E-Special Jahresrückblick: Geschlossene Gesel...
 
E-Special Jahresrückblick

Geschlossene Gesellschaft – Willys Jahresrückblick 2020

Markus Wache
Willy Zwerger
Willy Zwerger

Nein, wir brauchen uns jetzt gar nicht so zu wundern, denn im Alten Testament steht geschrieben „Und Gott sprach zu ihnen: Gehet hin, vermehret euch und macht euch die Erde untertan“. So in etwa.

Dass er damit nicht Adam und sein Ripperl Eva gemeint hat, wie allgemein vermutet, sondern die Coronaviren, wurde uns spätestens in diesem sonderbaren Jahr 2020 drastisch vor Augen geführt. Aber blicken wir kurz zurück und beginnen wir wie jeden Jahresrückblick mit der Pummerin, die auch heuer wieder verlässlich pünktlich das damals noch ganz junge und vor allem völlig unschuldige Jahr einläutete.

Die neue Regierung strahlt erstmals in den sich etwas konterkarierenden Farben Türkis und Grün und möchte für ihr Tun das Beste beider Welten abrufen. Was für ein lobenswerter Neujahrsvorsatz. Die Bundesheertauglichkeit wird abgeschafft, somit darf jeder Uniform tragen, der nicht geistig oder körperlich behindert ist. Matthias Mayer und Vinzenz Kriechmayr gewinnen in Kitzbühel die Abfahrt, gleichzeitig beginnt die Gewalt auf den österreichischen Schipisten zu eskalieren. Vor allem die Tourengeher sind mit der Arbeit der Pistenraupenfahrer nicht einverstanden. Da kam es vielerorts zu tief winterlichen Handgreiflichkeiten, wobei damit nicht das Schneeschaufeln gemeint ist. Aber dank des notorischen Alkoholkonsums kann sich ohnehin keiner mehr an irgend etwas erinnern. Außer die behandelnden Ärzte vielleicht.

Das nächste augenscheinliche Duell betrifft eine 16-jährige Klimaaktivistin und einen 74-jährigen US-Präsidenten, die sich am Klimagipfel in Davos ganz schön in die Zöpfe beziehungsweise orangen Haartollen kamen. Der Rechnungshof wiederum beginnt einen Wickel mit dem österreichischen Bildungssystem, weil jeder vierte Schüler nicht sinnerfassend lesen kann.

Corona, Corona

Daher konnten diese Schüler sowieso, aber auch viele andere Menschen nicht wirklich verstehen, was wir uns da mit dem kleinen Virus namens Corona eingetreten haben. Evolutionstechnisch gesehen blitzschnell verbreitete sich das Virus von der chinesischen Stadt Wuhan ausgehend weltweit und mutierte innerhalb kürzester Zeit zur Pandemie. Bis zum Jahresende wird es rund 50 Millionen Menschen erwischt haben, 1,2 Millionen davon werden dann daran gestorben sein. Untrügliches Zeichen der Krankheit Covid-19: Neben klassischen Grippesymptomen der Verlust des Geschmackssinns und des Riechvermögens. Sicher aber auch, weil viel mehr Menschen jetzt wieder vermehrt selber kochen.

Die österreichische Bundesregierung verhängte zwei Lockdownphasen, sperrte die Gastronomie, die Hotellerie, die gesamte Reisebranche, die körpernahen Dienstleister und die Kultur komplett, den Handel, die Schulen, die Unis und den Sport teilweise und sorgte mit der Maskenpflicht dafür, dass das allgemeine Vermummungsverbot ad absurdum geführt wurde, dass Ausgangssperren außer massivem Unmut der Bevölkerung infektionsanalytisch kaum etwas bringen, weil im privaten Bereich ohnehin zumeist alles läuft wie vor Corona. Zumindest de facto. Ideen wie eine generelle Polizeierlaubnis auch die privaten Bereiche der Bevölkerung hinsichtlich Einhaltung der Coronamaßnahmen zu kontrollieren wurden rechtzeitig wieder verworfen.

Wirtschaftlich entpuppten sich die Lockdowns als Katastrophe. Das Hin & Her der Regierung, wer wann was vergütet bekommt, die bürokratischen Hürden und die undurchschaubaren Ausschließungsgründe trugen jedenfalls in keiner Weise zur Freude aller Beteiligten bei. Wobei der diesbezügliche Rückblick auf 2020 ganz klar dazu führt, dass die Unsicherheit 2021 nahtlos weitergehen wird. Nicht nur was diese komische Ampel betrifft, sondern auch die sonderbare Kommunikations-Performance der Regierung.

Symbole wohin man schaut

Als medialen Symbolort für die europaweite Ausbreitung der Pandemie wurde Ischgl vereinbart, als optisches Symbol die am Boden sinnlos herumstehenden Flugzeuge respektive die gähnend leeren Abflughallen in den Flughäfen. Als beliebtestes Symbol in Sachen Einkaufs- und Bevorratungswahnsinn wurde die Klopapierrolle erkoren, als sportliches Symbol die leeren Stadien samt den 22 herumlaufenden Hansln und als Symbol für einen optimalen Abstand der Babyelefant, der sich vielfach leider nur als Mauserl entpuppte.

Verlorene Unschuld

Am Abend des 2. November fielen in der Wiener Innenstadt Schüsse aus den Waffen eines IS-Jüngers österreichisch-mazedonischer Abstammung, starben vier Menschen und wurden 26 verletzt. Die Tatsache, dass - wieder einmal - massives Behördenversagen im Vorfeld zumindest mit im Spiel war, ändert nichts daran, dass die lebenswerteste Stadt der Welt nun wohl endgültig ihre Unschuld verloren hat.

Die Einserbank

Die Spar krönte sich heuer zur Nummer eins bei den Handelsketten, Michi Kirchgasser wurde Dancing Star, Bayern München mit dem Triple - Meisterschaft, Cup und Champions League - zu Europas Nr. 1 im Fußball, Dominic Thiem gewann die US Open in New York und hat mittlerweile beide in der ATP-Rangliste vor ihm liegenden Mitspieler bezwungen - den Joker genau so wie den Nadal und letztendlich auch Lily Paul. Lewis Hamilton wird zum 7. Mal Formel 1-Weltmeister und bestätigt sich damit selbst als seit Jahren unumstrittene Number One im Lenkraddrehen. Zum Nummer 1-Betrügerdirektor arbeitete sich Commerzbankchef Martin Pucher hoch, ihm gelang es, in 30 Jahren durch permanente Bilanzfälschungen einen Schuldenstand von 690 Millionen Euro zu kaschieren. Auch eine Leistung. Irgendwie.

Jubel, Kritik und Unverständnis

Erdogan machte die Hagia Sophia vom Museum wieder zur Moschee und erntete dafür Jubel und Kritik gleichermaßen. In Beirut sorgte eine verheerende Explosion im Hafen für fast 200 Tote und 6.000 Verletzte, auf Lesbos brannte das Flüchtlingslager Moria, die heimische Regierung verweigert jedoch im Gegensatz zu etlichen anderen Staaten in Europa die Aufnahme von Kindern aus dem Lager und erntet dafür nicht nur aus dem Ausland völliges Unverständnis. Mit Unverständnis reagierten nach dem Buwog-Urteil auch Karl-Heinz Grasser und seine drei Mitangeklagten Meischberger, Hochegger und Petrikovics. Fassten sie doch gemeinsam 23 Jahre Schmalz aus.

Und schon überhaupt kein Verständnis zeigte US-Präsident Donald Trump für Joe Bidens Sieg bei der Präsidentenwahl. Seiner Meinung nach war die gesamte Wahl von Haus aus manipuliert. Selbstverständlich nur in jenen Bundesstaaten, in denen Biden vorne lag.

Apropos Wahl. Die Wien Wahl ließ Bürgermeister Michael Ludwig genau so jubeln wie die ÖVP, die Grünen und die Neos. Wobei im Endeffekt Schwarze wie Grüne nach den Sondierungsgesprächen ins Enttäuschungsbad springen mussten, da Ludwig hinkünftig nur mit den Neos koalieren möchte. Rot und Rosa harmonieren ja auch optisch gut. Vassilakou-Nachfolgerin Birgit Hebein wird abgewählt und aller Wahrscheinlichkeit nach durch Quereinsteigerin Judith Pühringer ersetzt. Der Gürtelpool soll dennoch bleiben. Der größte Loser neben der gesamten FPÖ ist aber HC Strache mit seinem Hoppalateam. Völlig zurecht aus meiner Sicht.

Jubel, Lob und Anerkennung bekamen heuer die Salzburger Festspiele für ihr Rumpfprogramm, ihr Sicherheitskonzept und ihren Mut nicht alles komplett zu canceln. In einer etwas kleineren Dimension erntete auch unser Manstein Verlag Jubel, Lob und Anerkennung für die Durchführung des heurigen CASH Handelsforums Mitte Oktober in Schladming. Chapeau!

Auf Wiedersehen und Adieu

Es gab aber auch jede Menge Verabschiedungen: Kirk Douglas stirbt mit 103,  Alberto Uderzo mit 92, Ennio Morricone mit 91, Jean Connery mit 90, Otto Baric und John le Carré mit 88, Little Richard mit 87, Herbert Feuerstein mit 83, Diana Rigg mit 82, Karl Dall mit 79, Eddie van Halen mit 65, Diego Maradona mit 60, Kobe Bryant samt Tochter mit 41 und 13. Dominique Meyer verlässt nach zehn Jahren die Wiener Staatsoper und übergibt an Ex-Ö3-Chef Bogdan Roscic, Mineralwasserabfüller Güssinger musste seinen Brunnen für immer zudrehen und verabschieden werden wir uns sowohl vom Verbot der Sterbehilfe als auch von der Idee der Corona-Massentestungen. Das geht mit den Österreichern irgendwie nicht. Spar-Präsident Gerhard Drexel übergibt zum Jahreswechsel als Klassenbester an Fritz Poppmeier und auch die Briten werden der EU ziemlich fehlen. Was 2021 leider sicher bleiben wird, ist neben Corona eine gehörige Portion Ungewissheit. Bleiben wir flexibel!

In diesem Sinne wünsche ich völlig stressfreie Weihnachtstage und einen unspektakulären, vor allem aber leisen Rutsch in ein neues, hoffentlich nicht so verwirrendes Jahr 2021. Ahoi und fühlt Euch umarmt!
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