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Preispolitik bei Amazon: Ein Schuss ins eigene Knie?

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“Plötzlich ist der Riese nervös. Es ist also wohl doch etwas dran: Bücher sind etwas Besonderes”, schreibt Holger Ehling von „Die Welt“ zu den aktuellen Aktionen Amazons im sogenannten “Bücherkrieg”.
“Plötzlich ist der Riese nervös. Es ist also wohl doch etwas dran: Bücher sind etwas Besonderes”, schreibt Holger Ehling von „Die Welt“ zu den aktuellen Aktionen Amazons im sogenannten “Bücherkrieg”.

Nach Autoren- und Gewerkschaftsprotesten kämpft Amazon neuerdings an einer weiteren Front: im Preis-Streit nimmt der Online-Riese nun auch das Disney-Imperium ins Visier. Wie reagieren die Kommentatoren, Analysten und Experten der Medien auf Amazons Preispolitik? etailment.at hat die spannendsten Pressestimmen der vergangenen Tage für Sie zusammengefasst.

„Im ‚System Amazon’ spiegelt sich unsere (Un-)Moral“, konstatiert der Leiter der Wirtschaftsredaktion von der Kleinen Zeitung, Ernst Sittinger. Für die „skrupellosen“ Geschäftspraktiken des Online-Riesen will Sittinger vor allem den Konsumenten zur Verantwortung ziehen: „Was über die Buchbranche hereinbricht, ist nicht Amazon, sondern die Zukunft. Amazon ist nur jene Instanz, die diese Zukunft skrupellos ausbeutet“, schreibt Sittinger. „Aber noch skrupelloser sind nur wir Käufer: weil wir allen Ernstes glauben, edle Literatur und funkelnde Geistesfrüchte zum Schrottpreis abonnieren zu können, ohne moralisch irgendetwas verantworten zu müssen.“ Auch die klassischen Buchverlage müssen Sittinger zufolge vor der eigenen Türe kehren. „Zu lange haben sie sich, gegängelt von der staatlichen Buchpreisbindung, am Markt vorbeibewegt“, kritisiert er. Und dann wären da noch die Buchhändler, die sich mit ihren Platz in den Herzen der Kunden (zurück-)erobern könnten: „Das Beste (von Amazon, Anm.) zu kopieren und auf jeweils lokaler Ebene zu adaptieren, wäre jedenfalls sinnvoller, als in das allgemeine Lamento einzustimmen. Und tatenlos zu warten, bis der Bücherflut-Amazonas endgültig über seine Ufer tritt.“



Schießt sich Amazon ein Eigentor?



„Bücher taugen nicht als Druckmittel im Preiskampf“, schreibt Regina Krieger im Handelsblatt. „Dieser öffentlich ausgetragene Krieg um die Preise kann für Jeff Bezos zum Eigentor werden. Zum Unmut über sein forsches Geschäftsgebaren kommt in letzter Zeit die schlechte Performance der Aktie hinzu.“ Außerdem: in Zeiten, in denen sich Menschen wieder vermehrt nach Werten wie Empathie, Großzügigkeit und Teilen sehnen, seien aggressive Preiskämpfe fehl am Platz, meint Krieger. Aus einem weiteren Grund könnte sich Bezos verkalkuliert haben: „E-Books mögen gut und praktisch sein für die schnelle Arbeitslektüre und für unterwegs. Der Bücherfreund aber sucht das haptische Erlebnis und will beraten werden – und kauft Bücher nicht online, sondern beim Buchhändler des Vertrauens. Und es werden (wieder) mehr.“



“Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung”



„Die Praktiken von Amazon entsprechen nicht gerade dem Stil ehrbarer Kaufleute. Der größte Onlinehändler der Welt erpresst Filmstudios und Verlage, um beim Verkauf von Filmen und elektronischen Büchern über seine Plattform einen höheren Anteil zu erhalten. So etwas nennt man Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung“, kritisiert Frank-Thomas Wenzel von der Mitteldeutschen Zeitung. Im deutschsprachigen Raum verzeichnet Amazons Kindle derzeit einen Marktanteil von etwa 50 Prozent, in den USA sind es 60 Prozent: „Eigentlich müssten allerorten längst Verfahren gegen den Konzern laufen. Doch bei Internet- und IT-Unternehmen sind Wettbewerbshüter meist blind oder zumindest stark sehbehindert“, so Wenzel. Ihm zufolge benötige es „heftige Geldstrafen“ gegen den Konzern. „Das durchzusetzen, wird indes schwer.“ Immerhin habe mittlerweile sogar die EU-Kommission Vorermittlungen gegen Amazon eingeleitet, so Wenzel hoffnungsvoll.



Keine Chance gegen Bücher?



Nach dem offenen Protestbrief, den 909 namhafte US-amerikanische Schriftsteller gegen Amazon abfeuerten – darunter Stephen King und John Grisham –, setzte der Internethändler mit einer Antwort nach, in der er den Verlagen vorwirft, den Hals nicht voll zu kriegen. Ein Selbstverleger, der seine E-Books erfolgreich über Amazon vertreibt, startete darauf eine Online-Petition zugunsten des Onlinehändlers. Holger Ehling von „Die Welt“ sieht darin einen Akt von Bedrücktheit im Hause Amazon: „Petitionen, die sich nicht gegen Unrecht richten, sondern das Geschäftsmodell eines Milliardenkonzerns unterstützen, sind bemerkenswert. Diese und andere Amazon-Aktionen offenbaren Verzweiflung: Der Börsenkurs des Unternehmens, das im laufenden Quartal 800 Millionen US-Dollar Verlust erwartet, ist seit Jahresbeginn auf Sinkflug, das Management feuert eine neue Idee nach der anderen in die Welt, die zum großen Teil nicht wirklich durchdacht scheinen“, meint Ehling. Bisher hätte Amazon noch jede Kritik an sich abperlen lassen – „doch plötzlich ist der Riese nervös. Es ist also wohl doch etwas dran: Bücher sind etwas Besonderes.“



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