Coverstory/Karl Kollmann/Arbeiterkammer: Über...
 
Coverstory/Karl Kollmann/Arbeiterkammer

Über Kreuz mit dem LEH

-
® peter.svec@pixXL.at
® peter.svec@pixXL.at

Der Arbeiterkammer stößt das Preisgefälle bei Lebens- und Reinigungsmitteln zwischen Österreich und Deutschland sauer auf. Gesprächsbedarf mit dem Handel ortet Karl Kollmann, stellvertretender Leiter der Abteilung Konsumentenpolitik, auch beim Thema Promotion.

CASH: Herr Professor Kollmann, in regelmäßigen Abständen geißelt die Arbeiterkammer den österreichischen Lebensmitteleinzelhandel mit Preisvergleichen. Führt die AK einen Kreuzzug gegen den LEH?



Karl Kollmann: Der Handel, und also auch der Lebensmittelhandel, ist eine wichtige Größe in der österreichischen Wirtschaftslandschaft, nicht nur als Arbeitgeber. Wir anerkennen auch die Bemühungen der diversen Handelsbetriebe, die arbeitsrechtlichen Bedingungen ihrer Mitarbeiter endlich korrekt zu gestalten. Die AK ist dem Handel also a priori keineswegs feindlich gesinnt.

Was auch auffällt ist, dass insbesondere Deutschland im Fokus Ihrer Preisvergleiche steht.



Das hat einen einfachen Grund: Es gibt in Österreich eben eine Reihe von Handelsbetrieben, die Töchter deutscher Unternehmen sind, wie z.B. Billa, Penny oder Hofer.

Von der Zulässigkeit solcher Vergleiche einmal abgesehen signalisieren Sie den Verbrauchern damit letztlich aber doch bloß, dass sie ihre Kaufkraft ins Ausland tragen sollen. Müsste man nicht gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten darauf bedacht sein, dass möglichst viel Wertschöpfung im Land bleibt und die Leute in Österreich einkaufen?



Da unterschätzen Sie zum einen die Mündigkeit der Verbraucher. Die brauchen nicht die AK, um spitzzukriegen, wo etwas günstiger ist. Zum anderen ist es auch nicht die AK, die reklamiert, dass zu wenig grenzüberschreitend gekauft wird, Stichwort: Internethandel. Diesbezüglich müssen sich die Handelsfirmen schon bei der EU beschweren. Wir meinen im Gegenteil, dass es sehr vernünftig ist, dass die Leute gezielt regional einkaufen und wir begrüßen in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Teilnahme etlicher Handelsunternehmen an der Aktion Nachhaltige Wochen des Lebensministeriums. Was wir aber auch sehen ist eine teils erhebliche Preisdiskriminierung in manchen Bereichen in Österreich im Vergleich zu Deutschland.

Um welche Bereiche handelt es sich da aus Ihrer Sicht und was wollen Sie erreichen?



Ich denke da zum Beispiel an den Automobil- und den Zeitschriftenbereich, aber auch an das Segment international gehandelte Güter des täglichen Bedarfs. Letztere sind – das zeigen unsere Erhebungen – in Österreich im Schnitt um ein Fünftel teurer als in Deutschland. Wir wollen erreichen, dass die Preise auch in diesen Bereichen europäisches Niveau bekommen. Es geht doch nicht an, dass man auf der einen Seite Nutznießer eines deregulierten Marktes ist, aber auf der anderen Seite die Preise künstlich hochhält. Einen funktionierenden Binnenmarkt stell ich mir anders vor!

Bleiben wir beim Lebensmittelhandel. Übersehen Sie bei Ihren Vergleichen nicht, dass österreichische Verbraucher großen Wert auf die Herkunft der Produkte aus dem Inland legen, dass aber Lebensmittel hierzulande in besonders klein strukturierten Produktionseinheiten hergestellt werden und dass damit die Erzeugung in Österreich kleinteiliger und auch vergleichsweise teurer ist?



Dass ein kleinbäuerlicher Betrieb eine andere Kostenstruktur hat als ein agroindustrielles Unternehmen ist klar. Deshalb haben wir bei unseren Untersuchungen auch sehr genau darauf geachtet, nicht Kraut und Rüben, sprich Waldviertler Ziegenkäse mit holländischem Fabrikskäse, sondern Äpfel mit Äpfel, also idente Produkte, die quer durch Europa gehandelt werden, zu vergleichen, wie z.B. Geschirrspülmittel, Dosenananas oder Olivenöl – mit den bekannten Ergebnissen.

Unterschiedliche Strukturen auf der Erzeugerebene sind ja nur ein möglicher Grund für abweichende Endverbraucherpreise. Auch divergierende Produktionsvorschriften, voneinander abweichende Logistikkosten bzw. Unterschiede in der Struktur der Handelslandschaft selbst beeinflussen die Preisgestaltung. Österreich ist ein Land der lückenlosen Nahversorgung. Umgekehrt ist der Marktanteil der personalextensiven Vertriebsform Diskont in Deutschland erheblich größer als in Österreich, von Unterschieden bei den Haushaltseinkommen einmal ganz abgesehen.



Die Haushaltseinkommen in Österreich sind etwas höher als in Deutschland, das ist richtig. Trotzdem unterscheiden sich die Preise z.B. bei Büchern hüben wie drüben um nicht mehr als den Betrag, der sich auf Grund des unterschiedlichen Mehrwertsteuersatzes ergibt. Ich glaube auch nicht, dass ein italienisches Unternehmen, das Olivenöl quer durch Europa vermarktet, dass dieses Unternehmen für die Österreich-Tranche eine eigene Abfüllstation betreibt. Da gibt es mit Sicherheit keine unterschiedlichen Produktionsvorschriften. Selbst den Einwand der unterschiedlichen Logistikkosten kann ich nicht gelten lassen. Österreich verfügt über ein hervorragend ausgebautes Verkehrswegenetz. Ob nun ein LKW von Hamburg nach Passau fährt oder nach Wien, spielt umgelegt auf die Stückkosten eine derart marginale Rolle, dass sich das im Preis nicht niederschlagen kann. Darüber hinaus sind die Spritkosten hierzulande um einiges niedriger als in Deutschland. Und zur Struktur des Handels: Wir haben erhebliche Preisunterschiede selbst innerhalb ein und derselben Vertriebsform festgestellt. Heimische Konsumenten müssen bei unseren Diskontern tiefer in die Tasche greifen als deutsche. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Einkäufer von Hofer einen schlechteren Job verrichten als die von Aldi Süd.

Nur billig kann aber trotzdem nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wohin das führt, haben hat man ja gesehen. Stichwort: Gammelfleischskandal.



Auch wir hatten unsere Skandale im Fleischbereich. Als vor 20 Jahren als Känguru-Fleisch deklariertes Hirschfleisch in Verkehr gesetzt wurde, ging sogar eine Lebensmitteluntersuchungsanstalt in Flammen auf. Um die Gesundheit der Verbraucher zu schützen, bedarf es ohne Zweifel einer guten staatlichen Kontrolle. Zur Ehrenrettung des Handels kann ich aus eigener persönlicher Erfahrung aber bestätigen, dass Fleisch und Wurstwaren in Österreich traditionell von besserer Qualität sind als in Deutschland. Jedoch haben wir mit unseren Vergleichen nicht auf diese Warengruppe abgestellt, sondern, ich betone es noch einmal, auf international gehandelte Produkte. Bei diesen orten wir eine Schieflage und die ist uns ein Dorn im Auge genauso wie diverse Promotion-Aktivitäten.

Was ist Ihrer Ansicht nach so verwerflich an Preisaktionen?



Nichts, solange dabei die Preisstabilität in einem gewissen Rahmen gewährleistet bleibt. Jedoch greifen Aktionen der Art „Kauf drei zum Preis von zwei“ jetzt immer mehr um sich. Das schafft Intransparenzen, insofern als die Grundpreise immer weniger exakt feststellbar sind. Gleichzeitig stiften sie die Konsumenten zum unüberlegten Mehrkauf an, und das in einer Zeit, in der immer öfter Lebensmittel im Müll landen. Diesbezüglich werden wir in nächster Zeit sicher Gespräche mit dem Handel führen müssen.

Mit welchem Ausgang?



Anstelle der Aktionen auf einzelne Artikel würde ich mir eine Verbilligung über das gesamte Sortiment wünschen.


Herr Professor Kollmann, vielen Dank für das Gespräch!



Dr. Karl Kollmann ist stellvertretender Leiter der Abteilung Konsumentenpolitik der Arbeiterkammer und lehrt darüber hinaus seit den 1980er Jahren Konsumökonomie an der WU Wien.

Nähere Infos über das Preisgefälle im LEH finden Sie hier.

stats