bauMax: Martin Essl: Nesterlbauen ist in
 
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Martin Essl: Nesterlbauen ist in

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Menschen mit Neigung zu Anglizismen sprechen von Cocooning und freuen sich dabei über Neo-Trends. Für bodenständige Menschen wie bauMax-Chef KR Martin Essl heißt das Nesterlbauen und ist keineswegs neu. CASH sprach mit ihm über die Psychologie des Heimwerkens.

CASH: Herr Essl, ob die Krise als Ausrede herhalten muss oder der Trend so und so gekommen wäre, sei jetzt dahingestellt. Tatsache ist, dass die Menschen wieder näher zusammenrücken und öfter daheim sind. Spüren Sie das auch?
Martin Essl: Ja, und zwar stärker denn je. Ich nenne das gerne zurück zum Nesterlbauen, was ja irgendwie eine logische Folge der momentanen Zeit ist. Die Menschen gehen weniger fort, sind daher öfter und länger daheim und wollen ihr Zuhause so gemütlich wie möglich gestalten.

Was ja an sich eine eher weibliche Komponente im Zusammenleben von Menschen ist ...
Schon, aber das ändert sich zur Zeit gewaltig. Während das archaische Spiel mit Werkzeugen aller Art ein typisch männliches Verhalten war und teilweise natürlich auch noch ist, vermischen sich die dabei empfundenen Lustgefühle. Frauen entdecken das Heimwerken und Männer den kreativen, verschönernden Part in sich.

Hat das aber nicht zur Folge, dass man Baumärkte völlig umgestalten müsste?

Was ja in unserem Fall auch bereits passiert ist. In den 70er Jahren, als die ersten Baumärkte aufsperrten, dachte man nur an den Mann. Es galt weiteren Wohnraum zu schaffen, Dachböden auszubauen, Garagen, Arbeits-, Hobby- und Bastelräume zu gestalten, in jedem Fall jedoch starke Hand anzulegen. Heute ist all das mehr oder weniger abgeschlossen, gilt es eher Feinarbeiten durchzuführen, da die sogenannte Krise größere Projekte eher hintanstellen lässt.

Wobei die Nesterl, die es zu bauen gilt, sehr wohl jedoch durchaus unterschiedlich sein können ...

Zum Glück gibt es viele verschiedene Nesterl und somit die unterschiedlichsten Rückzugsgebiete. Bei vielen wird wieder mehr gekocht, also wird die Küche wieder auf Vordermann gebracht und zum Beispiel neues Geschirr gekauft. Wobei wir feststellen, dass die alte archaische Feuerstelle als Mittelpunkt der Familie oder sogar eines größeren Freundes- und Bekanntenkreises nicht nur wieder wichtiger, sondern auch größer wird. Ebenso das Badezimmer, das jetzt nicht nur ausschließlich zur Körperreinigung dient, sondern als Wellnessoase.

Das alles hat aber sicher auch mit der sich gerade dramatisch verändernden Rolle der Frau in unserer Gesellschaft zu tun ...

Natürlich, den rollenmäßig haben die heutigen Frauen mit jenen vor 25 Jahren überhaupt nichts mehr gemeinsam. Denken wir nur an die vielen Singlefrauen oder an die Rolle der Frau als Entscheidungsträgerin. Alles, was an Accessoires, an Dekorativem, an Licht und Farben gekauft wird, wird von Frauen entschieden. Und, ich habe es bereits erwähnt, die Frau als Heimwerker ist eine auch für uns überaus attraktive Zielgruppe geworden. Unsere speziellen Heimwerkerkurse für Frauen sind permanent ausgebucht.

Eine alternde Gesellschaft bekommt à la longue ebenfalls ein Problem. Sind Senioren nicht ebenfalls interessante Kunden für Sie?

Natürlich, und das nicht primär wegen der zweifelsohne vorhandenen Kaufkraft, sondern auch aus psychosozialen Gründen: damit die sogenannten Alten weiterhin eine Aufgabe im Leben haben, denn das Gefühl gebraucht zu werden, ist für viele lebenswichtig. Dazu kommt, dass Heimwerken jede Menge Anerkennung bringt, Prestige und Lob.
Das ist draußen mindestens genau so wichtig wie drinnen, also Lob für die Mitarbeiter, denen man vor allem in Zeiten wie diesen nie das Gefühl geben darf, nur ein Kostenfaktor zu sein. Und die man auch nicht auspressen darf, sondern ihnen genug Zeit zur Verfügung stellen muss, um diese im Kreis ihrer Liebsten daheim verbringen zu können. Eventuell sogar mit gemeinsamem Nesterlbauen.

Herr Essl, ich danke für das Gespräch.


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