CASH+/Fairtrade Österreich: Hartwig Kirner: "...
 
CASH+/Fairtrade Österreich

Hartwig Kirner: "Kein besonders schlechtes Jahr für Fairtrade"

Fairtrade Österreich/Peter Tuma
Fairtrade Österreich Geschäfsführer Hartwig Kirner
Fairtrade Österreich Geschäfsführer Hartwig Kirner

Fairtrade Österreich zieht Bilanz. Geschäftsführer Hartwig Kirner spricht mit CASH im Interview über ein erfreuliches Jahr, eine Mindestpreiserhöhung mit süßem Beigeschmack und die Coronavirus-Pandemie mit Zukunftsoptimismus.

CASH: Fairtrade ist in Österreich in den letzten Jahren stetig gewachsen. Neue Partner wurden gewonnen und die Umsätze der Fairtrade-Produkte sind gestiegen. Wie hat sich dieser Trend 2019 fortgesetzt und wie zufrieden sind sie mit der Jahresperformance?

Hartwig Kirner: Im letzten Jahr haben wir mit unseren Partnern und den zertifizierten Fairtrade-Produkten eine Umsatzsteigerung von 5,4 Prozent erreicht, auf 351 Millionen Euro. Das ist eine wirklich schöne Entwicklung, vor allem, weil mit über 350 Millionen Euro die Basis schon relativ hoch ist, auf die das Wachstum gerechnet wird. Die Wachstumstreiber waren dabei die Bananen – wieder einmal – mit plus 13 Prozent. Wir sind schon auf über 31.000 Tonnen, das ist jede dritte Banane in Österreich.

Warum entwickeln sich ausgerechnet die Bananen bei den Fairtrade-Produkten so gut?
Wir waren schon sehr früh mit dem Produkt erfolgreich. Die Banane ist ein typisches, tropisches Produkt, das Jahre lang der Inbegriff für problematische Bedingungen im Anbau war. Ich glaube, das spielt eine Rolle, warum sich die Bananen bei Fairtrade so gut entwickeln. Aber auch die Lieferketten sind gut strukturiert. Wenn man sich die Zertifizierung anschaut, sind vor allem Bio-Bananen Fairtrade zertifiziert. Im letzten Jahr hat Lidl aber auch die konventionelle Banane auf Fairtrade umgestellt. Und eben diese Kombination ist es, die zu diesen tollen Wachstumsergebnissen führt.

Wie gehen „bio“ und Fairtrade zusammen? Bedingt das eine das andere?
Wenn man „bio“ anbaut, muss man schon gute Technologien haben. Kooperativen bzw. Genossenschaften, die noch nicht so weit entwickelt sind, tun sich deshalb mit „bio“ häufig schwer. Das heißt Fairtrade ermöglicht oft erst den Schritt zum Bio-Anbau, wenn die Fairtrade-Prämien in Technologien oder Zertifizierungen investiert werden. Dabei kommt die Kombination „bio“ und Fairtrade in manchen Produktgruppen stärker vor, als in anderen. Zum Beispiel bei Kakao ist der Nicht-Bio-Anteil bei Fairtrade-Produkten in den letzten Jahren angestiegen. Nicht weil der Bio-Anteil geschrumpft ist, sondern weil eben der konventionelle Anteil so gewachsen ist. Gerade bei den Kakao-Bohnen, die großteils für Schokolade verwendet werden, haben wir uns stark in den Mainstream hineinentwickelt, also hin zu breiten Marken, nicht mehr zu Spezialitäten-Marken. Dafür wird vor allem Kakao aus Westafrika verwendet, der so gut wie nie als Bio-Produkt verfügbar ist. Das heißt Bio und Fairtrade können zusammengehen, müssen aber nicht.

Stichwort Kakao. Mit 1. Oktober 2019 hat es hier im Sinne des Living Income eine Mindestpreiserhöhung von 20 Prozent gegeben. Wie haben die Partner darauf reagiert?
Das tolle ist, dass wirklich keine einzige Partnerfirma aus Österreich ausgestiegen ist. Alle sind mitgezogen, auch wenn es Geld gekostet hat. Denn gerade im letzten Jahr waren die normalen Marktpreise bei Kakao sehr niedrig und die Fairtrade-Preise dann doch signifikant höher. Trotzdem haben Unternehmen angekündigt, dass sie weitere Produkte Faitrade zertifizieren lassen wollen. Manner zum Beispiel ist gerade dabei, die Marke Victor Schmidt auf Fairtrade umzustellen. Und die Rewe hat angekündigt, dass in den nächsten Jahren alle Eigenmarkten das Fairtrade-Siegel erhalten sollen. Dass das trotz der Preiserhöhung passiert, ist wirklich sehr erfreulich.

Und was hat sich dadurch schlussendlich für die Bauern geändert?
Für die Bauerngenossenschaften war das ein wichtiger Schritt. Durch unsere Analysen haben wir gewusst, dass mehr als die Hälfte der Fairtrade-Kakaobauern weit unter der Armutsgrenze leben – und dabei reden wir nicht von österreichischen Maßstäben. Das geht einfach nicht. Deshalb mussten wir preislich etwas machen. Gleichzeitig haben wir dafür gesorgt und kontrollieren auch, dass dieser Mehrpreis nicht an die Genossenschaften geht, sondern direkt an die Bauern, damit das Geld auch wirklich dort ankommt, wo es am meisten benötigt wird.

Wie haben die Konsumenten auf die Preiserhöhung reagiert?
Es ist klar, dass die Firmen das nicht aus der eigenen Tasche zahlen können, sondern die Preise auch weitergeben müssen. Bis jetzt haben wir aber noch nicht gesehen, dass die Konsumenten deshalb nicht mehr zugreifen. Die Fairtrade-Produkte werden gut gekauft – vor allem auch Kakao-Produkte, hauptsächlich in Form von Schokolade.

Mit 1. Oktober 2019 wurde der Mindestpreis für Fairtrade Kakao um 20 Prozent erhöht.

Kommen wir nun zu einem etwas anderen Thema. Denn nachdem 2019 in vielen Bereichen ein recht erfolgreiches Jahr war, so ja auch für Sie, hat seit Beginn des neuen Jahres eine Krise die ganze Welt fest im Griff. Wie wirkt sich die Coronavirus-Pandemie auf die Produzentenländer aus?
Das Hauptproblem ist in vielen Ländern das Gesundheitssystem, das schon in normalen Zeiten ein Problem hat und in einer Pandemie schnell an seine Grenzen stößt. Abgesehen davon haben viele Menschen gar keinen Zugang dazu. Das heißt, das wichtigste ist, dass wir Schutzmaßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Fairtrade hat deshalb die Bestimmungen zur Prämienverwendung kurzzeitig gelockert, sodass schnellstmöglich auch Corona-Schutzmaßnahmen initiiert werden können. Und wir haben zusätzlich selber und mit Fördergebern einen Topf geschaffen, der mittlerweile 3,5 Millionen Euro enthält, mit dem wir eben weitere Schutzmaßnahmen finanzieren wollen – darunter Trainings und Aufklärung, also was ist das Coronavirus überhaupt, aber eben auch Schutzmasken und Desinfektionsmittel.

Was bedeutet das für Fairtrade und die Produkte?
Unterm Strich glaube ich, dass 2020 kein besonders schlechtes Jahr für Fairtrade wird. Das liegt daran, dass der Lebensmittelhandel im Vergleich mit anderen Branchen eine gute Zeit hatte. Ich habe natürlich noch keine Zahlen vorliegen, aber viele Produkte wie Bananen und Kaffee haben sich vom Absatz her bestimmt trotz allem gut entwickelt. Wo wir Probleme gesehen haben, sind zum einen die Kaffeeröster, die vor allem in der Gastronomie vertreten sind, aber auch Blumengroßhändler und Blumenfarmen. Hier ist kurzfristig der Absatz von Rosen um bis zu 80 Prozent eingebrochen. Und auch die Lieferketten waren zeitweise unterbrochen, weil Passagiermaschinen zwischen Nairobi und Europa, die normalerweise die Waren mitführen, nicht mehr geflogen sind. Das hat sich mittlerweile aber wieder gebessert. 

Warum waren die Lieferketten gerade bei Blumen und weniger bei anderen Lebensmitteln unterbrochen?
Sonst waren alle Häfen prinzipiell offen. Da hat man wirklich geschaut, dass alles gut funktioniert und es wenige Einschränkungen gibt.

Was glauben Sie, kann man aus der Krise lernen? Und wird sich für die Zukunft etwas ändern?
Ich hoffe, dass man die richtigen Lehren daraus zieht. Die falschen wären für mich Nationalismus als Allheilmittel und Abschottung, die richtigen, dass wir uns über die Notwendigkeiten für unser Leben bewusstwerden und auch welche Menschen dafür notwendig sind. Dazu gehören für mich auch die Kassiererin, Logistikmitarbeiter, die LKW-Fahrer, aber auch die Bauern, die die Ware produzieren. Man kann ihnen jetzt nicht einfach nur Danke sagen und das war es dann. Sie sollen anständig und fair entlohnt, aber auch wertgeschätzt werden.

Herr Kirner, vielen Dank für das Gespräch!

 
Mehr Gedanken zum Thema „Coronavirus“ von Hartwig Kirner finden Sie in seinem Gastkommentar „Was wirklich zählt“ auf CASH.at.

Fairtrade Österreich Bilanz

Fairtrade Österreich, gegründet 1993, setzt sich für fair gehandelte Produkte ein und vergibt dafür Lizenzen an Unternehmen. Österreich liegt mittlerweile unter den Top 5 der Fairtrade-Länder weltweit. 2019 wurde mit lizensierten Fairtrade-Produkten ein Umsatz von insgesamt 351 Millionen Euro erwirtschaftet werden. Das ist ein Plus von 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aus Produzentensicht konnten sich dabei vor allem Bananen mit 31.535 (+13 Prozent) besonders gut entwickeln, die Direkteinnahmen der Produzenten liegen bei 17,7 Millionen USD. Dahinter liegen Rohkaffee mit 4.621 Tonnen, das entspricht einem Plus von 11 Prozent und Direkteinnahmen von 18,4 Millionen USD, sowie Kaffeebohnen mit 3.426 Tonnen (+6 Prozent) und 9,2 Millionen USD. Die Produktion bei Rohzucker, Fruchtsaftkonzentrat und Rosen blieb konstant bzw. war leicht Rückläufig. Nur Rohbaumwolle erlebte nach dem Absatzhoch 2018 einen Einbruch von 30 Prozent. So gingen 53,7 Millionen USD durch den Verkauf von Fairtrade-Produkten in Österreich direkt an die Produzentenorganisationen.
Insgesamt sind in Österreich 2.100 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel bei 5.000 Verkaufsstellen und 1.900 Gastro-Partnern erhältlich. Dabei arbeitet Fairtrade Österreich mit 125 lizenzierten Partnerunternehmen zusammen.

stats