Hartwig Kirner/Fairtrade Österreich: Hartwig ...
 
Hartwig Kirner/Fairtrade Österreich

Hartwig Kirner: Fair sein

Das ist im täglichen Business nicht einfach. Trotzdem sorgt Fairtrade weltweit dafür, dass die Kooperativen der Kakaobauern in der Elfenbeinküste mehr Geld für die Ernte bekommen: Ab Oktober wird der Mindestpreis pro Tonne erhöht.

Galerie: Hartwig Kirner im CASH-Interview: Fair sein

CASH: Fünfzig Prozent des Konsumkakaos stammen aus der Elfenbeinküste. Für die Ernte der dortigen Fairtrade-Bauern wird nun der Mindestpreis um 20% erhöht. Fairtrade hat errechnet, dass Bauern mit dem von der Regierung derzeit festgelegten Preis von 1.327 US-Dollar pro Tonne deutlich unter die Armutsgrenze fallen. Was bedeutet das unterm Strich für die Käufer des Kakaos von Cote d´Ivoire?
Hartwig Kirner: Dass sie pro Tonne 1.600 US-Dollar an die Bauern plus 240 Dollar Prämie an die Kooperativen bezahlen werden. Will man die Situation der Bauern verbessern, muss man den Preis berücksichtigen. Viele Nachhaltigkeitsprogramme bei Kakao konzentrieren sich nur auf Produktivitäts-Steigerung. Wenn aber ein Land, das 50% der Welternte produziert die Produktivität schnell erhöht, sinkt der Preis und die Bauern verdienen noch weniger.

Ist die Existenzsicherung nun das neue Ziel von Fairtrade?
Ja. Wir wollen uns eben nicht nur da und dort verbessern, sondern unser Ziel ist es, dass die Bauern mit ihren Familien die Armutsgrenze überwinden. Wir sind nicht die einzigen, die dabei mithelfen wollen. Es gibt so etwas wie einen Paradigmenwechsel in der Branche, man richtet den Fokus immer stärker auf „Living Income“. Ein Beispiel sind die Bemühungen von Rewe und Ferrero.

Wenn der Weltmarktpreis so niedrig ist, warum rückt dann nur die Problemlage der Cote d´Ivoire so in den Mittelpunkt?
Der Mindestpreis für Kakao aus den lateinamerikanischen Produzentenländern wurde durch das Qualitätsdifferenzial schon immer mitbezahlt. Dort gibt es aber nicht nur eine höhere Qualität, sondern eine dreifach so hohe Erntemenge pro Hektar. Der Kakao von der Elfenbeinküste ist sogenannter Konsumkakao, für den es eben meist keinen Qualitätsbonus gibt.

Werden die Produkte für die Endkonsumenten demnach teurer?
Davon müssen wir ausgehen, denn es kann nicht so sein, dass die Rohstoff-Großhändler bzw. die Händler auf den Kosten sitzen bleiben.

Die Konsumenten sind preisverwöhnt und sehr sensibel. Wird es einen Rückgang für Fairtrade lizenzierte Produkte geben?
Das hoffen wir natürlich nicht, und wir glauben es auch nicht. Denn es ist schon deutlich zu erkennen, dass jene, die Fairtrade-Produkte kaufen, weniger auf den Preis schauen.

Die Wettbewerbssituation am Markt ist brisant. Wie haben Ihre Fairtrade-Partner aus dem Herstellerbereich und aus dem Handel auf die Ankündigung von Preiserhöhungen reagiert?
Es ist kein Jubel ausgebrochen, aber im Grunde gibt es einen breiten Konsens für „Living Income“. Es gibt natürlich Vorbehalte in der Frage, wie man die Preiserhöhung umsetzt. Sie sind beim einen stärker, beim anderen weniger stark ausgeprägt.

Werden einige vom Fairtrade-Zug abspringen?
Aus jetziger Sicht ist das nicht hundertprozentig zu beurteilen, aber ich glaube, es wird keiner abspringen.

Wann werden die Preiserhöhungen am Markt in Österreich spürbar sein?
Das wird wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres sein.

Wann genau ist der erhöhte Mindestpreis für den Kakao an die Kooperativen der Elfenbeinküste erstmalig zu bezahlen?
Mit der neuen Ernte in diesem Jahr, also ab 1. Oktober 2019.

Welches Stimmungsbild gibt es dazu eigentlich auf europäischer Ebene?
Es ist wie in Österreich, weil es ja auch so ist, dass die Preiskorrektur, also die Anhebung des Mindestpreises, für alle gilt, die Fairtrade-Kakao von der Elfenbeinküste kaufen. Es ist ein sehr großes Projekt, das Fairtrade in Angriff genommen hat.

Es wird wahrscheinlich auch sehr viel Anlaufzeit gebraucht haben.
Das stimmt, es sind ja auf internationaler Ebene viele Leute eingebunden.

Wie haben Sie es Ihren Partnerfirmen und Händlern in Österreich beigebracht?
Höhere Preise sind ja stets ein sehr heikles Thema.Wir haben sie im Vorjahr über die Lage am Weltmarkt und die Problematik in der Elfenbeinküste sehr ausführlich informiert, unseren Antrieb ausführlich erklärt und unsere Entscheidung dann letztlich im Dezember 2018 getroffen.

Im Grunde ist es ja so, dass Fairtrade mit der Mindestpreiserhöhung eine Preisstützung umsetzt. Wie lange kann bzw. soll man so etwas durchziehen?
Wir wissen, dass das keine endgültige Lösung sein kann, und sie ist es auch nicht. Wenn sich der Weltmarktpreis wieder erholt – es kennt aber keiner den Zeitpunkt dafür, wann das so sein wird – dann wird der Fairtrade-Aufschlag geringer. Denn dann hat sich das Gap zwischen Weltmarktpreis und Living Income ohnedies verringert. Dann sollten die Bauern so viel mit ihrer Ernte verdienen, dass sie mit ihren Familien über der Armutsgrenze ein sicheres Leben führen können.

Herr Kirner, vielen Dank für unser Gespräch!
Fairtrade Österreich - Die Facts
Zertifizierter Gesamtumsatz 2017: 304 Mio. € (+13%)
Lizenzierte Partner: 130
Anzahl Fairtrade-Produkte: ca. 1.900
Verkaufsstellen LEH/übriger Handel: über 5.000, Fairtrade-Produkte sind weiters in ca. 1.850 Cafés, Bäckereien, Hotels, Restaurants und Kantinen verfügbar.
Fairtrade Österreich
Fairtrade Österreich unter Leitung von Geschäftsführer Hartwig Kirner verzeichnet seit knapp über 25 Jahren eine dauerhaft gute Entwicklung, die auch auf der guten Zusammenarbeit mit den Partnerfirmen und dem heimischen Lebensmittelhandel fußt. Den größten Umsatzschub mit zertifizierten Partnern in der Höhe von 80 Prozent gab es zwischen 2014 und 2016. In diesem Zeitraum wurde das Fairtrade-Kakaoprogramm bzw. -Zuckerprogramm am Markt gestartet. Im Vorjahr gab es für Fairtrade Österreich Grund zum Feiern – nämlich das 25-jährige Jubiläum.
Die Produktkategorien
Nach Umsatz gesplittet
- Schokolade und Süßwaren: 44 %
- Bananen: 16 %
- Kaffee & Heißgetränke: 13 %
- Fruchtsäfte & AF-Getränke: 14 %
- Rosen: 5 %
- Baumwolle: 4 %
- Rest entfällt auf Grundnahrungsmittel, Convenience, Sonstiges

Nach Vertriebsschienen gesplittet
- LEH/DFH: 76 %
- Fachhandel inkl. Weltläden: 17 %
- Außer-Haus-Markt: 7 %
Angaben: Schätzungen Fairtrade Österreich




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