Handelsverband: "Wir ersticken in unserer eig...
 
Handelsverband

"Wir ersticken in unserer eigenen Bürokratie"

Gina Sanders/stock.adobe.com

In der Neujahrs-PK des österreichischen Handels zeichneten der Handelsverband und Branchenvertreter ein verhaltenes Bild. 2020 mussten über 4.000 Geschäfte in Österreich schließen, der Trend setze sich 2021 fort, so die Experten. Versprochene Entschädigungen bleiben aus, die Planungsunsicherheit, bedingt durch Lockdowns und 2G-Regelung mache der Branche zu schaffen.

Der heimische Handel sieht sich durch Planungsunsicherheit, 2G-Regelung und ausbleibende Entschädigungen in Bedrängnis. Der Ruf nach einem "Handel für alle", und einer ehest möglichen Beendigung der 2G-Regelung werden laut. Die Corona-Hilfen, die bis dato für den vergangenen Lockdown im Weihnachtsgeschäft "immer noch ausständig sind", helfen - so wie sie derzeit konzipiert sind - nicht, so der Tenor der Handelspartner. Außerdem müsse es nun dringend darum gehen, den "Handel zu entlasten und die Lohnnebenkosten substantiell zu senken, um die Kaufkraft innerhalb der Bevölkerung anzukurbeln", sagt Stephan Mayer-Heinisch, Handelsverband-Präsident. Sonst laufe man Gefahr "in unserer eigenen Bürokratie zu ersticken." Es brauche nun dringend Hilfen, die Liquiditätskrisen und ein "Financial Long Covid" in den Betrieben verhindern.

Und das ist rasch notwendig, zeigen die Zahlen: Die Umsätze im Handel sind 2020 um 4 Prozent eingebrochen, auch geschuldet durch die allein in Wien und Niederösterreich 152 geschlossenen Einkaufstage. Gemeinsam mit dem WIFO hat der Handelsverband eine Gesamtjahresprognose für 2021 über 74,4 Milliarden Euro brutto abgeleitet. Dies entspräche zwar einer moderaten Steigerung um 3 Prozent gegenüber dem Krisenjahr 2020, bereinige man allerdings um die durchschnittlichen Preissteigerungen im Gesamtjahr, ist der stationäre Handel 2021 real mit circa 1,5 Prozent nur halb so viel gewachsen. Fakt bleibt, dass über 4.000 Unternehmen im Jahr 2020 schließen mussten, wenn man die Neueröffnungen von den Schließungen abzieht.

Rückgrat der Wirtschaft

Dabei bildet der Handel einen wesentlichen Wirtschaftszweig in Österreich: 77.700 Unternehmen mit insgesamt 598.600 unselbständig Beschäftigten sind in der Handelsbranche (Einzel- und Großhandel sowie KfZ) tätig. Gemeinsam erzielt man hier einen Umsatz von 266 Milliarden Euro und eine Bruttowertschöpfung von 39 Milliarden Euro, so das Ergebnis der letzten Strukturerhebung der KMU Forschung Austria im Auftrag des Handelsverbandes.

"Aber Handel ist nicht gleich Handel. Manche profitieren von der Krise, neben dem Lebensmitteleinzelhandel, insbesondere der internationale Onlinehandel. Allein Online-Gigant Amazon sei um 30 Prozent gewachsen, so Rainer Will, Handelsverband-Geschäftsführer. Zum Vergleich: der heimische E-Commerce verzeichnete ein Plus von lediglich 20 Prozent im vergangenen Jahr. Andere verlieren massiv, wie der Mode- und Schuhhandel, Juweliere oder stationäre Retail-Formate von Generalisten", so Will. Auch die "mittel- und langfristigen Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Diversität der Handelslandschaft, Stadt- und Ortskerne sind absehbar negativ", fügt er hinzu.

Branchenvertreter mit dringendem Appell

Martin Wäg von Kastner + Öhler betont im Rahmen der Pressekonferenz, dass "wir zugesperrt wurden". Allein im vergangenen Lockdown zum Weihnachtsgeschäft entgingen der Kaufhauskette rund 8 Prozent des Jahresumsatzes. Man könne aber mit diesen aufgezwungenen Maßnahmen, die Wäg mit "einer Zensur für Journalisten" vergleicht, "kein wirtschaftliches Unternehmen führen und aufrechterhalten". Der letzte Lockdown sei für ihn auch "nicht gerechtfertigt" gewesen, gerade weil der Handel nicht als "Cluster" gelte.

Auch Ernst Meyr von der Fussl Modestraße liegt es in dem Jahresgespräch am Herzen, nochmals die "Fairness und Gerechtigkeit" an die Politik zu appellieren. Die Sicherheit in den Betrieben und Geschäften sei nicht "gefährdet" und man solle der Branche die Möglichkeit dazu geben, Geld zu verdienen um im Endeffekt auch Steuern zahlen zu können, sagt er. Man sei immer ein "konstruktiver Partner gewesen", betont auch Österreich CEO Norbert Scheele, Modekette C&A und Vizepräsident des Handelsverbandes. Die gesamte Branche erfülle sämtliche Hygienevorgaben, die FFP2-Maskenpflicht, das betriebliche Testen und Impfen sowie Home-Office-Möglichkeiten. Im Gegenzug erwarte er "faire und treffsichere Entschädigungen".

Denn: Jeder weitere Lockdown käme "einem Händlersterben" gleich, sagt Stephan Mayer-Heinisch, Handelsverband-Präsident. Was Andrea Heumann, Thalia Österreich ganz besonders hervorhebt, ist die Umsatzdynamik mit "einer kontinuierlichen Umsatzkurve nach oben", während der Vorweihnachtszeit. Diese Möglichkeit wurde dem Buchhändler mit dem letzten Lockdown genommen. Zum Referenzjahr 2019 habe Thalia allein vergangenen Dezember knapp über 20 Prozent Einbußen verbucht. "Wir bleiben auf diesen Verlusten sitzen, da wir hierfür auch keine Förderung bekommen". Deshalb ihr Appell an die Regierung: "Mehr Fairness, Solidarität mit dem Handel und keine realitätsfernen Konstruktionen mehr."

Stationär vs. online

Eine nicht unwesentliche Nebenwirkung von Lockdowns und auch der neuen 2G-Regelung sieht Karin Saey, Vizepräsidentin des Handelsverbandes und Leiterin Handel bei Dorotheum. "Bis jetzt waren Mitarbeiter im beratenden Fachhandel enorm darum bemüht, alle Kunden gut zu beraten", sagt sie. Die knapp 2 Millionen Ungeimpften, die derzeit noch im Lockdown sind, wären ein "herber Verlust" für den stationären Handel. Da sei wiederum die Gefahr, dass diese ganz dem stationären Handel den Rücken kehren, um ihre Einkäufe online erledigen.

Die Gefahr, dass Menschen aufgrund von Lockdowns gänzlich auch beim Online-Einkauf bleiben, sieht Wäg nicht ganz: "Natürlich lernen Menschen online einzukaufen und bleiben auch dort. Aber wenn - wie wir im Sommer festgestellt haben - sich das Stadtleben wieder normalisiert, besteht ein großes Streben in den stationären Handel." Wie die Branchenvertreter dem heurigen Jahr entgegensehen, lässt sich im Hintergrund von Preissteigerungen nur schwer abschätzen, aber: Es werde sicherlich ein spannendes Jahr für alle Händler, und es könnte, so Ernst Mayr, Fussl Modestraße, auch "Umsatzzuwächse geben, sofern wir keine neuen Lockdowns mehr haben."
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