Gastkommentar Uwe Knop: Vollkornbrot für Afgh...
 
Gastkommentar Uwe Knop

Vollkornbrot für Afghanistan!

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Inzwischen sollte klar sein: Korrelationen sind keine Kausalitäten. Das hindert die ernährungsapostolischen Missionierer jedoch nicht, ihre ideologische Desinformation unters Volk zu bringen. Ein aktuelles Paradebeispiel verdeutlicht wie „der Hase läuft“ - sicher erinnern auch Sie sich an Headlines wie … „Jeder fünfte Todesfall geht auf falsche Ernährung zurück“, „Ungesunde Ernährung tötet mehr Menschen als Tabak“, „Elf Millionen Menschen sterben jährlich an ungesunder Ernährung“ – so und in weiteren kreativen „Todesfacetten“ kolportierten zahlreiche Medien die - frei erfundene -Kausalevidenz. Der Anlass, dass fast alle Online- und Printredaktionen bei dieser kollektiven Desinformationskampagne mitgespielt haben war eine Übersichtsarbeit primär basierend auf – wie sollte es anders sein – schwachen Beobachtungsstudien, publiziert im hoch angesehen Medizinjournal Lancet und bezahlt von der Bill & Melinda Gates Foundation.

Backe backe Korrelatiönchen, die PR hat gerufen
Was haben die Forscher gemacht? Die Studienautoren erhoben die Essgewohnheiten in 195 Ländern. Dann wurden die von den Probanden – vermeintlich, man weiß es ja nicht wirklich, ob die Angaben stimmen - verzehrten Lebensmittel willkürlich in 15 Gruppen „gesund“ und „ungesund“ eingeteilt (warum das nicht möglich ist, wissen Sie als Leser dieser Kolumne inzwischen – bei noch immer währenden Zweifeln sei Ihnen mein neues Buch Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten empfohlen). Anschließend berechneten die Korrelationskreateure noch al gusto ihre eminenzbasierten (ergo frei erfundenen) „optimalen Verzehrmengen“ der guten und bösen Speisen. Last but not least kamen die Statistikzauberer zum Zug und korrelierten die Kategorien mit den Todesfällen. Heraus kam: In Afghanistan, Usbekistan und auf den Marshallinseln sterben die meisten Menschen weltweit an ungesunder Ernährung, konkret an „zu wenig Vollkorn, zu wenig Nüssen und Obst oder zu viel Salz“! Doch das ist, Sie ahnen es: Eine Farce.

Sterben Usbeken an Nussmangel?
Als würden im seit Jahrzehnten bürgerkriegsgeschüttelten Afghanistan die Menschen an zu wenig Vollkorn oder die Usbeken an Nussmangel frühzeitig das Zeitliche segnen – das grenzt schon an bitterzynische Realsatire. Dabei räumen selbst die Autoren die zahlreichen Limitierungen ihres eigenen Bullshit-Papers ein: Es liegt keine Kausalevidenz vor, die Daten basieren fast nur Beobachtungsstudien, es gibt zu viele Confounder (nicht berechenbare Störfaktoren) und eine hohe Publikationsbias (statistisch verzerrte Datenlage). „Mit den hauptsächlich verwendeten Beobachtungsstudien können wir keine Ursachen feststellen, sondern nur Zusammenhänge“, offenbarte auch einer der deutschen Mitautoren, Dr. Toni Meier, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (WAZ).

Nichts Genaues weiß man nicht
Damit sollte eigentlich alles klar sein, denn was hier mal wieder geliefert wurde, das war „Glaskugellesen delüx“ ganz im Geiste des ökotrophologischen Universalcredos: Nichts Genaues weiß man nicht. Die Studie hätte man sich – wie 90 Prozent aller Ernährungsbeobachtungsstudien – auch sparen können. Stattdessen wären Melinda und Bill besser beraten gewesen, das Geld für hungernde Menschen zu spenden – denn mit echtem Essen lässt sich mehr erreichen als mit dem zehnmillionsten überflüssigen Korrelationspaper. Muss zu dieser Desinformationskampagne noch mehr gesagt werden? Vielleicht noch: Den Export von Vollkornbrot nach Afghanistan können wir uns sparen.

Ad personam
Uwe Knop ist Diplom-Ökotrophologe und Buchautor (u. a. „Dein Körpernavigator“). 0Seit mehr als zehn Jahren bildet die objektive, ideologiefreie und kritische Analyse Tausender aktueller Ernährungsstudien den Kern seiner Arbeit. Sein essenzielles Anliegen ist ihm dabei sowohl die Vermittlung der massiven Aussageschwäche und systemimmanenten Limitierungen der Ernährungsforschung, die nur Korrelationen, aber keine Kausalitäten liefert, als auch die Offenlegung der Mechanismen ernährungslobbyistischer Verbrauchermanipulation.

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