Gastkommentar Gerd Marlovits: Ungenützte Pote...
 
Gastkommentar Gerd Marlovits

Ungenützte Potenziale

Editel

Fast zeitgleich mit den Anfängen von CASH vor 35 Jahren hat auch der Elek­tronische Datenaustausch (EDI) von Geschäftsdokumenten in Österreich Einzug gehalten. Vor allem das standardisierte Trockensortiment war für elektronische Bestellungen und Rechnungen wie geschaffen. Anders als bei Gemüse oder Fleisch sah damals schon jede Packung gleich aus und war gleich schwer. Mittlerweile ist Österreich sogar eines der führenden Länder der Welt im EDI-Bereich. So gesehen trägt der Handel den Digitalisierungsdrang seit jeher in seiner DNA. Im gegenwärtigen Zeitalter neuer, hochmoderner Technologien – wie Künstlicher Intelligenz, Internet der Dinge und Co – läuft man jedoch manchmal Gefahr, Bewährtes aus den Augen zu verlieren.
Ein zweiter Blick in den Baukasten EDI lohnt deshalb: Es gibt an die 200 standardisierte Geschäftsprozesse für die digitale Wertschöpfungskette. Sozusagen Best Practices, von Branchenprofis erarbeitet, für jeden zur „freien“ Entnahme. Trotz internationaler Führungsrolle sind in Österreich gerade einmal knapp über 30 davon in breiterem Einsatz. Enormes Potenzial also, um mit bestehenden Technologien den Weg der Digitalisierung noch erfolgreicher voranzuschreiten.
„So gesehen trägt der Handel den Digitalisierungsdrang seit jeher in seiner DNA. “
Gerd Marlovits

Kleinere Schlachthöfe etwa arbeiten teilweise noch aufwendig mit Excel-Tabellen, um die vorgeschriebene Rückverfolgbarkeit zu dokumentieren. Ein elektronischer Lieferschein inklusive Chargennummer reicht hingegen aus – und im Fall des Falles können Produktrückrufe weitaus effizienter organisiert werden. Ebenso beim Beispiel elektronische Wareneingangsbestätigungen: Einmal eingeführt und die Abwicklung von Reklamationen oder auch Retouren gestaltet sich deutlich einfacher. Und dass der Einsatz von EDI nicht nur auf das Verhältnis Handel und Lieferant beschränkt ist, zeigen erfolgreiche Umsetzungen im sogenannten Upstream-Bereich: Die Industrie wendet sich hin zu Vorlieferanten, um Rohstoffe, Verpackungsmaterialien und Ähnliches digital zu beschaffen.
Wie präzise EDI zum Einsatz gebracht wird, zeigt das Beispiel „Vendor Managed Inventory“, das bereits bei Molkerei- und anderen Frischeprodukten erfolgreich eingesetzt wird. Dabei verlagert der Handel die Bestellhoheit zur Industrie. Die Molkerei wird täglich über die Lagerbestände informiert und kann danach ihre Produktionsmengen ausrichten. Das bringt optimale Frische und vermeidet obendrein Überproduktion. Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, über den klassischen Order-to-Cash-Prozess hinausgehend, ließen sich beliebig fortsetzen.
Als ich unlängst gefragt wurde, ob es für Lieferanten heute noch möglich ist, ohne EDI mit den Handelsketten Geschäfte zu machen, sagte ich wahrheitsgemäß: „Ja, möglich ist es, aber es ist nicht sehr effizient.“ Denn um eine Sortimentsvielfalt von bis zu 50.000 Artikeln bieten zu können, unterhalten Handelsketten Beziehungen zu an die 3.000 Lieferanten. In der Logistik können derartige Dimensionen nur durch Standardisierung und Automatisierung beziehungsweise Digitalisierung gemeistert werden. Das gilt genauso außerhalb Österreichs. Insofern sehe ich EDI auch als Chance für kleinere Unternehmen, auf weiteren Märkten aufzutreten. Diese Chance sollten die Kleinen nützen, um auch die kommenden 35 Jahre erfolgreich zu meistern. Apropos: Happy Birthday, liebes CASH!
Ad personam
Mag. Gerd Marlovits ist seit Anfang 2018 Geschäftsführer von Editel Austria. Viele namhafte nationale und internationale Handelsketten sowie Konsumgüter-Hersteller wickeln den elektronischen Austausch von Geschäftsdokumenten über die Datendrehscheibe eXite von Österreichs führendem EDI-Dienstleister ab. Durch Tochterfirmen in der CEE-Region und länderübergreifende Kooperationen gilt Marlovits auch als guter Kenner der internationalen Branchentrends.
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