Kommentar: Überschätzte Verwechslungsgefahr
 
Kommentar

Überschätzte Verwechslungsgefahr

Kann der Durchschnittskonsument pflanzliche Drinks von tierischen Milchprodukten unterscheiden, auch wenn sie ähnlich – nämlich im Verbundkarton oder Glasflaschen - verpackt sind? Seit der Verschärfung des Bezeichnungsschutzes für Milch, wonach Begriffe wie Hafer- oder Sojamilch für rein pflanzliche Erzeugnisse unzulässig sind, müsste man meinen, dass die Antwort auf diese Frage eindeutig mit ja zu beantworten ist. Laut einer Umfrage von Gallup wissen knapp 90 Prozent der befragten Verbraucher, dass es sich bei einem Produkt mit der Bezeichnung „vegane Alternative zu Joghurt auf Haferbasis“ um ein Produkt pflanzlichen Ursprungs handelt.

Erst im Herbst 2020 sprach sich das EU-Parlament nämlich erneut gegen eine kommerzielle Verwendung der Begriffe Milch, Joghurt und Co. durch Ersatzprodukte aus. Gleichzeitig stimmte es auch dem Änderungsantrag 171 zu, der die bestehenden Regelungen zusätzlich verschärfen soll. Dazu gehört unter anderem auch, dass die veganen Alternativen keine Verbindung zu Milch mehr herstellen dürfen. Schlimmstenfalls könnte es dazu führen, dass die Bildsprache und Verpackungsarten verändert werden müssten, um sich mehr von Milchprodukten abzuheben. Ein mögliches „Haferdrink-Bilderverbot“ lehnen laut der genannten Umfrage aber 66 Prozent der Verbraucher ab, nur 20 Prozent sind dafür.

Verstehen Sie mich nicht falsch, die Milchindustrie hat sich ihren guten Ruf hart erkämpft und den Bezeichnungsschutz auch zurecht verdient. Was aber nun angedacht ist, geht selbst manchen Molkereivertretern zu weit (wie Sie im kommende Woche erscheinenden Mai-CASH ab Seite 94 nachlesen können).

Wenn die EU-Politiker die Konsumenten nämlich für derart konfus halten, sollten sie vielleicht andenken, für den Kauf von zum Beispiel Streichhölzern einen Waffenschein zu verlangen. Immerhin kann man damit mehr Schaden anrichten, als durch einen unbeabsichtigten Konsum eines Hafer- oder Soja-Drinks – die mittlerweile auch zunehmend (von Molkereien) aus heimischem Getreide und Hülsenfrüchten hergestellt werden.

Und wenn die Politiker dabei sind könnten sie gleich den Umsatzsteuersatz für Grundnahrungsmittel überdenken respektive erweitern. Denn wenngleich Milch und Milchprodukte seit Jahrhunderten zu den Grundnahrungsmitteln gehören und damit niedriger (mit 10 %) besteuert werden, darf man sich den neuen Ernährungsformen nicht völlig verschließen und die steigende Anzahl jener Verbraucher ignorieren, die nun mal pflanzliche Produkte zu ihren Grundnahrungsmitteln zählen.

Wie bei vielen anderen Dingen bleibt aber auch hier zu hoffen, dass über den Sieger dieser Debatte am Ende die Vernunft und nicht die stärkere Lobby entscheidet – im Sinne der Konsumenten.

 

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