit April dieses Jahres auch in Österreich verfügbar ist. Bisher zählen Mastercard, Visa, Erste Bank Sparkasse, N26, boon, Monese und Revolut zu den Partnern von Apple, bald kommen auch die Bank Austria/UniCredit, Edenred und Vimpay hinzu. Für Pirkner bringt der Markteintritt zwar Schwung in die Mobile-Payment-Landschaft, "es wird sich aber zeigen, welchen Stellenwert Datenschutz und Privatsphäre bei den Kunden haben. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, wem man seine Daten anvertraut. In Europa basieren die mit Abstand meisten stationären und Onlinezahlungen mit Bankomat- oder Kreditkarte auf US-amerikanischen Zahlungssystemen, weil wir kein eigenes europäisches Regelwerk für kartenbasierte Zahlungen haben. Jetzt werden diese US-Zahlungskarten zusätzlich am Smartphone in den Mobile-Payment-Wallets der US-Anbieter Google und Apple hinterlegt."

Alternative aus Europa
Es ist kaum verwunderlich, dass seitens der europäischen Anbieter zum Gegenangriff geblasen wird. Neben dem Onlinegeschäft sind Bluecode und der schwedische Dienstleister Klarna (als Klarna Instore) sowie Paysafe im stationären Handel vertreten. Als "Puffer" zwischen Händler und Konsumenten bieten sie eine in Kassensysteme integrierbare White-label-Plattform fürs Bezahlen und übernehmen die Haftung der Transaktionen. Händler erhalten so sicher ihr Geld, Kunden können später oder in Raten zahlen und tragen kein finanzielles Risiko beim Erhalt von falscher oder beschädigter Ware. Nach diesem Prinzip funktioniert auch der neue "Pay Later"-Service von Paysafe: Via SMS oder QR-Code erhalten Nutzer ein Formular, mit dem sie einen Bezahlzeitraum von drei bis 24 Monaten auswählen können, basierend darauf werden die Zinsen angepasst. Nach einer Bonitätsprüfung erhält der Kunde einen Code, den der Händler als Zahlungsbestätigung annimmt.

Claire Gates, CEO von Paysafe Pay Later der Paysafe Group, erklärt den Gedanken hinter dem neuen Service: "Bisher fühlten sich Kunden beim Wunsch nach Ratenkauf unter Umständen wie ein Bittsteller und mussten oft komplizierte Anträge ausfüllen. Unsere neueste Instore-Bezahllösung ermöglicht Ratenzahlung im Schnelldurchlauf: In wenigen Minuten ist alles erledigt – und dies bei hoher Sicherheit für den Händler durch Bonitätsprüfung in Echtzeit und mit Zahlungsgarantie. Diese Schnelligkeit und unser Investment in die Technologie bergen sowohl für Kunden als auch Händler große Vorteile."

Ein Blick auf die beliebtesten Zahlungsmöglichkeiten im E-Commerce laut der Studie "Internet-Einzelhandel 2018" der KMU Forschung Austria zeigt eine rückläufige Verwendung von Banküberweisungen und Kreditkarten, obwohl beide Services noch dominant vertreten sind. Während diese 2017 noch von 31 Prozent beziehungsweise 30 Prozent der Kunden in Anspruch genommen wurden – ein Minus von jeweils elf und sieben Prozentpunkten im Vergleich zu 2013 – konnte alleine PayPal im selben Zeitraum von acht Prozent auf 23 Prozent wachsen. Auch der Anteil der "sonstigen Zahlungsmittel", die etwa eps-Überweisungen oder Zahlungs-Dienstleister jenseits von Pay­Pal beinhalten, stieg in dem Zeitraum von neun Prozent auf 13 Prozent an.
Payment-Partner
Die Payment-Optionen werden unter anderem von folgenden Handelsketten akzeptiert:
Bluecode: Alle Rewe-Ketten bis auf Penny, Adeg, alle Spar-Märkte inkl. Maximarkt und Hervis, MPreis und Baguette, Unimarkt
Klarna Instore: Interspar, Hervis, XXL Sports & Outdoor, dm
Paysafe Pay Later: XXXLutz, Decathlon
Apple Pay: Billa, Bipa, Merkur, Sutterlüty, Penny, Interspar, Lidl, Hofer, Metro, dm
Einfach, schnell und sicher

Die Anzahl der Payment-Optionen wächst und die dafür notwendige Infrastruktur ist auf der Kundenseite auf jeden Fall schon vorhanden. In einer Studie hat das Marktforschungsinstitut IPSOS im Auftrag von Mastercard erörtert, dass 97 Prozent aller Österreicher über ein Smartphone verfügen und 56 Prozent über ein Tablet. Smartwatches und Sprachassistenten in Lautsprecher-Form (Amazon Alexa oder Google Home) werden bereits von zwölf Prozent aller Konsumenten genutzt. "Technik rückt näher an uns heran und verschmilzt immer mehr mit unserem Alltag. Dies verändert nachhaltig, wie und was wir konsumieren und wie wir dafür bezahlen. Diese Kanäle werden auch zunehmend zum Einkaufen genutzt", fasst Christian Rau, General Manager bei Mastercard Austria, zusammen. Mastercard möchte "mit Technologie, Kompetenz und zahlreichen Innovationen zur Seite stehen, um bequeme, einfache und zugleich sichere Zahlungen überall da zu ermöglichen, wo Konsumenten diese wünschen. Etwa mit der Debit Mastercard, die seit April die Möglichkeit bietet, einfach und bequem im Internet oder per Smartphone im stationären Einzelhandel einzukaufen – auch ohne Kreditkarte. Das Geldbörserl mit Kleingeld bleibt immer öfter in der Tasche, der Bezahlprozess wird beschleunigt und Wartezeiten reduziert", so Rau.
Christian Rau, General Manager bei Mastercard Austria
Mastercard
Christian Rau, General Manager bei Mastercard Austria
Er spricht auch die Anforderungen der EU-Richtlinie für Zahlungsdienste im Onlinehandel (PSD2) an, die von anderen Kreditkarten-Anbietern wie Visa oder American Express ebenfalls umgesetzt werden: "Dadurch wird Missbrauch effektiv verhindert und Zahlungen noch sicherer. Die Kundenauthentifizierung verwendet mindestens zwei Elemente der Kategorien Wissen, Besitz oder Inhärenz wie etwa ein Fingerabdruck. Damit der Handel profitiert und Kunden nicht überfordert werden, arbeitet die gesamte Industrie an einer entsprechenden Umsetzung der Richtlinie. Es ist wichtig, dass wir die technischen, regulativen und gesellschaftlichen Neuerungen aktiv mitgestalten, denn sie bestimmen bereits das Hier und Jetzt und noch mehr die Welt in der wir zukünftig leben werden."

Finstere Prognosen rund um die Auswirkungen der Richtlinie liefert eine Studie der US-amerikanischen Marktforschungsagentur "451 Research": Darin wird ein möglicher Einnahmen-Verlust des europäischen Onlinehandels von bis zu 57 Milliarden Euro im ersten Jahr nach der Einführung der starken Kundenauthentifizierung im Rahmen von PSD2 dargestellt, was einem Rückgang von zehn Prozent der E-Commerce-Umsätze entsprechen würde. Besonders KMU mit weniger als 100 Mitarbeitern würde es hierbei hart treffen: Noch im Mai waren laut der Studie drei von fünf Unternehmen dieser Größe nicht ausreichend auf die gestiegenen Anforderungen vorbereitet. Zwar ist die Frist zur Umsetzung der Maßnahmen von PSD2 – der 14. September 2019 – bereits abgelaufen, die heimische Finanzmarktaufsicht lässt jedoch vorerst Gnade walten und hat eine Nachfrist zur Umsetzung bis Ende 2020 gewährt (Details dazu finden Sie in der Infobox "Payment Service Directive 2"). Auf der Konsumentenseite sah es übrigens nicht besser aus, denn 73 Prozent der Befragten wussten im Mai nicht, dass die neue Richtlinie überhaupt existiert.
Infobox "Payment Service Directive 2"
Mit 14. September 2019 ist europaweit die Frist zur Umsetzung der starken Kundenauthentifizierung im Onlinehandel, welche in der Payment Service Directive 2 (PSD2) geregelt ist, abgelaufen. Da viele Händler auf die Sicherheitsvorkehrungen jedoch noch nicht ausreichend vorbereitet waren, macht die Finanzmarktaufsicht (FMA) bis 31. Dezember 2020 von der Möglichkeit einer „aufsichtsbehördlichen Nachsicht“ für Zahlungen im E-Commerce-Bereich Gebrauch. „Ohne diese Fristverlängerung müssten Zahlungen im E-Commerce abgelehnt werden, wenn diese nicht den Vorgaben der starken Kundenauthentifizierung entsprechen. Wir stehen in laufendem Dialog mit Banken, Händlern und der Wirtschaftskammer – bisher ist diese Umstellung reibungslos verlaufen“, klärt FMA-Vorstand Mag. Klaus Kumpfmüller auf. Elektronische Überweisungen oder auch Zahlungen am Point of Sale sind von der Fristverlängerung nicht betroffen.
Mehrwert für alle Beteiligten
Jenseits des Onlinehandels gewinnen die alternativen Zahlungsmethoden weiter an Beliebtheit. Wie die Studie "Besser bargeldlos als Bargeld los" von ECC Köln und Concardis in Deutschland zeigt, ergibt sich durch Bargeldabwicklung im stationären Handel ein 45 Prozent höherer Zeitaufwand im Backoffice als bei bargeldlosen Zahlungsverfahren. Einen positiven Einfluss auf den Umsatz durch kontaktlose Payment-Methoden haben 53 Prozent der 305 befragten KMU wahrgenommen. Auch auf der Kundenseite – knapp 1.000 Personen wurden interviewt – erfreut sich die Sammlung an Bezahlmethoden solider Zustimmung, die mit steigenden Beträgen wächst. Während 30 Prozent der Befragten bereits regelmäßig kontaktlos zahlen, steigt die Präferenz bei Beträgen über 50 Euro auf 76 Prozent an.

Ob Österreich trotz des vorherrschenden Trends zu kontaktlosen und mobilen Payment-Lösungen ein "Bargeld-Land" bleiben wird, kommentiert Christian Renk, Geschäftsführer bei Six Payment Services, ihrerseits Teil des Zahlungsverkehrs-Dienstleisters Worldline: "Bargeld wird nicht verschwinden, sondern parallel zu verschiedenen anderen Bezahlformen weiterhin existieren. Worldline bietet daher seinen Händlern und deren Kunden die Funktion 'Bargeldservice' an, bei der man bei seinem Einkauf gleichzeitig Bargeld abheben kann. Österreicher bezahlen immer häufiger bargeldlos, hauptsächlich durch die praktischen Kontaktlos-Bezahlmöglichkeiten und den rasant steigenden Onlinehandel."

Christian Renk, Geschäftsführer Six Payment Services
Six Payment Services
Christian Renk, Geschäftsführer Six Payment Services
Starke Beschleunigung in der Branche sieht Renk durch Apple Pay: "Der Service gibt der Mobile-Payment-Entwicklung in Österreich sicher Schwung. Wir sehen eine steigende Akzeptanz, die nun weiter an Fahrt gewinnt. Quer durch alle Altersgruppen beträgt der Anteil der Mobil-Bezahler bereits 32 Prozent, in fünf Jahren wollen sogar 64 Prozent der österreichischen Verbraucher Zahlungen mobil abwickeln."

Neue Touchpoints in Entwicklung
Die Multichanel-Payments hinterlassen auch ihre Spuren beim Design der Zahlungsterminals im stationären Handel, wie der Geschäftsführer berichtet: "Der Trend geht in Richtung Touch-Display und Kontaktlos-Technologie, um die immer größer werdende Anzahl an Zahlungsoptionen möglichst einfach abbilden zu können. Dabei spielen hochauflösende Touchscreens eine immer größere werdende Rolle, die eine bessere User-Experience und Kunden- und Händlerinteraktion ermöglichen. Als neuer Touchpoint zwischen Händler und seinem Kunden wird sich in Zukunft die Möglichkeit etablieren, den Zahlungsbeleg auch elektronisch zur Verfügung zu stellen."
E-Commerce in Österreich 2019
Die 10. Studie zum Konsumentenverhalten im Distanzhandel, die von der KMU Forschung Austria und dem Handelsverband gemacht wurde, liefert Key Facts zum heimischen E-Commerce. Insgesamt gab es von Mai 2018 bis April 2019 rund 5,1 Millionen Distanzhandelskäufer, ein Plus von 2 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gliedert man den klassischen Versandhandel aus, bleiben 4,4 Millionen Onlineshopper übrig, wodurch sich erneut ein Zuwachs von 2 % ergibt. Wesentlich stärker ist das Smartphone-Shopping gewachsen, welches mit zwei Millionen Kunden fast die Hälfte des Online-Shoppings ausmacht. Hier kann ein Wachstum von 11 % verzeichnet werden. Während 58 % aller Kunden bereits über das Internet bestellen, hat etwas mehr als ein Viertel aller Konsumenten bereits etwas über das Smartphone bestellt. Die Umsätze des gesamten österreichischen Distanzhandels belaufen sich auf 8,1 Milliarden Euro (+ 3 %), auf das Onlineshopping entfallen 7,5 Milliarden Euro (+ 4 %) und auf die Handy-Bestellungen 800 Millionen Euro (+ 25 %). Diese Summen entsprechen jeweils 11 %, 10 % und 1 % der einzelhandelsrelevanten Konsumausgaben des Landes.
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