Kommentar: Bitte keine Schnellschüsse
 
Sabine Klimpt

Es ist klein, unsichtbar und leider sehr gefährlich. Das neuartige Coronavirus hat unser Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Die österreichische Bundesregierung setzt auf Klarheit und Transparenz und macht grundsätzlich einen guten Job - zumindest meistens.

Wer hätte noch vor drei Wochen gedacht, dass Ausgangsbeschränkungen unseren Alltag dominieren, wir sofern möglich ausschließlich im häufig improvisierten Home Office arbeiten, die Wirtschaft auf einen Minimalbetrieb heruntergefahren wird und der Kontakt zu Familie und Freunden nur mehr via Smartphone und Videochat möglich ist? Ich jedenfalls nicht und ich gebe es zu, auch ich habe mir keine Gedanken gemacht, als ich zum Skiurlaub nach Tirol aufgebrochen bin. Zwei Wochen freiwillige Selbstisolation später ist einfach alles anders. Es geht mir gut und meinen Lieben zum Glück auch. Und damit das so bleibt, sind die Maßnahmen von Bundeskanzler Sebastian Kurz und den Mitgliedern seines Kabinetts für mich weitaus mehr als bloße Empfehlungen.

Dass wir jetzt ab Mittwoch alle Schutzmasken beim Einkaufen in Supermärkten und Drogerien tragen sollen, wie gestern medienwirksam verkündet wurde, ist auch die Antwort darauf, dass immer noch sehr viele Menschen den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Ob die Regierung aber erkannt hat, dass sie den Handel, der neben den produzierenden Industriebetrieben aktuell ohnehin enorm viel leisten muss, damit erneut vor eine riesige Herausforderung stellt, und zwar nicht nur logistisch - ich bin mir nicht ganz sicher. Wie man sich die Vergabe der Masken vorstellt, wie der so oft geforderte Sicherheitsabstand dabei eingehalten werden soll, wer das Tragen der Masken kontrollieren wird, welche Kosten die Supermarktketten zu tragen haben und wo die rund vier Millionen Stück pro Tag bei den derzeit herrschenden Lieferengpässen herkommen sollen, ist nicht nur mir ein Rätsel. Viel skandalöser ist aber, dass man die Gespräche darüber offenbar im LEH nur auf die vier großen Handelsketten Rewe International, Spar, Hofer und Lidl beschränkt hat. Ganz vergessen wurden zum Beispiel die Nah&Frisch-Kaufleute und kleinere regionale Anbieter, die die Nahversorgung vor allem im ländlichen Bereich sicherstellen. Sie haben aus den Medien von den neuen Maßnahmen erfahren, ebenso wie Peter Buchmüller, Obmann der Bundessparte Handel in der WKO.

Das ist schon verwunderlich bei der ganzen Akribie und Beraterei, die da in den vergangenen Wochen an den Tag gelegt wurde. Jetzt ist natürlich niemand fehlerfrei - keine Frage, aber es macht schon den Eindruck, als wollte man hier mit Biegen und Brechen eine Maßnahme durchsetzen, ohne die daran geknüpften Herausforderungen genau durchdacht zu haben. Schnellschüsse können bekanntlich aber auch nach hinten losgehen und so kann man nur hoffen, dass die Regierung, getrieben von ihren Experten, in noch wichtigeren Fragen nicht genauso planlos agiert,
meint Ihre Michaela Schellner

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