CASH+/EXKLUSIV ONLINE: Ohne Geschäft kein Grä...
 
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Ohne Geschäft kein Grätzl

WK Wien
Walter Ruck, Präsident der WK Wien und Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel.
Walter Ruck, Präsident der WK Wien und Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel.

Die kleinen Geschäfte ums Eck – sie sind es, die der Landeshauptstadt ihren charmanten Charakter verleihen. Doch lokale Einzelhändler kämpfen immer stärker ums Überleben. Eine Kampagne der Wirtschaftskammer Wien soll das ändern.

Wenn Sie bei mir einkaufen, finanzieren Sie keinem amerikanischen Online-Boss eine zweite Luxusyacht oder einen Privatjet, sondern meiner Tochter die Nachhilfestunde, meinem Enkerl das Weihnachtsgeschenk und meinen Mitarbeitern das Gehalt“, tönt es seit November 2019 aus dem Radio, denn: „Wer Wien liebt, kauft in Wien ein“. Die gleichnamige Kampagne der Wirtschaftskammer (WK) Wien hat zum Ziel, den stationären Handel zu stärken und die Kunden weg vom Online-Handel wieder zurück in die lokalen Geschäfte zu locken.

Bis Mitte März wird die Kampagne mit dem goldenen Wiener Herz und dem Hasthag #wienliebe noch zu hören und zu sehen sein. Parallel zu dem Radiospot, den Sujets und den Stickern, die in den Schaufenstern oder in den Geschäftsbereichen der teilnehmenden Händler kleben, haben sich elf Unternehmer als Testimonials für ein Video zur Verfügung gestellt, das online und in sozialen Medien erschienen ist. Eine davon war Sonja Völker, Geschäftsführerin von Herzilein Kindermoden, ein Geschäft im 12. Bezirk. Selten hat sie eine Kampagne gesehen, die ihre Botschaft so klar rüberbringen konnte: „Die Initiative ist großartig, weil sie auf den Punkt gebracht ist. Sie hat eine starke, klare und emotionalisierende Aussage und das macht natürlich etwas im Kopf der Konsumenten.“ 


Der Erfolg der Kampagne gibt Sonja Völker recht: Wie das Marktforschungsunternehmen Makam in einer Umfrage im Jänner ermittelte, gab jeder Dritte der 500 befragten Wiener an, anlässlich der Botschaft eine Änderung des persönlichen Einkaufsverhaltens zu planen. Immerhin jeder sechste Wiener erinnert sich spontan an den Slogan und die große Mehrheit der Befragten bewertet die Kampagne als sehr gut. Ebenfalls mit dabei war das Teefachgeschäft Haas & Haas im ersten Bezirk. Eva Haas hat es vor mehr als 45 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann gegründet. „Individuelle Betriebe machen eine Stadt erst interessant, deshalb stehen wir generell dafür, Individualität statt Konformität zu stärken. Speziell die kleinen Betriebe machen das Leben bunter.“

Wien kämpft mit Leerständen

Der lokale Einzelhandel ist wesentlich für die Lebensqualität in einer Stadt verantwortlich, indem er die Nahversorgung garantiert, das Stadtbild prägt und das persönliche Einkaufserlebnis sichert. Gerade in der Nacht vermitteln beleuchtete Erdgeschoßzonen der Bevölkerung ein Sicherheitsgefühl. Doch immer mehr Geschäfte stehen leer in Österreichs Hauptstadt. Für Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel der WK Wien, ist die Wienliebe-Kampagne daher eine Herzensangelegenheit: „Aktuell stehen sieben Prozent der Geschäftsflächen leer“, so Trefelik. Als Faustregel gilt, dass kleinere Geschäftsstraßen eher mit Leerständen zu kämpfen haben, allerdings bestätigen hier die Ausnahmen die Regel. Denn neben B- und C-Lagen stünden auch Geschäfte in guten Lagen leer. Grund sei oft die mangelnde Investitionsbereitschaft seitens der Eigentümer oder die Größe der verfügbaren Lokale.

Auch die steigenden Umsätze des Online-Handels tragen natürlich ihren Teil zu der präkeren Lage bei. Zu beachten sei außerdem, dass das Geschäftsmodell des Einzelhandels auf den Kopf gestellt werden dürfte. „In Zukunft sollen immer mehr Retailflächen Erlebnissen gewidmet werden und weniger den Produkten“, weiß Trefelik. Hinzu kommt, dass die Gestaltung des öffentlichen Raums für den stationären Handel gerade im Wettbewerb mit dem Online-Handel entscheidend ist. Die Bezirke haben großes Interesse daran, den Handel vor Ort zu halten, denn Grätzel mit gemischter Nutzung – Wohnen, Arbeit, Freizeit, Einkaufen – sind lebenswert. „Die Belebung und Sanierung von Grätzeln und Einkaufsstraßen ist auch ein wesentlicher Fokus der WK Wien. Denn dort, wo die Aufenthaltsqualität hoch ist, kommen mehr Menschen hin, bleiben länger und geben mehr Geld aus. Davon profitieren alle, das schafft Jobs und macht die Stadt attraktiver“, so Trefelik.

Lokale Lebensmittelhändler vor den Vorhang

Angelehnt an die Handelskampagne startet eine Aktion des Landesgremiums Wien unter dem Motto „Wer Genuss liebt, kauft bei uns ein“. Ziel ist es, die Wiener Lebensmittelhändler und deren Arbeit vor den Vorhang zu holen. Als Key-Visual wird das Grüne Herz verwendet. Margarete Gumprecht, Obfrau des Landesgremiums des Lebensmittelhandels in der WK Wien ist überzeugt: „Genuss hat in Wien einen hohen Stellenwert. Doch wo wäre dieser Genuss ohne jene Menschen, die durch ihre tägliche Begeisterung und Liebe für ihren Beruf dazu beitragen, dass unsere Stadt diese Vielfalt an Schmankerln, Produkten und Spezialitäten bieten kann? Was wären unsere Grätzeln ohne die Geschäfte ums Eck, die Wien so lebenswert machen? Es war an der Zeit, diese Personen vor den Vorhang zu holen und denjenigen, die ihren Kunden täglich Freude bereiten, diese Freude auch einmal zurückzugeben.“

Im Rahmen der Kampagne wurde deshalb heuer zum ersten Mal der Genuss-Award vergeben. Auf den gestarteten Aufruf, den Lieblings-Lebensmittelhändler zu wählen, folgten bei einem Online-Voting tausende Stimmabgaben. Insgesamt 23 Lebensmittelhändler reichten ihre Bewerbung ein und standen in fünf Kategorien zu Wahl (Feinkost, Fischhändler, Naturkost, Süßwaren sowie Obst und Gemüse). Die Preisverleihung des Genuss-Awards fand im Februar unter dem Motto „Genuss statt Masse“ im Quartier Sechs am Austria Campus statt. Mehr als 100 Aussteller aus ganz Österreich präsentierten dort ihre Produkte und feierten den lokalen Einkauf, der hoffentlich dank Kampagnen wie jener der WK Wien noch lange stark bleibt und nicht zugunsten des E-Commerce weichen muss.

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