MEG-Novelle/Tara-Taste: Brutto, Netto oder Ta...
 
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Tritt die Novelle des Maß- und Eichgesetzes (MEG) in der derzeit vorliegenden Fassung in Kraft, darf Verpackungs- material im Feinkostbereich künftig nicht mehr mitgewogen werden. Die rasche und effiziente Bedienung der Kunden an der Feinkosttheke könnte darunter massiv leiden, fürchtet der Lebensmittelhandel und hofft nach wie vor auf Einsicht seitens des Gesetzgebers.

Im rechtsgeschäftlichen Verkehr mit losen Produkten dürfen der Preisermittlung auf Basis der Masse nur Nettogewichtswerte zugrunde gelegt werden“, heißt es in § 43 der vorgeschlagenen Fassung der Novelle des Maß- und Eichgesetzes lapidar. Klingt eigentlich recht harmlos, ist es aber nicht. Tritt die Novelle nämlich wie geplant in Kraft, hätte dies für den Lebensmittelhandel weitreichende Folgen, würde es doch das Aus für eine lang geübte Usance, nämlich das „Mitwiegen“ des Verpackungsmaterials – sprich Wurstpapiers – in der Feinkost bedeuten.

Brutto für Netto am Pranger



Konsumentenschützer kämpfen gegen die „branchenübliche Praktik“ nicht erst seit gestern an. Im November 2007 führte der Verein für Konsumenteninformation (VKI) im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz eine Erhebung durch und eruierte, wie leicht bzw. wie schwer und damit auch wie teuer Verpackungsmaterialien sind. Das Resultat: Bei einem Einkauf von 100 Gramm Extrawurst erhielten die Testeinkäufer im Schnitt rund 95 Gramm Wurst und fünf Gramm Verpackungsmaterial. Die Kosten für Letzteres beliefen sich im Schnitt auf fünf Cent. Ähnlich das durchschnittliche Ergebnis beim Verpackungsmaterial für Prosciutto: Hier erhielt man bei einem Einkauf von 100 Gramm Ware 94 Gramm Rohschinken und sechs Gramm Verpackung. Da die Preise in dieser Produktgruppe aber teurer als bei Extrawurst sind, ergaben sich hier auch höhere Preise für die Verpackung. Im Schnitt waren für die Verpackung von Prosciutto 18 Cent zu berappen. „Darüber sind viele Kunden verärgert. Sie sehen nicht ein, warum sie Verpackungsmaterial zum Prosciuttopreis kaufen müssen“, moniert VKI Geschäftsführer Ing. Franz Floss. Schließlich gehe es auch um die Erfüllung der Verbrauchererwartung. „Wenn an der Feinkosttheke zehn Deka Wurst bestellt werden ist die Erwartungshaltung beim Konsumenten die, dass er auch tatsächlich zehn Deka Wurst bekommt und nicht acht Deka Wurst und zwei Deka Verpackungsmaterial“, so Floss.

Verpackungsmaterial ist Teil der Preiskalkulation



Freilich hat sich inzwischen manches zum Besseren gewendet. „Anders als Wachspapier, das früher gängig war, sind die heute verwendeten Verpackungspapiere bereits so dünn und leicht, dass das Gewicht eines Bogens oft unter der kleinsten Wiegeeinheit der meisten im Einzelhandel verwendeten Waagen liegt“, klärt Gerdard Holub, Obmann des Niederösterreichischen Lebensmittelhandels, auf. Der Handel weist den Vorwurf, er würde die Konsumenten täuschen und sich durch die traditionelle Handhabung ein „Körberlgeld“ dazuverdienen, aber auch noch aus anderen Gründen zurück. „So wie im Preis für ein Flugticket diverse Gebühren, Zuschläge und sonstige Entgelte enthalten sind, ist bei einer Wurstsemmel neben dem Preis für die Wurst eben auch die Semmel und das Verpackungsmaterial Teil der Kalkulation“, erläutert Mag. Anton Kovsca, Obmann der Adeg Österreich Genossenschaft. Darüber hinaus ist der Konsument an einer schnellen Abwicklung des Verkaufs- und Wiegevorganges interessiert. „Eine sorgfältige Verpackung von Lebensmitteln ist ein wichtiger Teil des Kundenservice, ebenso wie eine rasche und effiziente Bedienung. Dies wäre mit einer Tara-Verwiegung nur noch schwer möglich“, ist Gerhard Holub besorgt. Die vorgeschlagene Bestimmung ist seiner Ansicht nach deshalb schlichtweg nicht praktikabel, überschießend und führe zu einem Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Nutzen für den Konsumenten steht. „Leidtragende wären am Ende möglicherweise einmal mehr die klassischen Nahversorger mit hohem Servicegrad bzw. Bedienungsanteil bzw. die zahlreichen Arbeitnehmer im Feinkostbereich, die für ein versehentliches Nicht-Drücken der Tara-Taste letztlich verantwortlich sind“, fürchtet Mag. Richard Franta, Geschäftsführer des Bundesgremiums des Lebensmittelhandels.

Wirtschaftsminister hilf!



Dass das Einkaufen durch die geplante Verpflichtung zum Drücken der Tara-Taste für die Konsumenten günstiger wird, glaubt mittlerweile nicht einmal mehr Konsumentenschutzminister Rudolf Hundstorfer. „Wir alle wissen, dass sich die Kosten für Betriebsmittel im Produktpreis niederschlagen“, zeigte er im Rahmen eines Kamingesprächs beim diesjährigen CASH-Handelsforum durchaus Verständnis dafür, dass sich die Kaufleute aufgrund der knapp bemessenen Spannen im Handel außerstande sehen, die Kosten für das Verpackungsmaterial künftig selbst zu schultern. Somit liegt es nun ganz beim verantwortlichen Wirtschaftsminister, die Vorlage zu verwandeln.

VKI-Geschäftsführer Franz Floss: „Wenn an der Feinkosttheke zehn Deka Wurst bestellt werden, ist die Erwartungshaltung beim Konsumenten die, dass er auch tatsächlich zehn Deka Wurst bekommt und nicht acht Deka Wurst und zwei Deka Verpackungsmaterial.“© VKI/Wilke
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VKI-Geschäftsführer Franz Floss: „Wenn an der Feinkosttheke zehn Deka Wurst bestellt werden, ist die Erwartungshaltung beim Konsumenten die, dass er auch tatsächlich zehn Deka Wurst bekommt und nicht acht Deka Wurst und zwei Deka Verpackungsmaterial.“© VKI/Wilke


Richard Franta, WKÖ: „Allen griffigen Schlagworten wie Simplifikation, Entkriminalisierung oder Verwaltungsvereinfachung zum Trotz soll wieder eine neue Rechtsvorschrift geschaffen werden, die vor allem den klassischen Nahversorger mit hohem Servicegrad bzw. Bedienungsanteil belastet.“© WKO
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Richard Franta, WKÖ: „Allen griffigen Schlagworten wie Simplifikation, Entkriminalisierung oder Verwaltungsvereinfachung zum Trotz soll wieder eine neue Rechtsvorschrift geschaffen werden, die vor allem den klassischen Nahversorger mit hohem Servicegrad bzw. Bedienungsanteil belastet.“© WKO
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