CASH Handelsforum 2019: Der Donnerstag
 

Der 2. Tag des CASH Handelsforums, das heuer unter dem Motto "Die Kunst der Veränderung. Richtig handeln in einer unberechenbaren Welt" steht, bot viele interessante Insights.

Der 2. Tag des 34. CASH Handelsforums startete nach einigen Begrüßungsworten von CASH-Chefredakteurin Silvia Meißl, ihrer Stellvertreterin Mag. Michaela Schellner und CASH-Herausgeberin & Manstein Verlags-GF Mag. Dagmar Lang, MBA, sowie nach einer kurzen Rede von Mag. Susanne Wendler, Vorstand Unternehmerbank, UniCredit Bank Austria, mit einem Blick in die nähere und fernere Zukunft.

Sven Gabor Janszky
Der Chef des Instituts 2b Ahead für Zukunftsforschung, Sven Gabor Janszky, eröffnete am Donnerstag den Reigen  der Fachreferenten beim diesjährigen CASH Handelsforum. Der gelernte Journalist und ehemalige Nachrichtenchef der ARD leitet das größte Institut für Zukunftsforschung  Europas in Leipzig und ist derzeit intensiv in den deutschen Wirtschaftsmedien präsent.

Sven Gabor Janszky, Chairman 2b Ahead ThinkTank
Janszky widmete sich der Themenstellung „Willkommen in 2030!“ vor allem aus der Sicht der sich abzeichnenden Entwicklungen in der Daten –Technologie für den Handel. Grundsätzlich ortet der Zukunftsforscher einen „reality gap“ zwischen den linearen Zukunftserwartungen der meisten Manager und den potenziell ansteigenden Chancen zur Bewältigung der Probleme dieser Welt als Folge der Blockchain – Technologie im Hinblick auf künftig rapid ansteigende Menge von sogenannten  Echtzeitdaten. Die Quanten – Rechner werden in Zukunft eine schier unübersehbare Fülle an binnen Sekunden verknüpfter Daten aus praktisch allem Lebensbereichen ermöglichen. Janszky befasste sich intensiv mit dem Nutzen dieser Datenmengen. „Alles wird messbar, das erleichtert das Prognostizieren  und in weiterer Folge  zu einer Verbesserung des Eingehens auf Kundenwünsche, der Geschäftsmodelle und der des persönlichen Nutzens für den Einzelnen führen.“ 

Spätestens 2030 würden die Blockchains die Märkte definieren. Die damit mögliche  Einschätzbarkeit  beispielsweise des Kundenverhaltens zu einem bestimmten Produkt oder in einem bestimmten auch zeitlich voraussagbaren  Verhaltens des Einkaufens  werde den Handel  zum „Predictive Retail“ führen müssen. Darunter versteht Janszky  die „adaptive Strategie“ beim Angebot von Waren und Dienstleistungen. Auf der Basis der Echtzeit – Daten  werde es möglich sein sich auf das mittel Datenauswertung mit hoher Sicherheit erwartbare Verhalten der Märkte optimal vorzubereiten. Das  werde nicht nur den Kundennutzen erhöhen, sondern auch die Rentabilität der Geschäftsmodelle im Handel optimieren.

Generell empfahl der Zukunftsforscher den Führungsverantwortlichen aus Handel und Markenartikelindustrie:

  1. Die Planung entlang der Linien der verknüpften Daten zu orientieren.
  2. Die Einführung eines Ethik – Managements, um in den Unternehmen den Widerstand gegen Veränderungen zu überwinden.
  3. Die klare Definition dessen, was die Menschen in Hinkunft  werden wissen können.
  4. Das Erlernen des Programmierens.
  5. Die Fähigkeit zu trainieren, einstmals Erlerntes wieder zu vergessen. „Learn to unlearn!“

Roger Vogt
Das im Jahr 1905 gegründete Schweizer Unternehmen Valora Holding, das seine Kunden mit einem umfassenden Convenience- und Food-Angebot begeistert, hat bereits zahlreiche Restrukturierungen hinter sich und befindet sich als Reaktion auf die sich ändernden äußeren Rahmenbedingungen in einem ständigen Transformationsprozess. Wie dieser aussieht und mit welchen Konzepten man die Erfolgsgeschichte weiterschreiben will, schilderte Roger Vogt, CEO der Division Retail und Konzernleitungsmitglied der Valora Gruppe in Vertretung von Holding-CEO Michael Mueller.

Roger Vogt, CEO Divison Retail und Konzernleitungsmitglied der Valora Gruppe
In seinem Vortrag mit dem Titel „Frequenz und Foodvenience – das Erfolgsmodell der Zukunft“ stellte er nicht nur die einzelnen Vertriebsschienen k kiosk, Brezelkönig, BackWerk, Ditsch, Press & Books sowie avec vor, sondern skizzierte auch die Herausforderungen, denen sich das Unternehmen im Laufe der Zeit stellen musste. Vor allem im Kiosk-Geschäft kam man durch das rückläufige Tabak- und Printmedien-Geschäft deutlich unter Dr uck – in den vergangenen sechs Jahren ging das Ebit im Retailgeschäft aufgrunddessen um die Hälfte zurück. Mit Akquisitionen von Brezelkönig und Backwerk konnten die Verluste zwar reduziert, aber nicht zur Gänze kompensiert werden. Neue Konzepte, wie die Integration von Hausbäckereien in die Avec-Standorte, der Ausbau des Sortiments um Frische-Produkte und ein umfassendes Getränkeangebot – ideal durchdacht auf limitierter Fläche – waren die Folge. „Ein großer Vorteil ist, dass wir uns nicht um die Frequenz kümmern müssen, denn die ist an unseren Standorten ohnehin gegeben“, erklärt Vogt. Großen Wert legt Valora in seinen rund 2.800 kleinflächigen Verkaufsstellen darüber hinaus auf Dienstleistungen und Kooperationen mit Partnern (wie z.B. Swisscom) und die Vergrößerung der Reichweite, um den Konsumenten einen Mehrwert zu bieten. Um eben diese Kunden besser kennenzulernen, arbeitet man zudem an maßgeschneiderten Loyalitätsprogrammen, die auch an Hochfrequenzstandorten wie Bahnhöfen, wo die Verbraucher üblicherweise unter Zeitdruck stehen, greifen. Mit der neuen Avec-Box wurde darüber hinaus ein Konzept entwickelt, das modernste Technologien miteinschließt, einen Mix aus Frische- und Foodprodukten anbietet und den Kunden für ihren Einkauf rund um die Uhr zur Verfügung steht. Zur Nutzung ist eine Registrierung via App nötig, Bezahlung und Checkout erfolgt über das eigene Mobiltelefon.

Als Key-Learnings definierte Vogt zum Ende seines Vortrags folgende: Man müsse an seinen Konzepten ständig dranbleiben und sie immer wieder weiterentwickeln, konsequent in Innovationen investieren, die Produktivität erhöhen, mit Partnern kooperieren und sich technologisches Know-How auch selbst erarbeiten.

Über Valora: Valora erzielt jährlich einen Aussenumsatz von über CHF 2,7 Mrd. Der Hauptsitz der Gruppe befindet sich in Muttenz, Schweiz. Die Namenaktien der Valora Holding AG (VALN) werden an der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange AG gehandelt.


Christine Antlanger-Winter

Der Zahnbürsten-Test ist eines der zentralen Prinzipien bei der Entwicklung von Projekten bei Google: Wird das Angebot ein bis zwei Mal pro Tag verwendet und hat es einen Mehrwert für den Benutzer? Dieses Denken und die dazugehörige Entwicklungs-Kultur brachte Christine Antlanger-Winter, Country Director Google Austria, bei ihrem Talk den Zuhörern näher. "Niemand, nicht mal Google, weiß genau, was die Zukunft bringt. Deshalb ist es so wichtig, dass viel probiert wird, auch wenn das Scheitern bedeutet", hielt sie fest. Wichtig bei diesem experimentellen Vorgehen, so betont sie, ist der Mensch im Mittelpunkt der Innovation. Um das sicherzustellen, führte sie fünf Grundsätze an, die fest in der Firmenkultur von Google verankert sind: Entwicklungen müssen für Menschen weltweit und ohne Einstiegshürde angeboten werden, Technologien gehen mit Verantwortung einher, Innovationen müssen stets für Menschen gemacht werden, wirtschaftliche Verbesserungen sollen auch kleinen Betrieben Vorteile bringen und Technologie darf nicht zum Selbstzweck werden. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, stellt Google Dienste verschiedener Art zur Verfügung – vom open source Projekt rund um Machine-Learning über Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen bis hin zur hochauflösenden Fotografie von Kunstwerken (wie etwa Klimts Kuss oder der Hase von Dürer) bis hin zu Analyse-Tools, die verraten, von wo aus auf einen Webshop zugegriffen wird.

Christine Antlanger-Winter, Country Managerin Google Austria
"Das wichtigste bei der digitalen Transformation, die gerade stattfindet, ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Viel zu oft geht es nur darum, wie Technologien umgesetzt werden und nicht, warum eine Technologie überhaupt eingesetzt werden sollte. Bei dem ‚Warum?‘ geht es immer um den Menschen – der muss im Mittelpunkt stehen", so Antlanger-Winter.

Für die österreichische Wirtschaft hat Google in Kooperation mit der Handelsverband einen Omnichanel-Readieness-Index erstellt, bei dem Kundenerwartungen und technische Voraussetzungen für den mehrgleisigen Handel dargestellt werden. Als Beispiele für Erfolgsgeschichten der Kooperation mit Händlern wurden ein Webshop-Dienstleister aus Graz, ein Hersteller von Wärmekissen und ein Familienbetrieb der Tür- und Ladengriffe herstellt genannt – alle drei konnten ihr Geschäftsmodell durch digitale Hilfsmittel so ausbauen, dass die international tätig werden konnten. Als deutlichsten Trend der Kundenseite nannte Antlanger-Winter die zunehmende Auseinandersetzung mit Produkten. "Die Suchanfragen nach den besten Produkten einer Kategorie sind im Vorjahr teils zweistellig gewachsen. Dabei wird nicht nur nach teuren Anschaffungen gesucht, sondern auch nach dem besten Olivenöl oder, wie passend, nach der besten Zahnbürste. Für Händler bedeutet diese Entwicklung, dass sie ihre Kunden noch besser verstehen müssen und mit den richtigen Fragen noch besser verstehen können – die technische Grundlage ist längst da."


Marcus Wild

„Schluss mit lustig“ – hieß es beim Vortrag von Marcus Wild, CEO von SES Spar European Shopping Centers, dem Betreiber, Entwickler und Manager von rund 30 Einkaufszentren in Österreich, Slowenien, Italien, Tschechien, Ungarn und Kroatien. Der SES-Chef meinte mit seinen einleitenden Worten die Situation in den Shopping Malls in den USA, die seit einigen Jahren in einer tiefen Krise stecken. Wie dramatisch es ist, erläuterte Wild anhand eines Beispiels von Marktführer Unibail Rodamco Westfield, dem Eigentümer von u.a. der SCS und des Donauzentrums, dessen Aktie innerhalb eines Jahres um rund 40 % gefallen ist.

Marcus Wild, CEO SES Spar European Shopping Centers
Johannes Brunnbauer & Markus Wache
Marcus Wild, CEO SES Spar European Shopping Centers
Als Folgen der Evolution im stationären Einzelhandel nennt Wild u.a. die Sättigung an Monobrands, die Umsatzmiete spielt geringere Rolle, neue Betriebsformen, Luxus-Stores werden erfolgreicher, neue klassische Händler, die Selektion bei Shopping-Centern sowie kleiner werdende Flächen. Letzteres passiert zugunsten der Nummer 1 Shopping-Centers, die dadurch immer begehrter werden.

Wild zufolge können die Einkaufszentren nur dann aus der Krise kommen bzw. gar nicht erst hineingeraten, wenn sie gewisse Aspekte beachten, die für das bei Laune halten der Konsumenten unabdingbar sind. Dazu gehören: Interaktion, Zentralität, Vielfalt und Multifunktionalität. Wild wandelt dazu die Aussage des kanadischen Professors Marshall McLuhan „The medium is the message“ in „the center is the medium“ ab.

Die SES Spar European Shopping Centers wollen angesichts dieser Aspekte in eine zunehmend urbanere Richtung entwickeln, schildert Wild. Einige Aktivitäten, die dazu beitragen sollen und bereits in einigen Einkaufszentren umgesetzt wurden sind u.a. ein Eislaufplatz vor und mehr Tageslicht im Shopping Center, Steigerung der Aufenthaltsqualität durch Events oder einen erweiterten lokalen Gastronomie-Bereich u.v.m. All das vor dem Hintergrund, dass die Identität und Regionalität bewahrt werden.


Stefan Bruckbauer

Eine Einschätzung der nationalen und internationalen Wirtschaftslage gab traditionell der Chefökonom der UniCredit Bank Austria, Mag. Stefan Bruckbauer. Seiner Ansicht nach dürfe man sich in den nächsten 1,5 bis zwei Jahren konjunkturell von der Weltwirtschaft nicht zu viel erwarten. Von Grabesstimmung kann jedoch keine Rede sein, schließlich handle es sich um eine normale Entwicklung des Konjunkturzyklus.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom UniCredit Bank Austria
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Stefan Bruckbauer, Chefökonom UniCredit Bank Austria
Von den letzten 18 Abschwüngen der Weltwirtschaft waren laut Bruckbauer schließlich nur zwei echte Krisen dabei – zum einen die Ölpreiskrise in den 1970er Jahren und zum anderen die Finanzkrise in den Jahren 2008/2009. Aufgrund der hohen internationalen Verflechtung der österreichischen Wirtschaft wird sich diese von der globalen Entwicklung nicht ganz abkoppeln können. Mit einem prognostizierten BIP-Wachstum in Österreich im Jahr 2019 von 1,5 Prozent sollte man jedoch weiterhin deutlich im positiven Bereich liegen, so Bruckbauer.


David Bosshart

Das Impulsreferatsthema des GDI-Chefs "Was man braucht um wirklich gut zu sein" begann Bosshart mit einem kleinen geopolitischen Vergleich zwischen der gemeinsamen Unbedeutung der Schweiz und Österreich im internationalen Vergleich, zwischen dem gigantischen US-Markt und der aufstrebenden Macht Chinas. "Europa muss heute alles dransetzen um dabei nicht auf der Strecke zu bleiben", prophezeit Bosshart, "wobei hier vor allem die Regierungen gefragt sind um zu investieren".

David Bosshart, Geschäftsführer GDI
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David Bosshart, Geschäftsführer GDI
Es gäbe zwar durchaus genug Talente und Geld in Europa, um unseren Kontinent erfolgreich in die Zukunft zu führen, "doch wir machen nichts daraus". Der Knackpunkt wird sein, ähnlich der Urbeziehung zwischen Mann und Frau die kommende Urbeziehung zwischen Mensch und Mschine zu meistern. Und Bosshart ging der Frage nach, ob Bign wirklich Beautiful ist, denn das gegenseitige Aufschaukeln der Handelsketten, hat sie alle austauschbar gemacht. "Es geht wieder darum", so Bosshart weiter, "endlich wieder Differenzierungsmerkmale zu finden".

Hinkünftig werde es nicht mehr nur um unterschiedliche Sortimente oder Outlet-Designs gehen, sondern um Image, um Erlebnisse, ums Wohlfühlen. Die Wege dahin sind technologiegetrieben und bedingen Partnerschaften und insgesamt mehr Mut für Entscheidungen.


Podiumsdiskussion

Die anschließende Podiumsdiskussion, moderiert von CASH-Chefredakteurin Silvia Meißl. brachte neben David Bosshart auch handelsseitig Spar Österreich Präsident Dr. Gerhard Drexel  und Rewe International Vorstandsvorsitzenden Marcel Harascti sowie industrieseitig EX-Kelly-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Hötschl ins mitunter sehr launige Gespräch miteinander.

Relativ Schnell kam man unisono zu dem Schluß, dass das Um und Auf bestens ausgebildete Mitarbeiter sind, um gut zu sein und zu wachsen. STabilität ist wichtig, der Mut zu Veränderungen, die neuen Technologien spielen eine große Rolle, klare Konzepte und letztendlich auch die guten alten kaufmännischen Tugenden.

Schlulterschlüsse der Handelsketten untereinander wurde da genauso angedacht qie jene zwischen Handel und Industrie, wobei jedem klar war, dass es diese in der Praxis nur bedingt geben wird.

Die Podiumsdiskutanten rund um Silvia Meißl: v.l.: Wolfgang Hötschel/GP Businessdevelopment & Coaching, Marcel Haraszti/Rewe, Gerhard Drexel/Spar und David Bosshart/GDI
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Die Podiumsdiskutanten rund um Silvia Meißl: v.l.: Wolfgang Hötschel/GP Businessdevelopment & Coaching, Marcel Haraszti/Rewe, Gerhard Drexel/Spar und David Bosshart/GDI
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