CASH Logistik Forum 2011: Die Zukunft der Cit...
 
CASH Logistik Forum 2011

Die Zukunft der City-Logistik

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Eröffnete mit ihrer Keynote das diesjährige CASH Logistik Forum: Viyebürgermeisterin Maria Vassilakou
Eröffnete mit ihrer Keynote das diesjährige CASH Logistik Forum: Viyebürgermeisterin Maria Vassilakou

Unter dem Motto „Logistik auf Schritt und Tritt – jeder Tag eine neue Herausforderung“ referierten und diskutierten am 26. Mai 2011 im General Aviation Center (GAC) des Flughafens Wien Schwechat Vertreter von Politik und Logistikbranche über die tagtäglichen Probleme der City-Logistik und deren Möglichkeiten zur Bewältigung.

Nach den Grußworten von Manstein Verlag Geschäftsführerin und CASH Herausgeberin Mag. Dagmar Lang, MBA, die unter anderem konstatierte, dass die Citys zusehends zu Eventlocations und handelsfreien Zonen verkommen, stellte Labg. DI Roman Stiftner, Präsident des Mitveranstalters Bundesvereinigung Logistik Österreich (BVL) einmal mehr klar, dass Österreich einer der innovativsten Logistik-Standorte der Welt sei und die gesellschaftliche Verantwortung der Logistik auch in den nächsten Jahren steigen werde. Zumal Online Shopping eine zusätzliche Herausfordung für die gesamte Branche darstellen wird.

Unter der bewährten und wie immer sehr launigen Moderation durch Dr. Nikolaus Hartig (Hartig Consulting) versuchte Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung Mag. Maria Vassilakou von den Grünen ein - für viele überraschend – smartes Zukunftsszenario in Sachen City-Logistik zu zeichnen. Ihr Ansatz: „Da Konsum genau so zur Lebensqualität gehört wie effektiver Klimaschutz muss das Beliefern von Geschäften und Gastronomie und somit die Logistik ein zu diskutierendes Thema bleiben.“ Da der urbane Bereich und somit auch Wien weiter wachsen wird gelte es innovative Ideen einzubringen um all das zu gewährleisten. Vassilakou: „Es wird eine innerstädtische Verdichtung notwendig sein, denn Wien kann sicher nicht unendlich an Fläche zulegen, sondern muss auf Dachbodenausbauten und neue Wohneinheiten wie in umgebauten Kasernen usw. zurückgreifen.“

Selbstverständlich für Vassilakou: „Der innerstädtische Güterverkehr muss wirtschaftlicher und effizienter werden, aber dennoch zu einer Entlastung führen. Zum Beispiel den Schwerverkehr auf viele kleine Fahrzeuge aufteilen und Lieferfahrten bündeln.“ In den Niederlanden gäbe es zum Beispiel bestens funktionierende eigene Binnenstadtservices mit zentralen Güterverteilzentren, Lastenfahrräder, Hybrid- und Elektrofahrzeuge für die Feinverteilung. Vassilakou spricht auch ein für Österreich und somit auch für Wien generelles Problem an: „Es gilt ganz massiv die Leerfahrten zu reduzieren und die Fahrzeugflotten völlig anders zusammenzustellen.“

Was Vassilakou unter anderem für Wien fordert ist die Eindämmung des überhand nehmenden Ziel- und Quellverkehrs, der in Wien bereits über 50 Prozent aller Fahrten ausmacht. Es werden neue Straßenverbindungen notwendig sein sowie eine bessere Koordination der Intermodalität, sprich: den Ausbau der Wasserwege und des Schienenverkehrs fördern. Mit dem EU-Vorzeigemodell Wiener Hafen sei man, so Vassilakou, bereits auf dem richtigen Weg, gilt dieser doch als Aushängeschild intermodaler Warenumschlagsplätze in der CENTROPE-Region. Und: Man werde nicht umhin können, die Verlängerung der Eisenbahn-Breitspur bis nach Österreich zu forcieren.

Andreas Raub, Logistikchef bei Ankerbrot, referierte anschließend über seinen Alltag mit den Problemen der tagtäglichen Praxis, mit 110 Touren sechs Mal die Woche österreichweit 2.500 Abladestellen zu koordinieren, wobei er auf eine ziemlich verwirrende Besonderheit in Wien hinwies: „Von den 804 Lieferadressen, die wir mit insgesamt 55 Lkw tagtäglich anfahren, dürfen wir 570 quasi rund um die Uhr beliefern, 234 jedoch erst ab sechs Uhr früh. Sehr oft sind wir daher gezwungen ein und dieselbe Straße zwei Mal anzufahren, obwohl die beiden Lieferadressen unmittelbar nebeneinander liegen.“ Raub weiss, dass frisches Gebäck in der Früh gefragt ist und nicht erst im Laufe des Vormittags, und was den Umweltschutz betrifft, so sieht er in der Aufteilung auf kleinere Fahrzeuge nicht die Lösung. Raub: „Wir bräuchten dann nicht nur das Dreifache an Fahrzeugen und Fahrern, sondern würden auch ein Dreifaches an Diesel verbrauchen und somit den CO2-Ausstoß erhöhen und nicht senken.“ Sein Aussendienst habe zwar diese Tage den ersten Elektro-Smart bekommen, für die Güterbeförderung sei seiner Meinung nach die Elektro-Technologie noch nicht so weit um auch wirtschaftlich vertretbar zu sein. Und: Die momentane Lösung der Hybridtechnologie von Flottenausstatter Mercedes Benz kann für Österreich nicht typisiert werden.

Raub machte jedoch noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: „Der von vielen gerne getane Griff zum Biodiesel ist mehr als nur ein zweischneidiges Schwert. Denn gerade für uns Bäcker bedeutet das, wir fahren mit Getreide, das dem Bauern, wenn er es für Biodiesel anbaut, um 30 Prozent mehr Ertrag bringt als für die Lebensmittelindustrie. Somit verteuert sich automatisch der Getreidepreis und wir werden eines Tages vor der Frage stehen ‚Tank oder Teller?’.

Stefan Recheis referierte über die interne Logistik von Österreichs größtem Teigwarenhersteller, der immerhin drei Vertriebskanäle – LEH, Gastro und Industrie – zu bedienen und zu koordinieren hat. Die zu versendende Ware kommt entweder aus den beiden Hochregallagern oder dem Kühl-/Tiefkühllager ins Kommissionslager und wird dort versandfertig verpackt. „Unser Problem dabei ist“, so Stefan Recheis, „weniger die Tücken eines in vielen Jahrzehnten unterschiedlich gewachsenen Gebäudes zu berücksichtigen, sondern primär, dass Teigwaren relativ voluminös bei geringem Gewicht sind. Daher kooperieren wir in vielen Fällen mit Darbo, bei dem gerade das Gegenteil der Fall ist. Das hat sich schon oft als ideale Ergänzung entpuppt.“

Ebenfalls hoch interessant waren die Ausführungen von Unito-Geschäftsführer Mag. Harald Gutschi als Vertreter der Versandhändler Universal, Otto und Quelle. Mit einem Umsatz von 235 Millionen Euro im Jahr 2010 und einem Plus von 30 Prozent, wobei das E-Commerce-Plus bei 55 Prozent liegt, ist nach dem Konkurs der deutschen Quelle, nicht nur die Quelle selbst wieder durchgestartet, sondern können sich sowohl Universal als auch Otto über noch nie dagewesene Erfolge freuen. „Gutschi: „Immerhin begeistern wir mit unseren derzeit rund 500.000 Produkten quer über alle drei Online-Shops über eine Million Besucher, von denen um die fünf Prozent auch als Käufer hängenbleiben.“

Obzwar Katalog-Bestellungen gestern waren, spielen sie nach wie vor eine bedeutende Rolle, ebenso der Telefonverkehr, aber das Hauptgeschäft sind bereits seit geraumer Zeit die Online-Shops. Gutschi dazu: „Bei Universal sind es 60 Prozent der Umsätze, die online getätigt werden, bei Otto 75 Prozent und bei Quelle sogar 80 Prozent, mit steigender Tendenz, vor allem in Richtung Mobile Commerce.“ Seine Challange sind die Retouren, die wie der normale Versand sowohl von Hermes als auch von der Post bewältigt werden. Für Möbel hat man den Spediteur Jöbstl verpflichtet, der von der Zustellung bis zum Aufbau alle Facetten übernommen hat, und für die technischen Produkte die Gebrüder Weiss-Tochter Tectraxx.

DI Andreas Bayer, Geschäftsführer der Rewe International Lager- und TransportgmbH, gab Einblick in die logistischen Kernkompetenzen eines Handelsunternehmens. So werden die täglichen Lieferungen in die Rewe-eigenen Outlets von zwei Zentrallagern und acht Regionallagern aus bewältigt, stehen dafür insgesamt 350 Lkw, 160 Hänger und 15 Aufleger zur Verfügung. 3.000 Mitarbeiter sind alleine in der Logistik beschäftigt, 18,5 Millionen Kilometer werden vom Fuhrpark zurückgelegt und dabei 9,5 Millionen ‚Rollcainter pro Jahr ausgeliefert. Der Warentransport nach Westösterreich erfolgt seit Dezember 2006 mit der Bahn, was 1,115 Millionen Liter Diesel bzw. 2,53 Millionen Autobahnkilometer einspart. Und: Der Transport zwischen den Lagerstandorten erfolgt mittels Doppelstock-Lkw, wodurch die Transportkapazität von 54 Rollcontainer auf 84 erhöht wurde.

Die abschließende Podiumsdiskussion zum Thema wie „grün“ denn Logistik eigentlich sein darf, damit sie auch kostenseitig funktioniert, brachte einige Facts als Diskussionsgrundlage für zukünftige Entscheidungen zutage. BVL-Präsident Roman Stiftner konstatierte, dass Lastenfahrräder für Wien genau so wenig die Lösung sein werden wie die von Maria Vassilakou gebrachten Beispiele aus niederländischen Kleingemeinden. Und dass City-Logistik primär ein Raumordnungsproblem sei. Für Monika Unterholzner vom Wiener Hafen ist der momentane Modalsplit noch nicht ausgewogen genug, GS1 Austria Geschäftsführer Gregor Herzog brachte die Idee der Abhollogistik ein, Unito-Sprecher Harald Gutschi gab zu bedenken, dass kundenseitig jeder für grüne Logistik und Nachhaltigkeit sei, jedoch nicht dafür bezahlen möchte und er sich vorstellen könnte, dass in Sachen weltweiter CO2-Reduktion wesentlich mehr Fracht vom Flugzeug auf das Schiff wandern müsste. Post-Vorstandsdirektor Walter Hitziger verwies auf die Anschaffung von Gas- und Elektrofahrzeugen für die Feinverteilung der Post und der damit verbundenen CO2-Reduktion von 10 Prozent bis 2013. Einig ist man sich über die Wurzel aller Umsetzungsprobleme: Die Politiker haben leider nicht immer den erforderlichen Durchblick bei Entscheidungen. Und: Sie denken in Legislaturperioden und nicht generationsübergreifend.


Zum Abschluss des CASH Logistikforums hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, das Briefzentrum Wien zu besichtigen. Es ist dies das größte der insgesamt sechs Logistikzentren der Österreichischen Post und gilt zudem als eines der modernsten Briefzentren Europas. Rund 50 Prozent des gesamten österreichischen Brief- und Info-Mail-Aufkommens werden hier bearbeitet – das sind bis zu vier Millionen Briefsendungen pro Tag.
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