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Hartwig Kirner: "Die Zeit der Ausreden ist vorbei"

Fairtrade/Tuma

Hartwig Kirner, Geschäftsführer Fairtrade Österreich, schildert anlässlich des Tags des Kaffees, wie es um die Fairtrade-Kaffeeproduktion steht und warnt davor, im Corona-Chaos auf den Klimawandel nicht zu vergessen. 

Herr Kirner, 2020 steht die Welt wegen Covid-19 vor einem großen, gemeinsamen Problem. Wie hat sich die aktuelle Krise auf Fairtrade bisher ausgewirkt?
Hartwig Kirner: Die weitreichenden Folgen der Coronakrise lassen sich noch nicht in vollem Umfang abschätzen, wir stehen ja vor einem schwierigen Herbst und Winter. Besonders die Bauernfamilien haben mit Einschränkungen und gestiegenen Kosten zu kämpfen  aber auch einige österreichische Partnerunternehmen, insbesondere jene, die im Bereich Gastronomie tätig sind. Auf der anderen Seite sehen wir, dass Menschen ihr Konsumverhalten überdenken, was positive Effekte auf Regionalität, Bioanbau und eben auch Fairtrade haben kann. Erste Zahlen, die wir von unseren Partnern erhalten haben, bestätigen diese Annahme. Für das Gesamtjahr 2020 erwarten wir daher ein Wachstum der Nachfrage nach Fairtrade-Produkten in Österreich.

Lateinamerika und Afrika leiden nach wie vor stark unter dem Virus, was bedeutet das für Ihre Kaffeebauernkooperativen?
Leider sind Kaffeebauernfamilien in den Ländern des globalen Südens doppelt von der Coronakrise betroffen. Einerseits können einbrechende lokale Märkte nicht durch privatwirtschaftliche oder staatliche Rücklagen kompensiert werden. Andererseits trifft das Virus auf Gesundheitssysteme, die Krisen in diesem Ausmaß nicht gewachsen sind. Als unmittelbare Reaktion hat Fairtrade International, unsere Dachorganisation, einen Fonds in der Höhe von 3,1 Millionen Euro aufgesetzt. Dieser wird kurzfristig dafür eingesetzt, in den Produzentenländern dringend notwendige medizinische Güter wie Mundschutz und Medikamente anzuschaffen. Langfristig sind mit diesen zusätzlichen Geldmitteln Investitionen in die Infrastruktur oder in Fortbildungsprogramme der von der Pandemie besonders stark betroffenen Regionen geplant.

Wie hat sich all das auf die Kaffeebohnen-Preise im Allgemeinen und in weiterer Folge natürlich auch auf jene von Fairtrade-Kaffee ausgewirkt?
Wir sehen derzeit keine unmittelbaren Preiseffekte der Coronakrise auf den Rohstoff Kaffee. Kritisch wird sein, wie sich die Pandemie in den Erntegebieten großer Kaffeeproduzenten wie Brasilien entwickelt. Das ist noch nicht abschätzbar, könnte dann aber direkte Effekte auf den Weltmarktpreis haben. Generell müssen wir sagen, dass der Kaffeepreis leider schon seit Jahren zu niedrig ist, mitunter können mit den Ernteeinnahmen nicht einmal die Produktionskosten abgedeckt werden. Daher zahlen Fairtrade-Partnerunternehmen auch einen Mindestpreis von 140 USD pro Quintal und zusätzlich dazu noch eine Fairtrade-Prämie von 20 USD pro Quintal sowie einen Bio-Aufschlag von 30 USD pro Quintal. Wir sehen gerade in den letzten Jahren wie wichtig diese Mindestpreise und Prämien in Zeiten stark schwankender Rohstoffpreise für die Bauernfamilien sind. 

„Mit den Ernteeinnahmen können mitunter nicht einmal die Produktionskosten abgedeckt werden.“
Hartwig Kirner
 
Sean Hawkey

Der Außer-Haus-Konsum ist in Österreich zeitweise komplett eingebrochen. Wie wichtig ist der Gastrobereich für Fairtrade und wie hat sich der Ausfall auf Ihre Absatzzahlen ausgewirkt?
Mittlerweile werden fast 30 Prozent des Fairtrade-Kaffees außer Haus konsumiert. Trotz geschlossener Lokale und Kaffeehäuser im Corona-Lockdown stieg der Fairtrade-Rohkaffeeverbrauch in Österreich im ersten Halbjahr 2020 insgesamt um 5 Prozent auf 2.305 Tonnen. Für die Kleinbauernkooperativen in Afrika, Asien und Lateinamerika bedeutet das Direkteinnahmen aus Österreich von 9,2 Millionen USD.

Dann sind Sie also zufrieden mit der Verfügbarkeit von Fairtrade-Kaffee im österreichischen Handel?
Im Jahr 1993 wurde Kaffee als erstes Fairtrade-Produkt im österreichischen LEH eingeführt – mittlerweile haben wir in dieser Produktkategorie einen Marktanteil von knapp 8 Prozent erreicht. Das macht einen realen Unterschied für die Kaffeebauernfamilien, verdeutlicht aber wie groß das Potenzial noch immer ist. Vor allem von Markenartikel-Unternehmen würde ich mir diesbezüglich mehr Engagement wünschen.

Und was wünschen Sie sich für die Zeit nach Corona?
Ich wünsche mir, dass wir uns alle so schnell wie möglich bewusst werden, dass die Klimakrise die eigentliche Herausforderung der Zukunft sein wird. Gegen den Klimawandel hilft keine Maske und es wird auch nie eine Impfung geben. Wenn wir jetzt zögern, verspielen wir die Chance, Lebensgrundlagen für die Generation von Morgen zu sichern. Es wäre fatal, jetzt zum Beispiel Umweltschutzauflagen als Hindernis für die Wirtschaft zu sehen. Sie können vielmehr ein Motor für zukunftsorientiertes Wachstum sein, wenn man die Rahmenbedingungen dafür richtig setzt. Ebenso wäre es für die längerfristige politische Lage katastrophal, nun Arbeitnehmerrechte auszuhöhlen und in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Gewerkschaften zu schwächen. Was es jetzt braucht, sind Unternehmen, die bereit sind, nach vorne zu blicken und mitzugestalten, anstatt reflexartig auf wenig zukunftsorientierte Konzepte zu setzen. Natürlich braucht es auch politische Gestalter, die dieses Engagement unterstützen.

Was braucht es Ihrer Meinung nach unbedingt dazu?
Die Zeit ist gekommen, schon lange geforderte Änderungen im Steuersystem anzupacken. Es gilt, unseren Standort zukunftsorientiert und dennoch wirtschaftsfreundlich auszurichten. Die Coronakrise hat ihren Preis, das steht fest. Der Shutdown mit all seinen Konsequenzen hat unvorstellbar viel Geld gekostet, das lässt sich nicht mehr ändern und war ein notwendiges Übel, um Menschenleben zu retten. Wir können aber entscheiden, ob wir diesen Preis in erster Linie auf dem Rücken kleiner und mittlerer Einkommen und durch Schulden für künftige Generationen bezahlen möchten, oder über CO2-Steuern und Abgaben für Finanztransaktionen. Wir haben es selber in der Hand, für Veränderung zu sorgen. Die Zeit der Ausreden ist vorbei.

Herr Kirner, vielen Dank für das Interview.

 

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