CASH+/Handel im Lockdown: Süßes oder saures L...
 
CASH+/Handel im Lockdown

Süßes oder saures Los?

Heindl
Den österreichischen Süßwarenhändlern scheint nun nach dem fehlenden Ostergeschäft lockdownbedingt das Nikologeschäft wegzubrechen, obwohl sie offen halten dürfen.
Den österreichischen Süßwarenhändlern scheint nun nach dem fehlenden Ostergeschäft lockdownbedingt das Nikologeschäft wegzubrechen, obwohl sie offen halten dürfen.

Ab Montag, den 23. November kann die Phase 2 des Fixkostenzuschusses beantragt werden. Doch einige Bereiche des Handels wie beispielsweise der Süßwarenhandel, haben ganz andere Sorgen.

Es ist vieles anders als im Frühjahr, dennoch haben manche Unternehmer den Eindruck, es gäbe kaum Learnings. In einer Pressekonferenz wurde der Startschuss für den Fixkostenzuschuss für Händler gegeben, die vom harten Lockdown direkt betroffen sind, sie können nun den Umsatzersatz und den Fixkostenzuschuss 2 bis 800.000 Euro beantragen. Schon hier äußert sich Unmut, erhalten doch Betriebe, die während des Lockdowns schließen mussten, bis zu 80 Prozent ihres Vorjahresumsatzes erstattet. "Egal ob Gastronomie, Hotellerie, Friseure oder sogar Glücksspielkonzerne erhalten die 80 Prozent, während der Handel mit einer Staffelung zwischen 20 und 60 Prozent entschädigt wird", beklagt beispielsweise Rainer Will vom Handelsverband, der im Vorfeld ebenso einen Umsatzersatz von bis zu 80 Prozent gefordert hatte, da manche Geschäftsmodelle im Handel härter unter dem Lockdown leiden, als die genannten Branchen.

Süßwaren sind Lebensmittel

Wer offen halten darf, zum Teil jedoch lieber schließen würde, sind die Süßwarenhändler in Österreich, rechtlich fallen sie unter die Lebensmittelhändler und sind somit vom Betretungsverbot während des Lockdowns ausgenommen. "In Wien gibt es über 3.200 Lebensmitteleinzelhändler, die die Wienerinnen und Wiener auch im 2. Lockdown mit Lebensmitteln versorgen. Neben den großen Supermarktketten übernehmen auch die vielen kleineren Betriebe ums Eck, etwa Greißler, Fleischer, Bäcker oder Spezialitätengeschäft, wie auch die Süßwarenhändler die tägliche Nahversorgung", fasst die neue Obfrau der Sparte Handel der WK Wien, Margarte Gumprecht, zusammen.
Margarete Gumprecht, Spartenobfrau Handel in der WKW: "Wenn ich mein Geschäft ums Eck weiter haben will, muss ich daran denken, lokal einzukaufen."
WKW / Florian Wieser
Margarete Gumprecht, Spartenobfrau Handel in der WKW: "Wenn ich mein Geschäft ums Eck weiter haben will, muss ich daran denken, lokal einzukaufen."
Doch gerade in Wien, wo es ungefähr 60 dieser Süßwaren-Geschäfte gibt, fehlen nicht nur die Touristen, auch die Wiener Laufkundschaft ist lockdownbedingt nicht unterwegs, viele wissen zudem nicht, dass Süßwarengeschäfte offen halten. Die Süßwarenhändler haben durch das fehlende Ostergeschäft bereits dramatische Umsatzverluste hinnehmen müssen. Der zweite Lockdown fällt wieder in eine umsatzstarke Zeit: Das Nikolo- und Weihnachtsgeschäft. Für viele Unternehmer wäre es finanziell jedoch attraktiver, geschlossen zu halten und Umsatzentschädigung zu erhalten. Unmöglich, da sie zu den Sparten zählen, die offen haben dürfen, und damit keine Entschädigung erhalten.

"Wir verkaufen Genussmittel!"

Walter Heindl, Geschäftsführer der gleichnamigen Süßwarenhandelskette, macht seinem Unmut gegenüber CASH Luft: "Es ist erschreckend, wie die Bundesregierung reagiert. Wir verkaufen Genussmittel, keine Lebensmittel, wir sind keine Nahversorger. Aber wir müssen offen halten, obwohl Österreichs Straßen leer sind, keiner kommt Süßigkeiten einkaufen." Im Frühjahr, während des wichtigen Ostergeschäfts hielten die meisten ihre Geschäfte geschlossen, die Umsatzeinbußen wären im Sommer schon verheerend gewesen. "In unserer Filiale auf der Mariahilferstraße haben wir an einem Tag 150 Euro Umsatz gehabt, davon kann man doch nicht überleben", klagt Heindl.

Walter Heindl sieht sich eher als Genussmittelhändler denn als Lebensmittelhändler und würde lieber geschlossen halten.
Felicitas Matern
Walter Heindl sieht sich eher als Genussmittelhändler denn als Lebensmittelhändler und würde lieber geschlossen halten.
Von März bis Oktober verzeichnet er einen Umsatzrückgang von ungefähr 46 Prozent, er bekommt einen Fixkostenersatz, der jedoch bei weitem nicht ausreicht, wie er sagt: "Was wir benötigen ist ein Umsatzersatz – so wie ihn viele andere Branchen bekommen – darunter zum Beispiel auch die Glücksspielbranche!"
Eine wirklich große Stütze in der gegenwärtigen Situation ist für ihn der heimische LEH, der, wie er sagt "in großartiger Weise verstärkt auf heimische Erzeuger und Lieferanten setzt", so der Süßwarenhändler.
Die Nikoläuse und Krampusse bleiben liegen, das Weihnachtsgeld wird bald fällig, Heindl fühlt sich im Stich gelassen, "es müsste doch auch im Interesse des Finanzamtes sein, dass wir kleinen Händler und Steuerzahler überleben."

Wirtschaftskammer rät zur Online-Regionalisierung

Viele Betriebe bieten auch einen Zustellservice. Außerdem gibt es viele Online-Plattformen, die regionale Händler listen und eine gute Übersicht geben. "Es braucht jetzt mehr denn je eine Gegenbewegung zur Online-Globalisierung hin zu einer Online-Regionalisierung. Wenn ich mein Geschäft ums Eck weiter haben will, muss ich daran denken, lokal einzukaufen", betont auch Spartenobfrau Gumprecht.
Besonders mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft appelliert Gumprecht an die Wiener, bei Online-Einkäufen primär bei österreichischen Händlerinnen und Händlern zu kaufen oder die Einkäufe später nach dem Lockdown in den Geschäften nachzuholen. "Mit jedem lokalen Einkauf werden Arbeitsplätze gesichert und die Kaufkraft im Land gestärkt."
Auch Heindl verfügt über einen Online-Shop, dieser generiert aktuell den Umsatz einer durchschnittlichen Filiale, das ist bei insgesamt 30 Shops bei weitem nicht ausreichend, "zumal unsere Kundenstruktur auch nicht allzu sehr online-affin ist", erklärt Heindl.

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