Kommentar: Sonst kaufen sie bei Amazon
 
Kommentar

Sonst kaufen sie bei Amazon

Sabine Klimpt
CASH-Herausgeberin Dagmar Lang
CASH-Herausgeberin Dagmar Lang

Es war zu befürchten, dass im Lockdown 2, noch dazu mitten im Weihnachtsgeschäft, die Diskussion aus dem Lockdown 1 wieder losgeht: Was dürfen die geöffneten Geschäfte verkaufen und was nicht?

Viele Händler sind empört, dass es bei Hofer neben Gitarren und Kärcher auch Kleidung zu kaufen gibt (Mode würde ich das nicht nennen), bei Müller sowieso alles, was dieses für Österreich atypische SB-Warenhaus im Sortiment hat (und das ist an manchen Standorten wirklich alles außer Stacheldraht), bei Lidl Sporthosen und Kinderpyjama, bei der Interspar Staubsauger und Waschmaschinen. Dieses Mal hatten die betroffenen Händler gleich von Beginn an klargestellt, das gesamte Sortiment anzubieten. In den Erläuterungen der zweiten Lockdown-Verordnung steht , es dürfen in den "offen bleibenden Geschäften allerdings nur Waren erworben werden, die dem "typischen Warensortiment“ der in der Verordnung erlaubten jeweiligen Geschäftsbereichs entsprechen. Bingo. Alle genannten Handelsketten haben auch schon vor Corona dieses zum Teil sehr breite Sortiment gehabt. Bei Hofer ist der Anteil der Non Food 2-Waren (also vom Pyjama bis zum Bügeleisen) besonders hoch und Teil des Geschäftsmodells. Ohne dieses Sortiment könnte er die Lebensmittel nicht so preiswert anbieten. Die Interspar ist nun einmal ein Verbrauchermarkt und bietet – seit 50 Jahren – je nach Größe mehr oder weniger breit Konsumgüter an, durchaus auch Schreib- und Spielwaren, Unterwäsche, Strümpfe, Bettwäsche und Handtücher. Einzig Rewe-Chef Marcel Haraszti erklärte dieses Mal, die Rewe werde kein "atypisches Warensortiment" verkaufen. Und da das Non-Food-Geschäft selbst der Verbrauchermarktkette Merkur wirklich marginal ist, wurden jetzt skurril anmutende Warengruppen wie Kochlöffel, Grablichter, Staubsaugersackerln und Batterien abgehängt. Die armen Regalschlichter müssen sich von den Kunden beschimpfen lassen und Fragen wie „aber warum verkauft ihr noch Adventkränze?“ gefallen lassen. Die ebenfalls zum Rewe-Konzern gehörende Drogeriefachkette Bipa bietet natürlich Parfüms und Unterwäsche und jetzt zu Weihnachten jede Menge an zusätzlichen Geschenkartikeln an. Wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Frage, was lebensnotwendige Produkte sind, ist in der Tat schwer zu beantworten. Wenn es dem Gesundheitsminister um das Ansteckungsrisiko geht, dann ist es völlig egal, was der Kunde bei der Interspar kauft. Hätte er die lebensnotwendigen Produkte gemeint, dann dürften auch die Drogeriefachmärkte nicht offen haben; denn Putzmittel und Hygieneprodukte gibt es auch im kleinsten Supermarkt.
Klar ist es für den Handel sehr bitter, dass der Lockdown im Weihnachtsgeschäft kommt. Aber es bringt ihm keinen Euro Umsatz mehr, wenn es in den offenen Geschäften Sortimentsbeschränkungen gibt.
„Es bringt dem Handel keinen Euro Umsatz mehr, wenn es in den offenen Geschäften Sortimentsbeschränkungen gibt.“
Dagmar Lang

Denn in Wahrheit muss jeder Österreicher froh sein, wenn das Geld in einem stationären österreichischen Geschäft ausgegeben wird und nicht bei Amazon. Mit jeder Sortimentsbeschränkung fördert man nur den amerikanischen Giganten, der hier nahezu keine Steuern zahlt. Aber damit das Ganze nicht eskaliert: Beschränken wir doch alle freiwillig bis 7. Dezember Aktionen und Flugblätter auf Lebensmittel und Drogerieartikel.  

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