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Benedikt Binder-Krieglstein: Messen auf Standby

Reed Exhibitions / David Payr
Benedikt Binder-Krieglstein, CEO von Reed Exhibitions.
Benedikt Binder-Krieglstein, CEO von Reed Exhibitions.

Für den CEO von Reed Exhibitions könnten Einkaufszentren der Messe-Branche Impulse zur Wiedereröffnung im Herbst geben.

CASH: Das am 13. März ausgesprochene Verbot aller In- und Outdoor-Veranstaltungen hat bis heute das Geschäft innerhalb weniger Tage zum Erliegen gebracht. Welche Auswirkungen hat das auf Reed Exhibitions Österreich bisher gehabt?
Benedikt Binder-Krieglstein: Bei uns wurden mehr als 46 Messen und fix eingebuchte Kongresse, Tagungen und Firmen-Events abgesagt oder verschoben. Das bedeutet ein Fernbleiben von 25 Prozent unserer jährlichen 10.500 Ausstellerinnen und Ausstellern und eine Million Besucherinnen und Besuchern.

Die erste größte Messe, die abgesagt werden musste war?
Das war die "Wohnen & Interieur", die am 18. März begonnen hätte, also kurz nach dem Shutdown. Diese können wir nun im Herbst, vom 22. bis 26. Oktober ansetzen. Schlimmer ist eine komplette Messeabsage, vor allem für Unternehmen, die diese Plattform für den Absatz ihrer Produkte genutzt hätten. Ein Großteil unserer Aussteller sind Klein- und Mittelbetriebe. Sie generieren bis zu zwei Drittel ihres Jahresumsatzes aus dem Messeauftritt. Eine Messeabsage bedeutet leere Auftragsbücher und folglich einen großen volkswirtschaftlichen Schaden. Die Messe gehört zum Marketingmix vieler Unternehmen dazu, das kann man nicht einfach streichen. Das ist, als wenn man plötzlich Werbung verbieten würde.

Und bedeutet einen Umsatzrückgang für Reed Exhibitions von?
Wir reden hier von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. Und das Schlimme daran ist, dass wir keine Ahnung haben, wie es im Herbst weitergeht. Denn im Gegensatz zu Einkaufszentren, Geschäften, Friseuren, Kosmetiksalons die seit 2. Mai wieder offen sind, bleiben Veranstaltungen bis 31. August 2020 verboten. Aber anders als Gastronomie und Hotellerie und die Sportvereine haben wir nicht einmal die vagsten Angaben, ab wann wir unter welchen Voraussetzungen wir wieder arbeiten dürfen. Nicht nur für unsere internationalen Kongresskunden, sondern auch für uns selbst ist das extrem problematisch da unsere Veranstaltungen einen Vorlauf von 6 bis 12 Monaten in der Planung benötigen.

Sie sind doch politisch sicher gut vernetzt? Was sagen die Regierungspolitiker zu dieser speziellen Misere?
Ich habe am 23. April ein Schreiben an mehrere politische Vertreterinnen und Vertreter geschickt, darunter Bundeskanzler Kurz und Vizekanzler Kogler. In diesem Brief mache ich auf unsere dramatische Lage aufmerksam, denn das Veranstaltungsverbot hat den Messestandort Österreich in seinen Grundfesten erschüttert. Allein die Messen und Kongresse von Reed Exhibitions generieren pro Jahr rund 400 Millionen Euro Wertschöpfung – vor allem in den Regionen Wien und Salzburg. Daran hängen 4500 Arbeitsplätze und 190 Millionen Euro fließen aus steuerlichen Effekte in die heimische Finanzkasse zurück. Zusätzlich ist durch Messeabsagen mit gesamtwirtschaftlichen Einbußen von zumindest 300 Millionen Euro zu rechnen. Was wir jetzt dringend brauchen ist Planungssicherheit, klare Aussagen und Regelungen bezüglich der angekündigten Ausnahmen bis 31. August.

Glauben Sie, dass es Unterschiede zwischen Business-to-Business-Veranstaltungen und welchen mit anonymem Publikum geben wird?
B2B-Veranstaltungen, sowohl im Kongress als auch im Messebereich, sind für mich die große Ausnahme. Denn dort wissen wir ganz genau, wer, wann teilgenommen hat. Daran kann man im Nachgang auch die Infektionskette nachverfolgen – sofern das nötig wäre.

Welche Rahmenbedingungen wären denn für Sie vertretbar?
Ich denke die Vorgaben, die es bereits für Einkaufszentren gibt, sind einmal ein Anhaltspunkt. Darauf aufbauend gilt es noch die Spezifika von Fach und Publikumsmessen zu berücksichtigen. Ein konstruktiver Dialog mit den Behörden wäre aber dringend nötig! Man soll uns endlich sagen, unter welchen Bedingungen wir was wieder tun dürfen. Daran anknüpfend prüfen wir die wirtschaftliche Machbarkeit und entscheiden dann gemeinsam mit unseren Ausstellern oder Veranstaltern, ob das Sinn macht. Derzeit ändern sich die Vorgaben noch täglich. Es macht also keinen Sinn genauer darüber nachzudenken.

Wie agieren Sie jetzt für den Herbst?
Wir gehen derzeit davon aus, dass alles, was nach dem 31. August auf dem Programm steht, auch durchgeführt wird. Fest an die Umsetzung nach Ende August zu glauben, ist auch notwendig. Denn wir müssen jetzt bereits planen, organisieren, mit unseren Kunden sprechen, in die Bewerbung gehen, wir können nicht einen einzigen Tag mehr abwarten.

Die Tracht & Country ist vor diesem Termin angesetzt? Sagen Sie die jetzt gleich ab?
Die Tracht & Country Premiere hätte am 21. und 22. Juli 2020 und die Tracht & Country Herbst von 28. bis 30. August stattgefunden. Beide Termine müssen wir absagen. Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, war aber der einzig gangbare Weg, die derzeit gültigen Vorschriften einzuhalten. Absagen wie die des Oktoberfestes, das Ausbleiben von Volksfesten oder privaten Veranstaltungen haben zudem direkte Auswirkungen auf die Auftragslage der Trachtenmodenbranche.

Einer Ihrer größten und für den heimischen Tourismus wichtigsten Messen ist die "Gast", die im November stattfinden wird?
Wenn es nach uns und unseren Ausstellern geht: ja. Denn wir sind mit vielen großen Ausstellern im Gespräch und die Botschaft lautet: bitte lasst die Gast stattfinden! Unter dem Motto benötigt die Branche gerade jetzt die Plattform.  

Auch, wenn zehn Quadratmeter pro Kunde zur Verfügung stehen dürften?
Nein, denn das hieße, dass wir nur 2000 statt 50.000 Besucher empfangen dürften! Das macht weder für uns noch für die Austeller einen Sinn.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, virtuelle Messen anzubieten?
Wir arbeiten seit Jahren mit Hochdruck daran, neben unseren analogen Messen digitale Plattformen zu entwickeln. Wir haben enorme Reichweiten in den Zielgruppen unserer Kunden. Sei es über Social Media, per Newsletter oder auf unseren Webseiten. Zudem haben wir nicht nur umfangreiche Kundendaten, sondern auch ein großes Team an Spezialisten, die sich ausschließlich mit unseren digitalen Produkten beschäftigen. All das können wir jetzt nutzen, um unseren Ausstellern zu helfen, in der digitalen Welt Aufmerksamkeit zu erzielen. Doch eine "Gast" nur virtuell stattfinden zu lassen, ist für mich ein Worst-Case-Szenario, über das ich heute noch nicht nachdenken möchte. Messe hat immer noch viel mit dem Face-2-Face-Kontakt zu tun.

Vielleicht könnte man den Stau in den "Gast"-Hallen minimieren, wenn es eine klarere Branchenstruktur gäbe?
83 Prozent unserer Besucher bestätigen uns, dass sie diese Art der Entdeckungsreise auf der GAST lieben, also die jetzige Hallenaufplanung. Das ist auch der klare Wunsch seitens der Aussteller. Aber, wenn das eine Bedingung ist, damit sie stattfinden kann, können wir für 2020 damit leben.

Wann müssten Sie wissen, ob die GAST stattfinden kann?
Das müssen wir und die Aussteller bis spätestens Ende Juni wissen.

Gehen wir jetzt noch einen zeitlichen Schritt weiter: glauben Sie an die Ferienmesse und Autoshow 2021?
Hier gilt das gleiche wie für die "Gast". Ja! Ich kann nur jedem unserer Aussteller empfehlen, die Teilnahme an der Ferien-Messe und Vienna Autoshow in das Budget 2021 aufzunehmen. Denn wenn wir aus der Krise herauskommen wollen, dann müssen wir jetzt Vollgas geben und Menschen wieder für Reisen begeistern, mit neuen Angeboten überraschen, Lust auf Urlaub machen und neue Automodelle zeigen.

Haben Sie eigentlich schon eine Antwort auf Ihr Schreiben an den Bundeskanzler bekommen?
Ich gehe davon aus, dass wir hier sehr bald eine entsprechende Antwort erhalten werden, denn bis dato hat die Regierung sich für uns immer als verlässlicher Partner erwiesen.

Herr Binder-Krieglstein, danke für das Gespräch.

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