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Gerhard Drexel: Grenzen behindern das Denken ...

... und damit auch die unternehmerischen Möglichkeiten, sagt Spar-Vorstandsvorsitzender Dr. Gerhard Drexel. So sind auch den Eigenmarken keine Grenzen gesetzt. Woher die Lieferanten für deren Erzeugung kommen sollen, warum man keine Kundenkarte will und wie die Botschaft an die Industrie lautet, lesen Sie hier.

Galerie: Gerhard Drexel im CASH-Interview: Grenzen behindern das Denken ...

CASH: Herr Drexel, die Spar hat in Österreich im LEH mit einem Plus von vier Prozent auf einen Brutto-Verkaufsumsatz von 6,88 Milliarden Euro ein sensationelles Jahr 2018 gehabt. Aus der Branche ist jedoch zu vernehmen, dass es für viele ein sehr flaues Jahr war. Warum läuft es bei der Spar so gut?
Gerhard Drexel: Wir sind in der Tat stolz, dass unser Umsatzwachstum in Österreich mit vier Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie das der gesamten Lebensmittelhandelsbranche mit einem Plus von 1,6 Prozent. Gründe dafür sind einerseits unsere Erneuerungskraft, beispielsweise die ständige Erneuerung unserer Märkte und des Sortiments mit immer wieder neuen attraktiven Eigenmarken. Andererseits unsere Stabilität und Kontinuität. Es gibt bei uns keine ständigen Umstrukturierungen und unternehmenspolitischen Kehrtwendungen. Wir haben eine seit Jahren klar formulierte Strategie, die an den Schlüsselstellen von langjährigen Mitarbeitenden umgesetzt wird. Zusammengefasst: Es ist unsere Leidenschaft für den Handel und unsere einzigartige, nicht kopierbare Unternehmenskultur, der legendäre „Spirit of Spar“. Das macht uns unverwechselbar und zeichnet uns aus.

Heißt das, dass die anderen so schlecht sind?
Nein, im Gegenteil! Die Konkurrenz ist stark, gibt kräftige Lebenszeichen von sich und sie wird von uns sehr ernst genommen.

Als Präsident der Spar-Kaufleute muss Ihnen ja auch deren Erfolg sehr am Herzen liegen. Wie erfolgreich waren sie im vergangenen Jahr?
Die heutige Spar gäbe es ohne unsere selbstständigen Kaufleute nicht. Sie sind unsere Wurzel und Herkunft. Heute sind unsere selbstständigen Kaufleute das lebendige, pulsierende Zentrum der Spar – und sie sind vor allem erfolgreich: Sie erzielten 2018 ein Umsatzwachstum auf der bestehenden Fläche von 3,3 Prozent zum Vorjahr.

Sehen Sie diese positive Entwicklung auch für 2019?
Ja, da sind wir sehr zuversichtlich.

Sie freuen sich ja auch besonders darüber, dass die Spar als einziger im LEH Marktanteile ausbauen konnte. Welches Signal senden Sie damit an die Mitbewerber und an die Industrie aus?
An die Industrie senden wir die Botschaft: Mit uns könnt Ihr wachsen – und zwar jedes Jahr deutlich über dem Branchenschnitt! Und mit uns habt Ihr auch einen Partner, um Produktinnovationen erfolgreich auf den Markt zu bringen!  An die Mitbewerber senden wir keine Signale aus – zumindest keine bewussten.

Wie ist das bei Produktinnovationen? Kommt die Industrie zuerst zu Spar?
Das würde ich mir wünschen, dass die Industrie öfter mit Innovationen kommt und dass sie uns die Innovationen zuerst anbietet. Im Idealfall als exklusiver Absatzpartner.

Mit höheren Marktanteilen macht der LEH bekanntlich mehr Druck auf die FMCG-Industrie. Was schwebt Ihnen diesbezüglich vor, wenn Sie immer mehr dazugewinnen?
Dass Wachstum und Partnerschaft von der Markenartikel­industrie anerkannt wird – und letztlich auch honoriert wird.

Hat sich die Lage durch die Empfehlungen der BWB verbessert, sind die Verhandlungen mit der Industrie einfacher geworden?
Nicht wirklich, man kann nicht alle Facetten des Geschäftslebens im Voraus in einer Richtlinie regeln. Dazu ist das Leben zu facettenreich.

Der Markt in Österreich ist von Aktionsangeboten überschwemmt, die im großen Ausmaß Markenartikel betreffen. Die Spar hat ein großes Ladennetz, hat Kaufleute – wie gut läuft es mit der Umsetzung von Aktionen am POS?
Wir sind für die Industrie zuverlässige und verlässliche Partner, was die Umsetzung von vereinbarten Aktionen und Promotions betrifft. Diese sind gut und wichtig, sie beleben für alle Marktteilnehmer – Industrie, Handel und Konsumenten – das Geschäft. Man kann und soll sich aber natürlich immer verbessern. Das ist uns auch wichtig.

Da Regionalität noch immer ein sehr wichtiges Thema ist, haben Sie natürlich auch viele regionale Lieferanten. Welche Rolle spielen für diese Lieferanten die Marktanteile der Spar?
Bei den regionalen Lieferanten gibt es eine große Bandbreite. Da gibt es von größeren, überregional erfolgreichen Betrieben bis zu kleinen lokalen Manufakturen alle Abstufungen. Für alle spielt aber unser Marktanteil eine wichtige Rolle. Nehmen Sie als Beispiel die Sennerei Schnifis in Vorarlberg. Ihren großartigen Bergkäse verkaufen wir seit Kurzem unter der Marke Spar Premium in allen 1.500 Spar-Verkaufsstellen in allen neun Bundesländern. Das Absatzpotenzial steigt also mit der Höhe unseres Marktanteils.

Worauf lässt sich dann so ein Spar-Premium-Hersteller eigentlich ein?
Ein regionaler Hersteller kann mit uns sein Absatzgebiet auf ganz Österreich ausdehnen. Wir machen mehrjährige Verträge, damit sich der Partnerlieferant auch in seiner Produktion darauf einstellen kann und eine Sicherheit hat.

Und worauf lassen Sie sich bei der Milch-Mehrwegflasche ein? Die Spar macht mit. Aber Probleme damit, die früher diskutiert wurden – Hygiene, Logistik – sind jetzt plötzlich kein Thema mehr.
Im Vorfeld der Einführung der Milchflasche sind wir nicht gefragt worden, ob wir Mehrweg oder Einweg präferieren. Als dann die Einweg-Glasflasche eingeführt wurde, kamen sehr viele Kundenreaktionen, dass sie das grundsätzlich toll finden, aber noch besser wäre Mehrweg. Wir haben das der Molkerei gemeldet und sind dort auf offene Ohren gestoßen. Dass Berglandmilch jetzt in Mehrweg investiert, ist erfreulich und zeigt, dass sie nah am Kunden sind.

Wie groß ist die Erwartungshaltung für diese Milch?
Da muss man die Kirche im Dorf lassen. Es handelt sich um einen kleinen Teil des Mopro-Sortiments. Aber diese Produkte entsprechen den Bedürfnissen einer wachsenden Kundengruppe.

Sie sind begeisterter Fan Ihrer Eigenmarken. Sie sagen, dass Sie für deren Wachstum keine Grenzen sehen. Sie brauchen also auch immer mehr Lieferanten für die Eigenmarken. Werden Sie die überhaupt finden beziehungsweise wie und wo?
Wir setzen uns ganz grundsätzlich keine zu engen Grenzen, denn Grenzen behindern das Denken und damit die unternehmerischen Möglichkeiten. Die Erzeuger für unsere Eigenmarken suchen wir sorgfältig aus: Wo immer möglich, sind es österreichische Qualitätsanbieter aus der Markenartikelindustrie, oft auch regionale Top-Betriebe. Und einen ausgewählten Teil unserer Eigenmarken stellen wir in unseren eigenen Betrieben – Tann, Regio, Weingut Schloss Fels und Interspar-Bäckerei – selbst her.

Die Eigenmarken sind auch ein Teil der Kundenbindung. Ihre Mitbewerber setzen aber nicht nur auf Eigenmarken, sondern die Rewe International kommt ab 2. Mai dieses Jahres mit einem neuen Kundenclub. Warum gibt es bei der Spar keinen? Was hält Sie davon ab, einen zu kreieren?
Rewe hat in Österreich seit etwa dem Jahr 2000 eine Kundenkarte für jede Vertriebslinie, Spar und Hofer haben bisher auf Kundenkarten bewusst verzichtet. Wir sind in all diesen Jahren stärker gewachsen, weil wir uns nicht verzettelt haben und unsere Mittel lieber in die Preise investiert haben als in teure Kundenkarten oder kostenextensive, ausgelagerte Multibranchenkarten.

Sie wollten doch vor vielen Jahren selbst eine Multibranchenkarte auf den Markt bringen.
Wir haben dieses Thema im Detail geprüft, aber dann schnell festgestellt, dass das zu teuer ist und wir uns verzetteln würden.

Es wird also so bald bei Spar keine Kundenkarte geben?
Das ist nicht geplant.

Der LEH steht ja nicht nur bei den Konsumenten im Mittelpunkt, sondern immer stärker auch in der Politik. Bundesministerin Köstinger (Nachhaltigkeit und Tourismus, Anm. d. Red.) bindet den LEH sehr stark in umweltpolitische Maßnahmen ein. Gefällt Ihnen das oder eher nicht? Wer aus der Wirtschaft wird noch so stark eingebunden, wenn es um die Umwelt geht?
Wir dürfen Ursache und Wirkung nicht vertauschen! Von der Kausalität her ist es seit vielen Jahren so – unabhängig von der jeweiligen Bundesregierung –, dass der Lebensmittelhandel der Politik die wesentlichen Umweltthemen ans Herz legt, aber leider nicht immer gehört wird. So beispielsweise beim Thema Glyphosat oder beim Thema Verschlechterung der Umwelt- und Lebensmittel-Standards bei TTIP und CETA.

Ein weiteres, von der Politik angestoßenes großes Thema ist die UTP-Richtlinie. Inwieweit können Sie allen Punkten darin folgen und sie umsetzen?
Die UTP-Richtlinie war ursprünglich eine gute Idee zum Schutz der Landwirte und kleiner manufaktureller Hersteller. Jetzt liegt als beschlossene Richtlinie ein Lobbying-Resultat vor, das alle Hersteller bis 350 Millionen Euro Jahresumsatz unter Schutz stellen soll! Das sind 99 Prozent aller Lieferanten! Ich frage mich, wer schützt nun die Händler, insbesondere die kleinen und mittleren, vor der mächtigen Industrie?

Wie könnte das gehen, dass auch die Händler geschützt werden?
Indem die UTP-Richtlinie erweitert wird und auch die Händler geschützt werden.

Kommen wir direkt zur Spar zurück. Für heuer haben Sie ein Investment im In- und Ausland von rund 700 Millionen Euro angekündigt. Wie viel wird im Inland ankommen und wofür?
Etwa die Hälfte des konzernalen Investitionsvolumens von rund 700 Millionen Euro werden wir in Österreich einsetzen. Es fließt in erster Linie in die Erneuerung unserer Märkte, aber auch in die Erneuerung und Erweiterung unserer Tann-Werke und anderer infrastruktureller Maßnahmen.

Wollen Sie eigentlich noch in andere Länder expandieren?
Eine Expansion in weitere souveräne Staaten ist derzeit nicht angedacht. Wir wollen unseren Marktanteil in jenen Ländern, in denen wir bereits sind, sukzessive weiter ausbauen. Vor allem in Italien. Hier sind wir gerade dabei, die an unser Gebiet angrenzende südliche Region – die Emilia Romagna – für uns zu erschließen.

Die Spar hat also im Jahr 2018 unglaublich viel erreicht. Was davon macht Sie am meisten stolz?
Dass man auch in der heutigen Zeit als unabhängiges österreichisches Familienunternehmen nachhaltigen Erfolg haben kann!

Das diesjährige CASH Handelsforum steht unter dem Motto „Die Kunst der Veränderung. Richtig Handeln in einer unberechenbaren Welt.“ Wenn Sie an 2030 denken, was glauben Sie, wie muss sich die Spar verändern, um genauso erfolgreich zu sein wie 2018?
Wir müssen weiterhin unseren Fokus auf die Kunden und Mitarbeiter richten und alle anderen Aspekte diesem Fokus unterordnen. Die erforderlichen unternehmerischen Veränderungen ergeben sich dann – fast – von selbst.

Herr Drexel, vielen Dank für unser Gespräch!

Gerhard Drexel im Wordrap
Über die Spar-Kaufleute freue ich mich bei jedem persönlichen Kontakt.
Die Spar in Österreich wird in Zukunft im Lebensmittelhandel wie bisher eine bedeutende Rolle spielen.
Die Aspiag trägt Jahr für Jahr dazu bei, dass wir uns als mitteleuropäisches Unternehmen sehen.
Ohne die SES würde die Spar einen einzigartigen Wettbewerbsvorteil nicht haben.
Das Überspringen der 15-Mrd.-Euro-Umsatzschwelle der Spar-Österreich-Gruppe bedeutet für mich in erster Linie Verantwortung.



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