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Institut für Höhere Studien

Martin Kocher: Arbeitseinkommen als Konjunkturstütze entlasten

Carl Anders Nilsson

Univ.-Prof. Dr. Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien, setzt auf eine steuerliche Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen und fordert eine Bildungsoffensive, die möglichst wenig junge Menschen aus dem System verliert.

CASH: Die private Geldvermögensbildung ist praktisch seit einem Jahrzehnt sistiert. Die Nullzinspolitik der EZB macht privaten und institutionellen Anlegern gehörig zu schaffen. Ist in der Zinspolitik nicht ein Paradigmenwechsel fällig?
Martin Kocher: In naher Zukunft sehe ich keine Änderung dieser Strategie des billigen Geldes. Die EZB wird dabei bleiben, nur leider hat man jetzt nur mehr einen sehr geringen Spielraum für weitere, konjunkturstimulierende Maßnahmen. Mit den Nullzinsen werden wir noch einige Zeit leben müssen.

Mit welchen Auswirkungen?
Nun, es wird einen Strukturwandel im Portfolio der Vermögen geben. Mit der Veranlagung in täglich disponierbaren Sparformen oder in Staatsanleihen kommt es – unter Berücksichtigung der Inflation – zu Kaufkraftverlusten. Das betrifft viele Sparer nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, denn in beiden Ländern ist die Wertpapieraffinität nicht sonderlich stark ausgeprägt. Im vergangenen Jahrzehnt war ja die Performance der Aktienmärkte nicht schlecht. Ich erwarte also den Umbau des Portfolios in diese Richtung, auch wenn der jetzige Zeitpunkt nicht gerade günstig ist, weil ja die Börsen von beträchtlicher Volatilität gekennzeichnet sind und gegenwärtig auch nicht viel Fantasie entwickeln.

Sind die Zinsen überhaupt noch ein entscheidendes Kriterium für Investitionen und somit Wirtschaftswachstum?
Deren Bedeutung für die Investitionstätigkeit der Unternehmen geht ohne Zweifel zurück. Wir brauchen für die Wirtschaftsentwicklung offensichtlich weniger physisches Kapital. Die Digitalisierung und ihre Geschäftsmodelle beispielsweise erfordern geringere Kapitalinvestments als der Aufbau einer Autofabrik oder die Errichtung eines Stahlwerkes.

Wie beurteilen Sie die konjunkturelle Ausgangslage?
Die Konjunktur schwächt sich ab und die Diskussionen über Einschränkungen des Welthandels mittels Strafzöllen verunsichern sehr. Der Welthandel insgesamt ist mit einem Zuwachs von drei Prozent durchaus stabil, aber die Politik des „America first“ ist nicht sehr klug. Chinas Wachstum leidet, auch die USA und Europa sind betroffen. Verunsicherungen sind eben kontraproduktiv.

Was wäre daher konkret in Österreich zu tun?
Wichtig wäre die Stützung des privaten Konsums über eine echte Steuerreform, die vor allem kleine und mittlere Arbeitseinkommen spürbar entlastet.

Im Zuge der Wahlauseinandersetzung ist der Vorschlag aufgetaucht, nicht nur das Mindesteinkommen auf 1.700 Euro monatlich zu erhöhen, sondern die Einkommen bis zu diesem Wert auch steuerfrei zu stellen. Was sagt der Ökonom?
Das Mindesteinkommen ist eine Frage, die die Kollektivvertragspartner betrifft. Bei der Steuerfreiheit bis 1.700 Euro wäre die Folge, dass dann praktisch knapp 50 Prozent aller Aktiven und Pensionisten in Österreich keine Lohnsteuer mehr zahlen. Das wäre ein europäischer Spitzenwert. Außerdem läge dann der Einstiegsteuersatz, je nach genauer Implementierung, bei 35 Prozent. Das wiederum wäre nicht nur viel zu hoch, sondern würde naturgemäß wieder die Teilzeitarbeit beflügeln. Um diesen Vorschlag zu bewerten, braucht es ein Gesamtkonzept für die steuerliche Neuausrichtung.

Jüngst fallen Forderungen von Ökonomen auf, die Zeit des sehr billigen Geldes für staatliche Investitionsfonds zu nutzen. Etwa in Deutschland. Sehen Sie auch diese Tendenz?
Es stimmt, dass Deutschland in der Infrastruktur einen erheblichen Investitionsstau hat. Das trifft für Österreich so nicht zu, hier ist die Investitionsquote deutlich höher. Grundsätzlich ist aber richtig, dass Konjunkturimpulse derzeit primär aus dem privaten Konsum und aus staatlichen Investitionen kommen.

Stichwort Deutschland. Funktioniert dort der Preiswettbewerb im Einzelhandel besser als in Österreich, wie diverse Preisvergleiche zu untermauern versuchen?
So generell ist das schwer zu sagen. Im Lebensmitteleinzelhandel etwa gibt es zweifellos ein besonderes Qualitätsbewusstsein der Österreicher. Es mag auch an der speziellen Geographie Österreichs liegen. Der Konzentrationsprozess ist als Erklärung nicht unbedingt schlüssig: Die Industrieökonomie lehrt uns, dass es auch zwischen nur zwei Anbietern einen sehr harten Preiswettbewerb geben kann.

Sie haben vor Kurzem in Alpbach gemeint, für Österreichs Wirtschaft bestünde derzeit keine akute Rezessionsgefahr, während in Deutschland die jüngsten Entwicklungen solche Befürchtungen zuließen. Worin begründet sich Ihr Optimismus?
Der österreichische Außenhandel hat in den vergangenen Jahren stark diversifiziert. Sowohl was den Spezialisierungsgrad der exportierten Produkte als auch die Destinationen betrifft. Natürlich ist Deutschland weiterhin der mit Abstand wichtigste Abnehmer der heimischen Exportwirtschaft, aber der wachsende Anteil der CEE-Länder oder in Märkten des Pazifischen Raumes, in denen die Wachstumsraten weiterhin deutlich über dem EU-Durchschnitt liegen, stützt die Exportkonjunktur. Die Produktivität der österreichischen Produktionswirtschaft liegt im europäischen Spitzenfeld, der private Konsum entwickelt sich weiterhin gut und der Dienstleistungsexport – also primär der Ausländertourismus – erzielt immer wieder Höchstwerte. Auch die günstigere demografische Struktur als jene in Deutschland spricht für Österreich. Dem stehen allerdings sehr hohe Steuerbelastungen der Arbeitseinkommen sowie sehr hohe Lohnnebenkosten gegenüber. Auch der Fachkräftemangel wirkt sich konjunkturbremsend aus. Deshalb plädiere ich für die geschilderte Steuerentlastung und – ebenso wichtig – für eine Bildungspolitik, die möglichst wenige junge Menschen ohne entsprechende Qualifikation aus dem System entlässt.

Herr Kocher, vielen Dank für das Interview.
Über Martin Kocher
Univ.-Prof. Dr. Martin Kocher ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Höhere Studien in Wien und Professor für Verhaltensökonomie an der Universität Wien. Sein Werdegang beinhaltet Professuren und wissenschaftliche Stellen an der Universität München, der Universität von East Anglia, der Universität Amsterdam, der Queensland University of Technology und der Universität Innsbruck, wo er in Volkswirtschaftslehre promovierte. Er war darüber hinaus Dekan und Studiendekan in München. Die Forschung von Martin Kocher konzentriert sich auf die Bereiche Verhaltensökonomik und Öffentliche Finanzen.
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