Gastkommentar Uwe Knop: Nutri-Score –halt´ di...
 
Gastkommentar Uwe Knop

Nutri-Score –halt´ dich fern von Österreich!

Anette Kiefer/WDR

Die Österreicher können sich glücklich schätzen: Noch sind die Diskussionen über den bunten Nonsens auf Lebensmittelverpackungen namens Nutri-Score verhalten. Damit das auch so bleibt, sollten die folgenden Fallstricke bekannt sein, denn: Der Nutri-Score kann in keiner Weise einen wissenschaftlichen Nachweis erbringen, dass er der Bevölkerung auch nur ein My mehr Gesundheit bringt. Ganz im Gegenteil, denn diese Verampelung von Lebensmitteln ist ein durch und durch dreifach „gefährlicher“ Akt. Nicht nur, weil es die Verbraucher mehr verwirrt als dass es sie aufklärt, sondern:

Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel ist unmöglich

En Detail: Für die avisierte Einteilung in ein Punktesystem fehlt jegliche wissenschaftliche Grundlage. Diese Werte basieren nicht auf (Kausal)Evidenz, sondern auf der Freigeistigkeit findiger Forscher, die sie al Gusto eminenzbasiert festgelegt haben. Allerdings gibt es keinen Beleg dafür, dass irgendein roter Punkt tatsächlich eine Gesundheitsgefahr darstellt. Die Einteilung ist also absolut willkürlich. Außerdem haben die Punkte die gleiche Farbe wie eine Ampel, und damit ist klar, dass der Mensch sie intuitiv mit dem Ampelsystem verbindet. Grün ist toll, da habe ich freie Fahrt. Bei Rot verliere ich den Führerschein, das ist gefährlich und böse. Das nutritive Ampelsystem suggeriert etwas Ähnliches, dabei ist das alles nur Fantasie. Es gaukelt den Menschen vor, es gebe eine Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel. Im Grunde konterkariert man das eigene System, denn die 7 großen ernährungswissenschaftlichen Fachverbände konstatieren klar und unisono: Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel ist weder wissenschaftlich vertretbar noch empfehlenswert. Diese strikte Kategorisierung ist Nonsens.

Der Nutri-Score führt dazu, dass Verbraucher für weniger Lebensmittelqualität mehr Geld bezahlen

Die Industrie wird sich hüten, Produkte mit vielen roten Punkten auf den Markt zu bringen. Um gelbe und grüne Punkte zu bekommen, wird man wichtige, hochwertige Nährstoffe aus den Rezepturen entfernen, zum Beispiel Fett, Zucker und Salz, und dafür mit Füllstoffen arbeiten, die das Produkt so aussehen lassen wie vorher. Geschmacklich werden die nutrigescorten Neolebensmittel schwach und vom Nährwert her nicht mehr so hochwertig sein wie vorher. Kurzum: Der Nutri-Score führt dazu, dass der Verbraucher für weniger Lebensmittel(qualität) mehr Geld bezahlen wird. Die Produkte werden ausgehöhlt, um in den gesundheitlich besten Bereich zu kommen. Verbraucher müssen davon mehr kaufen, damit sie satt werden. Eine Pizza, die vorher 900 Kalorien hatte, wird nur noch mit beispielsweise 600 Kalorien produziert. Vielleicht kaufen hungrige Verbraucher dann zwei davon oder essen noch etwas anderes dazu, denn erst dann sind sie satt. All diese Punkte sprechen absolut gegen den Nutri-Score. Aber die Industrie wird sich freuen. Ausnahmsweise mal wird man hinter verschlossenen Türen den Spendendrüsendrückern foodwatch & Co. dankbar sein für ihren ideologischen Übereifer, der selbst Bundesministerin Julia Klöckner hat einknicken lassen.

Kollateralschaden der Ampelkennzeichnung: Neue Essstörung

Last but not least: Der Nutri-Score wird ernährungssensiblen und gesundheitshörigen Verbrauchern Angst machen. Es wird mit Sicherheit jede Menge Menschen geben, die nichts kaufen, das rote Punkte hat – einfach aus Furcht davor, sich „ungesunde“ Lebensmittel einzuverleiben. Der Nutri-Score wird also zu einer neuer Form der Essstörung führen: Diese Scorektiker sind das Ergebnis, wenn moderate Orthorektiker „ontop“ eine ausgeprägte Rotpunktaversion entwickeln.

In diesem Sinne ist für Österreich nur zu hoffen, dass die Nutri-Nötigung nicht über die Alpen schwappt und ihre Lebensmittel weiterhin „frei von“ bleiben – frei von frei erfundenen Ampelpunkten ohne jeglichen Nutzen für die Menschheit.

Ad personam
Uwe Knop ist Diplom-Ökotrophologe und Buchautor (u. a. „Dein Körpernavigator“). Seit mehr als zehn Jahren bildet die objektive, ideologiefreie und kritische Analyse Tausender aktueller Ernährungsstudien den Kern seiner Arbeit. Sein essenzielles Anliegen ist ihm dabei sowohl die Vermittlung der massiven Aussageschwäche und systemimmanenten Limitierungen der Ernährungsforschung, die nur Korrelationen, aber keine Kausalitäten liefert, als auch die Offenlegung der Mechanismen ernährungslobbyistischer Verbrauchermanipulation

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