Uwe Knop/Diplom-Ökotrophologe und Buchautor: ...
 
Uwe Knop/Diplom-Ökotrophologe und Buchautor

Uwe Knop: Glaskugel Ernährungsforschung

Marina Stöttwig

Uwe Knop scheut sich nicht davor anzuecken und hält die Ernährungsbranche mit seinen Aussagen in Atem. Warum der Diplom-Ökotrophologe nichts von Zuckerreduktionsinitativen hält und das Vertrauen in den eigenen Körper am wichtigsten ist, schildert er anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches im CASH-Gespräch.

CASH: In Ihrem neuen Buch „Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten“, rufen Sie Ihre Leser ganz deutlich dazu auf, alles zu vergessen, was sie bisher über gesunde Ernährung gehört haben. Warum?
Uwe Knop: Ganz einfach: Es gibt weder einen wissenschaftlichen Beweis für „gesunde“ Ernährung noch für ungesunde Lebensmittel oder gar einzelne Inhaltsstoffe. Niemand kann sicher sagen, welches Essen krank, gesund, dick oder schlank macht. Es wird Zeit, diesen pseudowissenschaftlichen Ballast aus den Köpfen zu streichen, damit Platz ist für das Wesentliche: Gutes und genussvolles Essen zur Lebenserhaltung basierend auf dem Vertrauen in den eigenen Körper. Nur so findet jeder sein bestes Essen aller Zeiten.

Was sollte man dann eigentlich essen, wenn es gesunde Ernährung Ihrer Meinung nach gar nicht gibt?
Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt, denn: Jeder Mensch is(s)t anders. Daher sollte jeder nur auf seinen eigenen Körper(navigator) vertrauen. Essen Sie nur, wenn Sie echten Hunger haben, worauf sie Lust haben, was ihnen schmeckt und was sie gut vertragen. Das ist alles. Mehr braucht es nicht.

Sie plädieren also für mehr Vertrauen in den eigenen Körper. Haben wir verlernt, auf uns selbst zu hören?
Das denke ich nicht. Essen ist der essenziellste Trieb zur Lebenserhaltung, sozusagen die wichtigste Hauptsache der Welt. Das Vertrauen in den eigenen Körper wird häufig nur von Ernährungsmythen torpediert, die von allen Seiten der unzählbaren Besser-Esser-Diaspora – die alle den heiligen Gral gesunder Ernährung exklusiv für sich beanspruchen – auf die Bürger einprasseln. Sobald man diesen ganzen Nonsens als Unfug enttarnt hat – wie einfach das geht, beschreibe ich in meinem neuen Buch – und nicht mehr darauf hört, kann sich das Vertrauen in die eigenen Körpergefühle Hunger, Lust, Sattheit und Verträglichkeit wieder entfalten, um uns kulinarisch nativ zu navigieren. Und nur darauf kommt es beim Essen an.

Also haben Ratschläge wie fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag, die Reduktion von Zucker und Salz in Speisen oder Vollkorn- statt Weißbrot Ihrer Meinung nach keine Berechtigung?
Richtig. Für keine Kampagne oder Empfehlung existiert gesicherte Kausalevidenz, dass sie auch nur ein Promille zu verbesserter Volksgesundheit beitragen. Und nicht nur der fehlende Nutzennachweis ist ein Problem, auch ein Schaden ist plausibel: Denn wer sich zwanghaft daran hält, weil er denkt „das muss ja gesund“ sein, aber beispielweise viele Ballaststoffe und schwer verdauliche Rohkost nicht verträgt, der kann Probleme wie Durchfall, Blähungen, Krämpfe und Bauchschmerzen bekommen – und landet letztlich wegen der „Gesundkost“ gar beim Gastroenterologen.

Zucker steht aber zum Beispiel häufig in der Kritik, die Gesundheit negativ zu beeinflussen, gilt als Begünstiger von Krebs, soll ähnlich süchtig machen wie Kokain und zu Übergewicht führen. Die heimischen Handelsketten sehen sich in der Pflicht hier zu reagieren, setzen auf  Initiativen zur Zuckerreduktion in ihren Eigenmarken und binden auch die Industrie mit ein. Das ist doch eigentlich eine gute Sache, so lange man die Verbraucher nicht bevormundet, oder?
Auch hier fehlt der wissenschaftliche Beweis, dass Zucker tatsächlich dick oder krankmacht. Die Erkenntnisse stammen aus Beobachtungsstudien – die, wie inzwischen weitläufig bekannt ist – keine Kausalitäten liefern können, sondern nur statistische Zusammenhänge zeigen. Ich halte nichts davon, einen einzigen Inhaltsstoff zu verteufeln und somit kann ich auch mit den von Ihnen genannten Initiativen wenig anfangen. Im Kern ist es nicht mehr als „populistisch sein Gewissen reinwaschen“ und der aktuell grassierenden Gesellschaftsströmung des Ernährungswahns einen Kniefall einzugestehen. Es gibt bereits zahlreiche Produkte in der zuckerfreien/reduzierten Form, sodass wie schon lange die freie Wahl haben. Wer keine gezuckerten Lebensmittel mag, der kauft eben „Basismüsli“ oder Naturjoghurt oder zuckerfreie Getränke. Ich sehe da keinen Mehrwert, außer den als „Gesund-Image-Stempel“.

Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie auch von einer Ampelkennzeichnung für Lebensmitteln in Supermärkten sowie von der oft kolportierten Zuckersteuer wenig halten?
Es gibt weder evidenzbasierte wissenschaftliche Grundlagen für die „Punkteverteilung“, geschweige sind davon irgendwelche klinischen, endpunktrelevanten Effekte – weniger Schlaganfälle, Herzinfarkte, Krebs, höhere Lebenserwartung – zu erwarten. Und nur darauf kommt es am Ende des Tages an. Die Farbpunkte gaukeln „gut“ und „böse“ vor, dass es so nicht gibt. Des Weiteren fördern sie die Verunsicherung besonders gesundheitssensibler Bürger, die Angst vor „roten Punkten“ bekommen. Cola und Orangensaft bekämen beim Zucker wahrscheinlich einen roten „Gefahrenpunkt“, wobei der für 100 Prozent natürlichen Organgensaft noch roter wäre, da er mehr Zucker enthält. Auch müssten dann beide Getränke besteuert werden, konsequenterweise Säfte höher als Softdrinks. Aber auch für die Steuer gilt das Gleiche wie für die „Pointierung“ – Willkür dominiert Wissenschaft. Nur, dass hier der Staat ordentlich abkassiert. 

Und wie sehen Sie die Situation, wenn es um Kinder geht, die sich naturgemäß starkt von Süßigkeiten angezogen fühlen und schon in jungen Jahren Gefahr laufen an Übergewicht zu erkranken?
Ich plädiere nicht für einseitige Ernährung. Die ist auch biologisch nicht vorgesehen für die Spezies Mensch – im Gegensatz zu Koalabären, die ausschließlich Eukalyptusblätter kauen. Wir brauchen Vielfalt, Abwechslung und unterschiedliche Nährstoffe zu unterschiedlichen Zeiten – sowohl Erwachsene als auch Kinder. Daher werden die lieben Kleinen sicher nicht nur nach Süßigkeiten verlangen, denn da fehlen beispielsweise Proteine, ein essenzieller Makronährstoff. Eltern haben die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass dem Nachwuchs stets Vielfalt, Abwechslung und vor allem immer wieder Neues zum Probieren und Entdecken angeboten wird – dann können Sie sicher sein, ein gesundes Kind wird sich intuitiv so abwechslungsreich ernähren, dass sein Körper bekommt, was er benötigt. Das können schon mal wochenlang die gleichen Mahlzeiten sein – picky-eater-phase nennt man das – aber danach wird das Essensspektrum wieder erweitert. Also ganz entspannt bleiben.

Dass Übergewicht krankmacht, ist aber schon erwiesen, oder nicht?
Übergewicht ist ein diskreditierender Kampfbegriff der Gesundheitsapostel, mit dem Menschen abgestempelt und verunsichert werden. Übergewichtige leben rein statistisch am längsten und haben bei zahlreichen Erkrankungen eine höhere Lebenserwartung. Selbst ein Drittel der Adipösen, also der Fettleibigen, gilt als stoffwechselgesund. Bei massiver Fettleibigkeit hingegen, wenn Treppensteigen und Alltagsbewegungen schmerzen, da muss man nicht diskutieren, da sollte man den Arzt aufsuchen.

Sie stellen mit Ihren Aussagen die gesamte Ernährungswissenschaft in Frage, sind aber selbst Ernährungswissenschaftler. Haben Sie keine Angst, dass Sie sich so um Ihren eigenen Job bringen?
Nein, ich agiere als Ernährungswissenschaftler vollkommen unabhängig, frei von Interessen Dritter und nur der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet. Ich könnte mich also nur selbst rauswerfen – aber noch bin ich zufrieden mit meiner Arbeit, deren Kern seit mehr als 12 Jahren die objektive und ideologiefreie Analyse von inzwischen mehr als 5.000 Studien bildet.

Wie reagieren denn Ihre Kollegen auf Ihre Thesen? Ich nehme an, dass diese nicht allen gefallen ...
Diejenigen, die keiner speziellen Lobby angehören, bestätigen meine Erkenntnisse und sind froh, ihre eigenen Erfahrungen unabhängig wissenschaftlich gestützt zu wissen. Ökotrophologen, die finanziell oder emotional abhängig von ihrer Spezialernährungsrichtung sind und die an ausgeprägter Besser-Esser-Hybris leiden, für die bin ich ein Ketzer, der ihren Glauben angreift.

Wie ernähren Sie sich eigentlich?
Ich esse, wenn ich Hunger habe, worauf ich Lust habe, was mir schmeckt – mit vollem Vertrauen in meinem Körper. Morgens gibt es nur Kaffee mit Zucker, ab Mittag bekomme ich Hunger, dann genieße ich eine große warme Mahlzeit, immer richtig schön scharf. Dann abends noch eine. Das wars in der Regel an einem „normalen“ Tag.

Haben Sie schon einmal eine Diät gemacht?
Nein. Diäten scheitern zu etwa 90 Prozent und gelten als Einstiegsdroge in Fettleibigkeit und Essstörungen. Abspeckkuren machen weder gesund noch schlank, sondern dick und krank. Dabei belügen die jährlich neu erscheinenden „Trenddiät-Anbieter“ abnehmwillige Menschen mit den immer gleichen leeren Versprechungen „schlank, sexy und gesund“. Hinzu kommt: Alle Diäten, egal wie sie heißen, wirken kurzfristig immer über ein und dasselbe Prinzip: Negative Energiebilanz, d.h. weniger essen, als verbraucht wird. Dann muss der Körper notgedrungen an seine Energiereserven – nach der Diät holt er sich die verlorenen Kilos aber wieder ruckzuck zurück, schützt sich mit physiologischen Maßnahmen vor dem nächsten Gewichtsverlust und im schlimmsten Fall gibt es noch eine ausgewachsene Essstörung „ontop“. Ergo: Besser keine Diät machen.

Herr Knop, vielen Dank für das Interview.


Anm. d. Red.: Dies ist eine längere und ungekürzte Version des am 19.7.2019 in der CASH Juli/August Doppelausgabe erschienenen Interviews mit Uwe Knop.

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