CASH+/Tino Krause im Interview: "Digitalisier...
 
CASH+/Tino Krause im Interview

"Digitalisierung macht Unternehmen robuster"

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Tino Krause leitet seit Februar 2019 als Country Director DACH die Geschäftsentwicklung des Unternehmens in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Tino Krause leitet seit Februar 2019 als Country Director DACH die Geschäftsentwicklung des Unternehmens in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Tino Krause ist Geschäftsführer von facebook in der DACH-Region. Mit CASH spricht er über regionale Digitalisierungshilfen, die Chancen von Online für KMU und darüber, was für facebook "the next big thing" ist..

Tino Krause verwendet ein Büro-Standbild als Hintergrund für die Videokonferenz. Der facebook-Geschäftsführer für Österreich spricht aus dem Homeoffice in München mit CASH, gerade ist der erste kostenlose Workshop „Digital Durchstarten“ für österreichische Klein-und Mittelbetriebe über die Bühne gegangen, mit den 80 Teilnehmenden zeigt sich Krause durchaus zufrieden. Ziel der Initiative ist es, diesen Unternehmen in der Krise zu helfen. Warum facebook den Unternehmern helfen will und ob das nicht Aufgabe der österreichischen Wirtschaft und ihrer Interessensvertreter ist, möchte CASH gleich zu beginn wissen.


CASH: Den KMU digital zu helfen ist eigentlich Aufgabe von Kammer, Interessensvertretungen und Bundesregierung, es gibt dazu auch einige Initiativen, wie bewerten Sie diese? Sind sie nicht ausreichend? Was fehlt Ihrer Meinung nach, dass Sie eine eigenen Initiative starten?
Tino Krause: Ich denke, es ist keine entweder oder Entscheidung. Gerade in der Krise kann der Weg nur ein gemeinsamer sein, zusammenhalten und gegenseitig helfen. Die vorhandenen Initiativen sind ja alle gut und hilfreich, wir konzentrieren uns darauf, was wir zusätzlich an Wissen anbieten können, von unseren Plattformen, von der Digitalisierung und der Transformation. Das ist es, was wir wissen und was wir an den Tisch bringen können.

Arbeiten Sie hier auch mit den Initiativen zusammen?
Wir haben uns mit der Bundesregierung und den Gremien auch zusammengesetzt und über den Wirtschaftsstandort gesprochen, wir haben von den Workshops erzählt und wurden von Politik und Kammern ermutigt. Jede Unterstützung ist im Moment hilfreich und wird deshalb auch gewertschätzt.

Warum starten Sie diese regionalen Workshops gerade jetzt?
Wir leben nun alle seit Monaten mit der Corona-Pandemie, mit dem zweiten Lockdown, und wir sehen jeden Tag, wie intensiv Unternehmen das betrifft. Vor allem KMU, die in unseren deutschsprachigen Regionen DACH sehr verbreitet sind, sind besonders stark von der Coronakrise betroffen. Wir machen regelmäßig mit der OECD und der Weltbank die Studie Future of Business, wo wir eben diese Unternehmen fragen, wie es ihnen geht. Dort finden sich gute Aspekte aber auch besorgniserregende Zahlen. Zwei Drittel – auch in Österreich -  geben an, dass sie weniger Umsatz machen als im letzten Jahr. Nur ein Fünftel gibt an, dass die Finanzen für die nächsten drei Monate nicht reichen. Hier wirken politische Instrumente und Hilfszahlungen, aber wir sehen auch, dass viele Mitarbeiter entlassen oder komplett schließen mussten. Das ist erschreckend. Je länger das dauert, desto wahrscheinlicher ist, dass diese Anteile ansteigen und die Unternehmen in noch größeren Schwierigkeiten kommen. Gleichzeitig sehen wir, dass nur ein Drittel der Unternehmen mehr als 25 Prozent ihrer Umsätze digital machen. Diese Unternehmen blicken positiver in die Zukunft. Daran erkennen wir, dass Digitalisierung das Unternehmen aktuell aber auch langfristig sicherer macht gegen Umsatzausfälle.

Warum ist das so?
Die Gesellschaft wandelt sich. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, online zu shoppen, sich das nach Hause liefern zu lassen, oder auch Lebensmittel in der Gastro zu bestellen und dann mit nach Hause zu nehmen. Und genau dafür können wir einen sehr wertvollen Beitrag leisten für KMU. Die Trainings, die wir anbieten sind kostenlos.

Warum denn, wäre das keine zusätzliche Erlösquelle für Sie?
Wir wissen ja auch, dass diese KMU das Rückgrat unseres Unternehmens sind, welches werbefinanziert ist. Wenn es ihnen gut geht, dann partizipieren wir natürlich davon. Die Digitalisierung macht die Unternehmen ja auch robuster. Darum bauen wir alle unsere Maßnahmen auf mit Trainings und individueller Unterstützung.

Sie verdienen nichts an den Workshops?
Wenn es Unternehmen gut geht, dann fangen sie auch an, Dinge auszuprobieren. Und wenn sie dann sehen, dass es auf der Marken- oder Umsatzseite funktioniert, dann investieren sie natürlich weiter. Aber einen Schritt nach dem anderen.

Können Sie mir verraten, wieviel Geld Sie in diese Initiativen investieren?
Das kann ich Ihnen gar nicht sagen, denn das ist ja genau einer unserer Vorteile und die der Digitalisierung. Denn so ein Event aufzusetzen, kostet ja kaum etwas. Die menschlichen Ressourcen, das sind bei uns die Inhalte, die Aufbereitung, das Recherchieren und die Produktion, das sind bestimmt 30 bis 40 Leute involviert. Aber das ist unser Job, und die Distribution ist ja online, das kostet uns ja nichts. Die Cost of Reach sind damit marginal. Außerdem ist die Kostenfrage gar nicht die Richtige, denn wir werden sehen, wie viele Leute wir erreicht haben, und was wir noch besser machen können.

„Wir sind es nun gewohnt, online einzukaufen.“
Tino Krause, CEO facebook DACH

Wie versuchen Sie die zu erreichen, die noch nicht soweit sind? Kann man mittels Facebook Unternehmern die Digitalisierung leichter nahebringen?
Ich glaube, man muss erste Schritte machen. Wenn man nicht anfängt, kann man nirgendwo hinkommen. Da wünsche ich mir manchmal mehr Mut, diesen ersten Schritt zu gehen. Ich glaube, 40 Prozent haben noch nicht einmal einen Webshop, trotzdem sehen wir die Veränderung im medialen Nutzungsverhalten. Mit den Trainings versuchen wir, die Eintrittsbarrieren so klein wie möglich zu halten. Manche investieren bei uns einmal 500 oder 1000 Euro, und schauen dann, was passiert. Das sind die Beispiele, die mir Mut machen. Und ich hoffe, dass wir noch viele davon sehen.

Was ist der erste Schritt, den Unternehmen setzen müssen, um digital nicht auf der Strecke zu bleiben?
Anfangen. Das Nutzungsverhalten der Konsumenten hat sich geändert, beschleunigt durch die Krise. Dinge, die für die nächsten vier Jahre prognostiziert wurden, haben sich in vier Wochen entwickelt. Sich daran anzupassen ist unglaublich wichtig. Nicht in der Krise verharren und es als Entschuldungen vorbringen. Kreativ sein, innovativ sein, eine Krise ist immer auch eine Chance.

Wie beurteilen Sie die Nutzung von Facebook, Instagram und WhatsApp Business durch den österr. (Lebensmitteleinzel)handel?
Das ist sehr vielfältig, es macht immer Spaß, auf Österreich zu schauen. Die großen LEH-Ketten machen das sehr gut, wenn ich mir Spar beispielsweise anschaue. Sie bauen dadurch ihre Communitys weiter aus, mit Rezepten, interessanten Inhalten oder Ratgebern, um hier im Austausch mit ihrer Zielgruppe zu bleiben und das Engagement hoch zu halten. Sie nutzen es aber auch für ihre Kampagnen, um ihre Zielgruppe mit sehr individuellen Angeboten zu erreichen. Aber sie nutzen es auch, um Kunden zu binden, für den Customer Service, und um Dinge zu testen.

Was zum Beispiel?
Spar verwendete es vor einiger Zeit, um die Assoziationen mit der eigenen Marke und die Auswirkung von Kommunikation darauf abzufragen. Sie haben unterschiedliche Werbekreationen in den Zielgruppen getestet, um zu sehen, ob eine Veränderung in der Kundenassoziation stattfindet.
Der Kundenservice kann, wenn es mit einer Business-IP verbunden ist, direkt via Whatsapp oder auf Facebook Kundenanfragen beantworten. Hier ist sehr spannend zu bemerken, dass in der Zeit das Anfrageaufkommen in den Call-Centern um 20 Prozent zurückgegangen ist, während die Kundenzufriedenheit zugenommen hat. Weil man hier nicht 20 Minuten in einer Telefonschleife warten muss, die mich vielleicht auch Geld kostet. Whatsapp ist ein Instantkanal, auf dem Nachrichten sofort kommen. Die Experience für Kunden ist eine bessere. Solche Zahlen machen mich zuversichtlich.
„Das Nutzungsverhalten der Konsumenten hat sich geändert, beschleunigt durch die Krise“
Tino Krause, CEO facebook DACH

Haben sie weitere österreichische Best-Practice-Beispiele?
Manner zum Beispiel. Die testen unglaublich viel aus. Sie beobachten dabei nicht nur das Image sondern auch den Abverkauf, der an der Kampagne hängt.

Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die interessantesten Virtual Reality Tools für den (Online)handel?
Wir sehen die Themen VR und AR als the next big thing an, nach mobile. Das erlaubt, die Umgebung zu einer eintauchbaren Umgebung zu machen. Auch das kann in der heutigen Zeit dazu beitragen, die Experience von dem Ort zu entkoppeln, an dem ich mich befinde. Gerade in dem Bereich bin ich überzeugt, dass der deutschsprachige Raum hier eine Innovationsführerschaft übernehmen kann.

Warum gerade der deutschsprachige Raum? Was zeichnet uns hier aus?
Ich erlebe hier eine unglaubliche Offenheit, dem Thema gegenüber. Allein in unserem Büro in der Schweiz sitzen in unserem Büro rund 200 Entwickler, die mit der ETH in Zürich Dinge im Bereich AR und VR entwickeln. Aus der DACH-Region heraus entwickeln wir Produkte für unseren internationalen Markt. Unsere Brille Oculus Quest ist hier das beste Beispiel. Große Chancen dafür sehe ich im Modebereich. Ich kann Kleidung und Accessoires virtuell daheim ausprobieren, ohne das Risiko eines stationären Einkaufs einzugehen, wenn der Shop überhaupt offen ist. Ein weiteres Beispiel hier ist Michael Kors, der bereits seine gesamte Brillenkollektion über einen Filter auf Instagram verfügbar macht, um die Brillen auf den eigenen Gesichtern auszuprobieren.

Und von Konsumentenseite?
Wir sehen einfach den großen Kundenwunsch, alles in einer Umgebung zu haben. Wir nennen das Discovery Commerce, also die Chance, in den Apps gleich shoppen zu können wir mit Instagram Checkout oder Facebook Shops. Hier werde ich nicht mit Links aus der App hinausgeleitet, sondern kann direkt in der Umgebung stattfinden. Positiv wieder für die Händler, denn die Kaufschwelle ist so eine niedrigere, intensiver impulsgetrieben, wenn der Kunde in der App bleibt. Ich kann den Kauf von der Awarenessphase bis zum Kauf gleich in einem Kanal abschließen: Ein Produkt gefällt, man kann es via Virtual Reality gleich ausprobieren, und schlussendlich auch kaufen.

Ich dachte bei Virtual und Augmented Reality auch an die Chance, sich im Einzelhandel virtuell durch die Regallandschaften zu bewegen und einzukaufen, wie man es im stationären Handel gewohnt ist, und sich von Aktionen leiten lässt.
Genau richtig, ich kann ja Umfelder schaffen, durch die ich mich durchbewegen kann in einer Art, auf die wir Menschen konditioniert sind. Wir gehen in unseren Supermarkt, kennen uns dort aus und finden unsere Produkte intuitiv. Es besteht die Möglichkeit, das alles zu virtualisieren, die Kunden auch nach den Produkten greifen zu lassen und in den virtuellen Warenkorb zu legen, bei der Kassa muss man nur noch seinen gewünschten Liefertermin angeben. Hier ist so viel möglich, hier entwickelt sich so viel.

Danke für das Interview.

Tino Krause
Tino Krause leitet seit Februar 2019 als Country Director DACH die Geschäftsentwicklung von Facebook in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in führenden Mediaagenturen und Unternehmen gilt er hierzulande als einer der wichtigsten Experten und Vertreter der Marketingbranche. Krause studierte Business Administration an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Stationen seiner Karriere führten ihn von der MediaCom, zur Audi AG, Telefónica in Madrid und MEC, einer weiteren Mediaagentur (heute Wavemaker).

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