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Peter Reinecke: „Es geht um einen ganzheitlichen Zugang“

Johannes Brunnbauer
Peter Reinecke bestreitet seit Dezember 2018 seine vierte Amtsperiode (dauert jeweils drei Jahre) als Präsident des forum. ernährung heute. © Johannes Brunnbauer
Peter Reinecke bestreitet seit Dezember 2018 seine vierte Amtsperiode (dauert jeweils drei Jahre) als Präsident des forum. ernährung heute. © Johannes Brunnbauer

Dr. Peter Reinecke, wiedergewählter Präsident des forum. ernährung heute (f.eh), über die Rolle des unabhängigen und nicht gewinnorientierten Vereins im wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Ernährung.

CASH: Herr Dr. Reinecke, der Verein f.eh finanziert sich aus Beitrittsgebühren, Mitgliedsbeiträgen, Verkaufserlösen und Spenden. Wie groß ist Ihr Budget und können Sie damit Ihren Ansprüchen gerecht werden?
Peter Reinecke: Unser Budget bewegt sich im niedrigen sechsstelligen Bereich und wir können damit unseren Ansprüchen gerecht werden, wiewohl wir natürlich immer noch höhere Ansprüche an uns selbst stellen und damit permanent auf der Suche nach neuen Unterstützern sind, die unsere Arbeit weiter fördern.

Wer sind denn die größten Geldgeber?
Die größten Förderer sind die großen Nahrungsmittelhersteller, aber auch mittelständische Unternehmen.

Auf welche Informationsquellen stützt sich das f.eh?
Der Kernbereich unserer Positionierung ist die Wissenschaftlichkeit. Unser gesamtes Team hat eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung und kann somit in der Breite aller wissenschaftlichen Informationsquellen arbeiten. Und ich bin sehr froh, dass wir auch einen wissenschaftlichen Beirat haben. Die WHO-Richtlinien sind eine von vielen unserer Arbeitsgrundlagen, aber es geht weniger um einzelne Studienergebnisse, sondern vielmehr um eine möglichst umfassende Recherche und Analyse.

Wie oft tagt der wissenschaftlicher Beirat, wie viele Themen werden jährlich behandelt?
Der Beirat tagt mindestens zweimal im Jahr, aus gegebenen Anlässen auch häufiger und die Themen sind so vielfältig, das kann man numerisch nicht erfassen. In erster Linie reflektieren sie den aktuellen Kenntnisstand der Ernährungswissenschaft und ihrer angrenzenden Gebiete, aber auch die aktuelle gesellschaftspolitische Diskussion dazu.

Gibt es da auch Meinungsverschiedenheiten?
Es geht um die Blickwinkel der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und es gibt eine sachorientierte Diskussion, aber es gibt keine ideologisch geprägten Meinungsverschiedenheiten. Der Sinn des Beirats ist es, Vorstand und Geschäftsführung in ihrer Projektarbeit und in ihren kommunikativen Aktivitäten kritisch zu unterstützen. Und der Beirat soll Anregungen geben für weitere Themen in Hinblick auf den wissenschaftlichen Fortschritt und den zu erwartenden gesellschaftlichen Diskurs in der Zukunft.

Das f.eh gibt es seit 1991. Wie hat sich die Thematik entwickelt?
Wir haben im Laufe der Jahre eine Reihe von thematischen Schwerpunkten erarbeitet. Es geht um einen ganzheitlichen Zugang zu allen Fragen der Ernährung und des Lebensstils, insbesondere zu den Auswirkungen auf Gesundheit und Nachhaltigkeit. Also zum Beispiel Erziehung und Ausbildung, Genuss und Lebensfreude, Bewegung und Motivation, die gesellschaftliche Wertschätzung für Lebensmittel, die Beschäftigung mit ernährungsassozierten Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes und andere; häufig auch einzelne im Fokus stehende Nährstoffe und Substanzen wie Fett, Salz oder Zucker.

Aktuell geht es um Werbeeinschränkungen oder gar Verbote für an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung. Wie sieht hier der Standpunkt des f.eh aus?
Was die an Kinder gerichtete Werbung betrifft, gibt es entsprechende EU-Richtlinien, Codices von Medien und Verbänden sowie diverse Selbstverpflichtungen vieler Unternehmen, wie den sogenannten EU-Pledge. Natürlich gibt es da auch die Meinung, Selbstverpflichtungen der Wirtschaft seien nicht ausreichend und nur gesetzliche Werbeverbote oder -einschränkungen hinreichend wirksam. Wir betonen in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Bedeutung der Informations- und Werbefreiheit und vertrauen auf Einrichtungen der Selbstkontrolle wie den Österreichischen Werberat sowie der Kontrollfunktion von Medien und öffentlicher Debatte. Selbstverständlich aber appellieren wir an das Verantwortungsbewusstsein der werbetreibenden Wirtschaft und erwarten, dass Selbstverpflichtungen auch tatsächlich eingehalten werden.

Der Vereinszweck des f. eh ist die Verbreitung faktenorientierter und wissenschaftsbasierter Informationen. In welcher Form geschieht das?
Wir haben eine Website (forum-ernaehrung.at), wir geben eine Zeitschrift heraus (ernährung heute), wir haben einen Newsletter, wir geben Positionspapiere heraus zu bestimmten Themen, wir sind Ansprechpartner für viele Medien und wir haben regelmäßig Informations- und Diskussionsveranstaltungen.

In Ihren Grundprinzipien heißt es: Das f.eh ist der Wissenschaft verpflichtet und dient damit den Interessen von Konsumenten, Wirtschaft, NGOs, Behörden, aber auch der Gesellschaft generell. Kommt es da auch zu Interessenkonflikten?
Wir haben uns alle darauf geeinigt, wenn wir hier mitarbeiten, dann unterwerfen wir uns dem wissenschaftlichen Ethos – das ist die Eintrittsvoraussetzung.

Sie stehen also auch im Dialog mit den Nahrungsmittelerzeugern bzw. -importeuren und mit dem Lebensmittelhandel?
Ja natürlich, über die gesamte Wertschöpfungskette, das beginnt schon bei der Landwirtschaft. Vom Feld bis auf den Teller.

Gibt es von diesen Seiten Verständnis für die Anliegen des f.eh bzw. wie reagieren diese auf die Aktivitäten des f.eh? Gibt es Kooperationen?
Ja, wir ziehen ja alle an einem Strang. Alle haben mehr oder weniger das gleiche Interesse: Sie wollen dazu beitragen, dass die heimischen Konsumenten sich ausreichend und gesundheitsfördernd ernähren können. Und wir dürfen nicht vergessen, von welch hohem Niveau wir ausgehen. Noch niemals gab es ein derart vielfältiges und hochqualitatives Angebot an Lebensmitteln wie heute.

Gibt es aus Ihrer Sicht problematische Warengruppen oder geht es immer nur um eine vernünftige Dosierung?
Es gibt wenig, das von vornherein absolut schlecht ist, sondern es geht um übermäßigen Konsum oder Schädlichkeit in ungünstigen Zusammenhängen wie Krankheiten, genetischen Dispositionen, Bewegungsmangel, einseitiger Ernährung etc.

Nehmen wir ein Beispiel: Wenn die WHO hohen Fleisch/Wurstkonsum – und der ist in Österreich tatsächlich sehr hoch – mit Krebs in Verbindung bringt – was sagt dann das f. eh dazu?
Auch in diesem Fall gilt die vernünftige Dosierung. Fleisch und Wurst ist ja tatsächlich auch eine Warengruppe, von der in Österreich mehr als das Doppelte konsumiert wird, als von Ernährungsgesellschaften empfohlen wird. Die konkreten Gefahreneinstufungen der WHO mündeten jedoch vielfach in einer überzogenen Risikokommunikation. 

Wie würde aus Ihrer Sicht eine optimale Lebensmittelkennzeichnung aussehen?
Die Optimalvariante ist ein theoretisches Konstrukt. Sie soll den Verbraucher umfassend informieren über alle Lebensmittelbestandteile, und gleichzeitig sehr einfach und verständlich sein. Über das Bündel an EU-weit einheitlichen Rechtsvorschriften hinaus sind derzeit verschiedene farbliche Symbolkennzeichnungen auf freiwilliger Basis in Diskussion, über die wir auch aufklären. Wir geben allerdings beim jetzigen Forschungs- und Wissensstand keine konkreten Empfehlungen für bestimmte Kennzeichnungsmodelle ab.

Was halten Sie von zusätzlichen Steuern auf „ungesunde“ Lebensmittel?
Anhand konkreter Erfahrungen weltweit lässt sich sagen, dass Steuern kein geeignetes Mittel sind, um langfristig wirksam Verhalten zu beeinflussen. Wir vertrauen mehr auf Information, Wissen, Bildung, sowie auf die Vielfalt und innovative Weiterentwicklung des Angebots an Lebensmitteln.

Herr Dr. Reinecke, Sie sind im Dezember als Präsident des f.eh wiedergewählt worden. Was haben Sie sich für Ihre vierte Periode vorgenommen?
Wir müssen davon ausgehen, dass ernährungsrelevante Themen auch zukünftig verstärkt im Fokus der öffentlichen und politischen Diskussion stehen werden. In diesem Umfeld wollen wir mit unserer bewährten Strategie konsequent weiterarbeiten. Diese wird natürlich regelmäßig selbstkritisch überprüft. Wir haben kurzfristig vor, weiterzuarbeiten mit dem Thema Verantwortung für gesundheitsfördernde und genussvolle Ernährung und der Herausforderung, dass so viel wie möglich ernährungsbezogene Handlungskompetenz an die Bevölkerung kommt. Langfristig wollen wir weiterhin ein akzeptierter, kompetenter und vertrauenswürdiger Diskussionspartner für alle Interessengruppen sein und diese Position nachhaltig ausbauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Vereinszweck des f.eh
Die Verbreitung faktenorientierter und wissenschaftsbasierter Informationen und der Dialog über
* eine zeitgemäße und ausgewogene Ernährungsweise und Lebensführung zwecks Erhaltung der Gesundheit,
* Fragen der Nahrungsmittelzusammensetzung und Nahrungsmittelkomponenten,
* Verpackungs- und Umweltfragen sowie
* Fragen des Verbraucherschutzes.
Das f.eh agiert als Mediator in der oft emotionsgeladenen Ernährungsdiskussion und bemüht sich um Versachlichung der Debatte. Es möchte Dialog und Verstehen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien fördern, um gute und breit akzeptierte Lösungen für die Praxis zu ermöglichen und den aktuellen Stand der Wissenschaft für die Allgemeinheit verständlich machen.



© Johannes Brunnbauer
Johannes Brunnbauer
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