CASH+/Gottlieb Duttweiler Institut: "Lebensmi...
 
CASH+/Gottlieb Duttweiler Institut

"Lebensmittelhandel wächst dank der Krise"

GDI Gottlieb Duttweiler Institute - Sandra Blaser
Karin Frick, Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsführung des Gottlieb Duttweiler Instituts.
Karin Frick, Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsführung des Gottlieb Duttweiler Instituts.

Dagmar Lang sprach mit Karin Frick, der Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon, Schweiz, über die Auswirkungen von Corona für Gastronomie, Mode- und Lebensmittelhandel.

Frau Frick: In der Schweiz haben seit gestern Gastronomiebetriebe und alle Geschäfte wieder geöffnet. Wie werden die Menschen die Angebote nutzen?
Karin Frick: Im ersten Moment der Krise verhalten sich alle Menschen ähnlich, Sicherheit stand für jeden im Mittelpunkt, man hat sich auf das Allernötigste, d.h. die Grundbedürfnisse, beschränkt. Jetzt sind wir halb zurück in der Normalität, und da gibt es wieder mehr verschiedenen Verhaltensmuster. Da ist die Gruppe jener, die sagt: „Endlich! Ich gönne mir was, ich gebe das Geld aus, das ich gespart habe.“ Dann gibt es die Gruppe, die das Konsumfasten als vorteilhaft erlebt hat. Das ist so ähnlich wie beim richtigen Fasten: Die Kilos sind weg, man hat aber noch keinen Bärenhunger, man geht das langsamer an. 


Und diejenigen, die sich fürchten, dass sie durch die wirtschaftlichen Folgen von Corona in ihrer Existenz bedroht sind?
Die werden sich sicher zurückhalten, sich jede Ausgabe genau überlegen, weil sie eben nicht wissen, wie ihre Einkommenssituation in den nächsten Jahren sein wird, ob sie einen Job haben oder arbeitslos werden. Und dann gibt es übrigens noch die Gruppe, die bald zur Normalität und zu den alten Gewohnheiten zurückkehrt und nicht viel ändern wird. 

Wie groß die Gruppen sein werden, lässt sich noch nicht abschätzen?
Nein, das können wir heute noch nicht sagen. 

Wie sehr ist die Schweiz von der Wirtschaftskrise betroffen?
Die Schweizer Wirtschaft ist relativ robust, aber sie hängt sehr stark vom Export ab, von globalen Finanz-, Waren- und Personenströmen, und so kann eine Weltwirtschaftskrise nicht spurlos vorüber gehen. Es wird auch für die Schweiz viel davon abhängen, wie schnell die Welt wieder aus der Krise findet. 

In Österreich haben die Geschäfte schon länger geöffnet, gestürmt wurden Baumärkte, Elektrofachmärkte und Gartencenter, der Modehandel hat keinen Grund zum Jubel.
Dafür gibt es einige Gründe: Erstens sind die Gelegenheiten, bei denen ich schicke Kleidung brauche, noch ziemlich dünn. Außerdem gehört der stationäre Modehandel zu den Risikogruppen im Retail: Er war schon vorher angeschlagen, vor allem, wenn er nicht auf Online gesetzt hat. Die jüngeren Formate, die schon länger online sind, sind weniger gefährdet. Denn Corona hat dazu geführt, dass Kunden, die bislang nicht im Internet einkauften, es ausprobiert haben. Und sie finden es ganz praktisch und bequem. Dazu kommt, dass mit Abstand halten und Masken tragen das Einkaufserlebnis im stationären Handel deutlich abnimmt. Wenn die Läden aber zusperren, dann werden die Einkaufsstraßen unattraktiver, dann nimmt die Frequenz ab, das ist ein Teufelskreis. 

Was raten Sie dem Modehandel?
Nicht mit aller Gewalt auf der alten Vertriebsform beharren, Neues entwickeln. Das könnte in Richtung Tupperware-Party für Modeartikel gehen – oder Salons Privés, wie es die Schweizer Modedesignerin Dorothé Vogel seit Jahren macht. Auch in Richtung Pop-up-Stores, exklusive Events, an denen neue Mode vorgeführt wird, die dann aber über einen Online-Vertriebskanal verkauft wird. Rein stationär sehe ich es schwierig.

Die Lust an Mode wird wiederkommen?
Mit Sicherheit, das steht für mich außer Frage. Es geht mehr um die Präsentationsformen und Vertriebskanäle. Die virtuellen Modeläden werden schneller besser, und mit dem Aufstieg von VR bald auch dreidimensional (wie z. B. die digitale Kollektion von Carlings). Das hat sich schon vor Corona abgezeichnet. Die Krise hat dazu geführt, dass der Wandel schneller kommt, weil sich die Konsumgewohnheiten schneller verändert haben. Der stationäre Modehandel stand schon vorher am Ende seines Lebenszyklus. Das ist das Problem. 

Ist die Gastronomie ebenso von diesem Wandel betroffen?
Ja, aber anders: Ich gehe davon aus, dass Geisterküchen viel stärker zunehmen werden und dass sich smarte lokale Lieferdienste entwickeln werden, die gutes Essen zeitnah nach Hause liefern. Die Jeans mag mit Zalando ein paar tausend Kilometer transportiert werden, das Essen muss aus der Nähe kommen, in hoher Qualität. Wir wollen eben nicht nur Sushi und Pizza in unseren eigenen vier Wänden genießen. 

Die eigenen vier Wände sind sehr wichtig geworden?
Klar, wenn man viel Zeit zu Hause verbringt, dann will man sich die Umgebung noch schöner gestalten. Da will man den Garten oder Balkon bepflanzen, einiges umbauen – daher auch der Ansturm auf Bau- und Gartenmärkte. Und solange es die Ansteckungsgefahr gibt, denke ich, wird die Gastronomie öfter für „geschlossene Gesellschaften“ kochen, wie in Klubs, wo man sich eben kennt. Für Familienfeiern sehe ich das aufgrund der Risikogruppen dann weniger. Das ist schon das größte Problem dieser Krise: dass eine so wichtige Zielgruppe wie jene der Senioren für Tourismus und Gastronomie eigentlich ausfällt.

Außer für den Lebensmittelhandel?
Das ist die einzige Branche, die in der Krise gewachsen ist. Die Menschen hatten Zeit, dann auch genug von Spaghetti und Fertigpizza, also hat man Rezepte ausprobiert, Spaß am Kochen entwickelt, Lust an frischen Produkten gefunden, das könnte auch so bleiben. 

Frau Frick, vielen Dank für das Gespräch!

https://www.gdi.ch/de/frick-karin



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