CASH Handelsforum 2021: Der Montag: Auftakt z...
 
CASH Handelsforum 2021

Der Montag: Auftakt zum 36. CASH Handelsforum

Johannes Brunnbauer
Das CASH Handelsforum 2021 in St. Wofgang.
Das CASH Handelsforum 2021 in St. Wofgang.

Unter der Devise "Mut fassen, anders denken - denn die Zukunft ist jetzt" wurde das 36. CASH Handelsforum in St. Wolfgang eröffnet. Beim Kamingespräch behandelte der Philosoph Richard David Precht, wie Krisen unsere Gesellschaft verändern.

Das größte Branchentreffen Österreichs findet wieder statt, dieses Jahr im scalaria Event-Resort in St. Wofgang im Salzkammergut. CASH-Herausgeberin und Geschäftsführerin des Manstein Verlags, Dagmar Lang, begrüßte die Gäste: "Als wir uns im Oktober des vergangenen Jahres in Schladming beim CASH Handelsforum 2020 verabschiedet haben, dachten wir, wir hätten heute ein ganz normales Handelsforum. Nun, Irren ist menschlich. Aber ihr Bedürfnis, sich hier persönlich zu treffen, hat uns motiviert."

Für die eröffnende Keynote sorgte Richard David Precht, seines Zeichens Philosoph, Publizist und Autor. "Verändern Krisen die Gesellschaft" war die zentrale Frage seines Vortrags. "Corona ist nicht die große Geschichte gewesen. Es war ein Brennglas, mit dem man die Entwicklungen unserer Gesellschaft besser sehen kann", so seine Einschätzung der Pandemie. Er sieht die Welt am Anfang des zweiten Maschinenzeitalters, in dem Aspekte des menschlichen Gehirns ersetzt werden. Das sorgt für Bedrohungsszenarien bei vielen Leuten - sie fürchten, durch KIs arbeitstechnisch überflüssig zu werden oder noch schlimmer, dass sich die künstlichen Intelligenzen gegen den Menschen selbst richten. Bei letzterer Befürchtung gibt Precht Entwarnung: "Der böse Wille wird gerne projiziert, aber ein eigener Wille bei KIs wird wahrscheinlich nicht zustande kommen. Intelligenz macht nicht böse, dafür fehlt der Überlebenskampf wie bei Lebewesen. Der Wille entscheidet, die Intelligenz ist die Marketing-Abteilung, die sich um die Umsetzung Gedanken macht."

Rund um die Änderungen in der Arbeitswelt gibt Precht eine wichtige Rahmenbedingung mit auf den Weg: "Der technische Fortschritt schafft mehr Arbeitsplätze als er vernichtet, wenn die Wirtschaft wächst und die Kaufkraft vorhanden ist." Natürlich gäbe es Jobs, die durch die Digitalisierung in Mitleidenschaft gezogen werden, nämlich alles, wo kein speziell qualifiziertes Personal gebraucht wird. Spezifisch nennt er dabei Berufe in der Verwaltung, bei Versicherungen und bei Banken. Zu den Gewinnern werden Spitzen-IT-Kräfte zählen, genauso wie Handwerker, Dienstleistungs-Berufe wie Baumanagement, Logistik oder Projektmanagement und schließlich die Empathie-Berufe, etwa Krankenpfleger oder Pädagogen.

Im Rahmen dieser Änderungen löst sich laut Precht auch die Bindung der Gesellschaft an den bisherigen Arbeits-Begriff. Viel mehr werde das Leben durch Sinn definiert. Sein Denkanstoß: Man solle Nicht-Arbeitende nicht mehr durch Arbeitende finanzieren, viel mehr sollen Transaktionssteuern diese Aufgabe erfüllen. Durch ein Grundeinkommen könnten Jobs als zusätzliche Einnahmequelle dienen, wodurch sich auch Teilzeit-Arbeit in schwierigen Berufsfeldern auszahlen würden. Abschließend fasst er zusammen: "Bislang haben alle technisch-ökonomischen Revolutionen den Wohlstand der meisten Leute langfristig verbessert. Damit das wieder eintritt, müssen wir jetzt die Weichen stellen."

Kamingespräch

Frage: Der Begriff "Sinn" ist oft gefallen, viele Unternehmen wollen diesen schnell kommunizieren. Wie gut gelingt das?
Richard David Precht: Nicht überall, wo "Sinn" darauf steht, ist dieser auch drinnen. Man muss sich aber Gedanken machen, welche Erwartung die jungen Leute haben. Das ist eine logische Entwicklung in einer wohlhabenden Gesellschaft. Das zu kommunizieren ist auch wichtig für Unternehmen.

Frage: Scheitert es bei einer Teilzeit-Beschäftigung nicht an der Sinnfindung?
Precht: Das ist eine Frage der Kultur und der Bildung. Die wichtigste Aufgabe des Bildungssystems ist nicht die reine Wissensweitergabe, sondern Leuten beizubringen, gute Ideen für den Tag zu generieren und gutes Selbst-Management. Das Grundeinkommen ist ein Baustein, der nicht alle Probleme löst. Das Grundeinkommen darf keine Stilllegungs-Prämie werden.

Frage: Durch gesellschaftliche Änderungen kommt es auch zu Widerständen, etwa durch die Impfgegner. Was kann man dagegen tun?
Precht: Das beste Gegenmittel ist es, so wenige ökonomische Verlierer wie möglich zu produzieren.

Frage: Wer wird zukünftig die unbeliebten Jobs machen?
Precht: Mir wäre es lieb, wenn diese Berufe besser bezahlt werden. Dafür muss es ein System geben, in dem sich diese Jobs lohnen. Diese sind oft Knochenarbeit aber die Bezahlung ist oft nicht das größte Problem. Trotzdem sollte man sie besser bezahlen und die Mitarbeiter besser entlasten.

Frage: Vielen Führungskräften fehlt die soziale Kompetenz, woher kommt das?
Precht: Das kann ich nicht beurteilen. Oft ist soziale Kompetenz aber nicht das Schlüsselkriterium, um CEO zu werden. Soziopathische Struktur kann Menschen erfolgreich und Aktionäre glücklich machen.

Frage: Ist Sinn nicht sozialisierter Wille?
Precht: Darüber muss ich eine Zeit lang nachdenken, ich würde Sinn aber anders einschätzen.

Frage: Wie kann man ein System für das Grundeinkommen implementieren, ohne das Umlagesystem aussetzen?
Precht: Die Pensionen müssen ausgezahlt werden, es muss sich aber rauswachsen. Ein erster Schritt ist die Finanzierungsfrage, womit wir wieder bei der Finanz-Transaktionssteuer wären. 

Richard David Precht und Dagmar Lang beim Kamingespräch.
Dagmar Lang:
 Welche Gefahren sehen Sie durch den digitalen Kapitalismus?
Precht: Die Zerstörung der freien Marktwirtschaft durch Monopole. Amazon und Alibaba sind zum Beispiel der Markt im Onlinehandel. Wir sehen die Privatisierung eines gigantischen Marktes. Früher wurden solche Unternehmen in den USA zerschlagen, der Mechanismus ist im Digitalzeitalter nicht besonders effizient. Das Geschäftsmodell "Datenhandel" läuft darauf hinaus, dass derjenige, der die meisten Daten hat, den größten Hebel hat. Wir sollten uns also fragen, wie viel es der heimischen Wirtschaft nutzen würde, wenn man den großen Playern die Zähne zieht.

Lang: Wurden die großen Konzerne im Zuge der Coronakrise überfördert, und die kleinen sind durch Rost gefallen?
Precht: Man muss sich ansehen, wie viel bei Unternehmen mit zweifelhaften Geschäftsmodellen pro gerettetem Arbeitsplatz ausgegeben wurde und das auf die Förderungen für KMUs umrechnen. Das Resultat ist sehr deutlich.

Lang: Sie setzen sich auch sehr dafür ein, die urbane Kultur zu retten. Wie könnte das gehen?
Precht: Kirchen und Märkte haben Gemeinschaften geschaffen. Das ist aber nicht mehr der Fall. Wenn man Innenstädte heute retten will, sollte Onlinehandel mit 20 Prozent Mehrwertsteuer belastet werden. Dann ist der kleine Handel in manchen Bereichen wieder konkurrenzfähig.

Lang: Welche Rolle wird der Klimawandel zukünftig spielen?
Precht: Die rechtzeitige Reaktion haben wir verpasst, wir werden zukünftig aber auf nichts wirklich Essenzielles verzichten müssen. Billige Flüge, große Autos gab es vor 20 Jahren auch nicht. Die beste Reaktion darauf wären Anreizsysteme statt Verbote und Maßnahmen im Kleinen. Viele Änderungen findet man am Anfang doof, daran gewöhnt man sich aber, wenn man den Zweck kennt.

Lang: Werden Geschäftsreisen wieder Statussymbol?
Precht: Sichtbarer Status stirbt nicht aus. Es wäre ein tolles Feld, um Preise auszuloben: alternative Statussymbole.

Lang: Zwei Ihrer Geschwister wurden aus Vietnam adoptiert, wie hat das ihre Gerechtigkeitsvorstellung beeinflusst?
Precht: Für mich als 5-Jährigen war eine Adoption so unvorstellbar wie eine Geburt. Das Engagement meiner Eltern hat mir hingegen sehr gut gezeigt, was Gerechtigkeit sein kann.

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