Coverstory/Lebensmittelkennzeichnung: Konsume...
 
Coverstory/Lebensmittelkennzeichnung

Konsumentenschützer fordern: Essen nach Farben

-
® Fotolia.com
® Fotolia.com

Ginge es nach den Verbraucherschützern, allen voran Foodwatch, würden wir alsbald unsere Lebensmittel via Ampelkennzeichnung selektieren. Das Gros der europäischen Hersteller präferiert jedoch den GDA-Nährwertkompass, so auch das Forum Ernährung heute mit seiner Aktion „Österreich isst informiert“.

Das Thema Lebensmittelkennzeichnung, jahrelang von der Industrie erfolgreich ignoriert, ist mittlerweile zur unumgänglichen Selbstverständlichkeit avanciert. Allerdings scheiden sich beim Wie die Geister der Ernährungsphysiologen genauso wie jene der Marketingstrategen. Da gibt es auf der einen Seite den im Rahmen des Eurodiet-Projekts entwickelten GDA-Nährwertkompass, mittlerweile das europaweit am stärksten verbreitete Kennzeichnungssystem, und auf der anderen Seite das in Großbritannien bereits 2006 eingeführte Ampelsystem, welches nun drauf und dran ist, auch am europäischen Festland Fuß zu fassen und zumindest für heiße Diskussionen zu sorgen. Denn immerhin hat sich mit Frosta der erste Hersteller von Lebensmitteln offiziell zur Ampelregelung bekannt und wird sie ab August auf seinen Fertiggerichten verwenden.

GDA – Guideline Daily Amounts



Wie der englische Name schon sagt, geht es bei den GDA-Richtlinien um Richtwerte für die Tageszufuhr, wie sie von der Europäischen Kommission im Rahmen des Eurodiet-Projekts festgelegt wurden. Ausgehend vom Energiebedarf einer gesunden, normalgewichtigen Frau – 2.000 kcal pro Tag – legte man die Grenzen von Zucker mit 90 Gramm, von Fett mit 70 Gramm, von gesättigten Fettsäuren mit 20 Gramm und bei Salz/Natrium  mit 2,4 Gramm fest. Angegeben wird jeweils die in einer Portion enthaltene Menge und der damit aufgenommene Prozent-anteil an der empfohlenen Tageszufuhr von Energie bzw. den einzelnen Nährstoffen. Wobei die Angabe pro Portion das Umrechnen von 100-Gramm- respektive 100-ml-Werten ersparen und somit praxistauglicher sein soll.

Ganz wichtig ist jedoch die Zusatzinformation, dass die GDA-Werte definitiv keine Sollvorgaben darstellen, sondern eine reine Orientierungshilfe für sämtliche Verbrauchergruppen, da ja bekanntlich der individuelle Nährstoffbedarf von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Körpergewicht und körperlicher Aktivität abhängt.

Die Ampelkennzeichnung



Sie wurde von der britischen Lebensmittelbehörde Food Standards Agency (FSA) entwickelt und ist in Großbritannien seit März 2006 im Einsatz. Das sogenannte „Multiple Traffic Light“ bewertet ebenfalls jedes Lebensmittel hinsichtlich seines Energie-, Fett-, Zucker- und Salzgehalts sowie seines Gehalts an gesättigten Fettsäuren. Allerdings reichen den FSA-Verantwortlichen dabei nicht die Angaben in Zahlen, sie möchten den Verbraucher quasi mit einem Farbleitsystem auf einem Blick informieren, ob ein Wert Grenzen übersteigt (rot), die Wert mittel sind (gelb) oder niedrig (grün). Wobei die Grenzwerte für die Ampelfarbe Rot bei Zucker jenseits der 12,5 Gramm, bei Fett jenseits der 20 Gramm, bei gesättigten Fettsäuren jenseits der 6 Gramm und bei Salz/Natrium jenseits der 1,5 Gramm liegen, aber – wie vorhin bereits erwähnt – nicht auf die Portion bezogen, sondern auf 100 Gramm.
Sollten nun Inhaltsstoffe mit einer roten Ampel gekennzeichnet sein, empfiehlt die FSA, die Finger davon zu lassen respektive diese Produkte nur selten und in kleineren Mengen zu sich zu nehmen.

Verwirrende Zuckergrenzen



Was den GDA-Richtlinien seitens der Verbraucherschützer am häufigsten vorgeworfen wird, ist der hohe erlaubte Zuckeranteil. Der Grund dafür ist, dass die in den jeweiligen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse (Fruchtzucker) und Milchprodukten (Milchzucker) natürlich vorkommenden Zuckermengen zu den 50 Gramm der empfohlenen maximalen Tagesmenge an zugesetztem Zucker addiert wird.

Details am Rande: Aufgrund des Drucks der Industrie haben in Großbritannien bei der dortigen Ampelregelung nur die zugesetzten Zuckerwerte Einfluss auf die Ampelfarbe. Und: Genau dieser Grenzwert für Zucker wurde bereits des Öfteren nach unten revidiert, da es primär bei als gesund deklarierten Frühstückscerealien immens hohe Zuckerwerte gab und gibt.

Brüssel will noch heuer entscheiden



Die Europäische Union möchte sich angeblich noch im Laufe des heurigen Jahres auf ein einheitliches System einigen, in vielen Ländern sind die Entscheidungen jedoch bereits gefallen respektive die Weichen dafür gestellt. Laut Forum Ernährung heute ist der GDA-Nährwertkompass bereits in 27 europäischen Ländern Standard, auch Österreich hat sich – zumindest industrieseitig – dafür entschieden und die Plattform „Österreich isst informiert“ gegründet. Mit dabei: Mars, Nestlé, Unilever, Coca-Cola und Kraft Foods. Auf deren Produkten sind die GDA-Richtlinien wie folgt umgesetzt: Auf der Vorderseite einer Lebensmittelverpackung ist klar zu sehen, wie viele Kalorien eine Portion aufweist und welchen Anteil diese Portion gleichzeitig am täglichen Energiebedarf hat. Dem gleichen Prinzip folgend wird auf der Rückseite der Verpackung der absolute Gehalt und der prozentuale Anteil an Zucker & Co ausgewiesen. In Kombination mit dem Energiegehalt findet man dann dort – in Form von „Fingerprints“ – insgesamt fünf Werte, die sich auf jeweils eine Portion beziehen. Zusätzlich werden dann noch in einer Tabelle sämtliche Nährstoffgehalte pro 100 g bzw. ml angegeben.

Frosta als Ampel-Vorreiter



Mag. Marlies Gruber vom Forum Ernährung heute über den ganz bewussten Verzicht auf das Ampelfarbenspiel: „Kein Produkt kann isoliert bewertet werden, sondern nur im Kontext der gesamten Ernährungsweise. Daher verzichtet die Lebensmittelindustrie auf eine Wertung in den Farben Rot-Gelb-Grün. Sie entspräche einer Einteilung in gute und schlechte Lebensmittel.“

All das bedenkend wird der deutsche Tiefkühlanbieter Frosta wird freiwillig ab August dieses Jahres die Nährwert-Ampel einführen, und zwar auf vorerst vier Tiefkühlgerichten – Bami Goreng, Wok Mango Curry, Hähnchen Geschnetzeltes und Wildlachs in Butter-Blätterteig. Mit diesem freiwilligen Schritt möchte Frosta den Wünschen der Verbraucher nach einer einfacheren Kennzeichnung des Gehalts an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz in Gramm pro 100 Gramm entsprechen.

„Umfragen von Foodwatch und die Erfahrung der Verbraucherzentralen zeigen, dass sich die Verbraucher die Ampelkennzeichnung wünschen. Wir haben als Hersteller kein Problem damit, diesem Wunsch zu entsprechen und die Nährwerte auch farblich bewertet auf der Vorderseite unserer Verpackungen abzubilden. Für eine Vergleichbarkeit aller Produkte brauchen wir allerdings eine gesetzlich verpflichtende Regelung für alle Hersteller“, so Frosta-Vorstand Felix Ahlers.

Frosta Österreich-Geschäftsführer Peter Sedmik ergänzend: „Bereits im Jahr 2003 hat Frosta gezeigt, dass die Wünsche der Verbraucher ernst genommen werden. Seitdem verzichtet die Marke Frosta konsequent auf den Zusatz von Geschmacksverstärkern, Aromen, Farbstoffen, Emulgatoren, Stabilisatoren, chemisch modifizierten Stärken und gehärteten Fetten. Außerdem werden alle Zutaten zu 100 Prozent auf der Verpackung deklariert. Mit diesem für Fertiggerichte einmaligen Ansatz hat Frosta gute Erfahrung gemacht.

Das meint der Handel



Die Rewe International AG ist bereits im Februar dieses Jahres auf den GDA-Zug aufgesprungen und bestückt seitdem sämtliche Verpackungen ihrer Eigenmarken Ja! Natürlich, Chef Menü, Quality First und Clever mit den Infos der Guideline Daily Amounts. Zusätzlich werden aber auch die sogenannten „Big 8“ angegeben, also neben dem Brennwert, Fett, Zucker, gesättigten Fettsäuren und Salz/Natrium noch Eiweiß, Kohlenhydrate und Ballaststoffe. Mag. Martina Hörmer, Geschäftsführerin der Rewe-Eigenmarken: „Im Gegensatz zu herkömmlichen Nährwerttabellen bieten die GDA-Angaben erstmals einfache, verständliche und wissenschaftlich fundierte Ernährungsleitlinien

direkt auf der Verpackung.“

Die Spar erteilt sämtlichen Ampeltendenzen sogar eine definitive Abfuhr. Konzernsprecherin Mag. Nicole Berkmann: „Wir halten die Ampelregelung für Blödsinn, um es mal auf den Punkt zu bringen, weil sie bestimmte Produkte diskriminiert und letztendlich den Zweck, die Menschen zu einer in Summe besseren Ernährungsweise zu bewegen, nicht erfüllt.“

So teilt man bei der Spar inhaltlich ebenfalls das GDA-Konzept und geht auch bei der Nährwert-Kennzeichnung weit darüber hinaus. Berkmann:  „GDA gibt ja nur 5 Werte an, wir geben immer die Big 8 plus die Broteinheiten an. Bei Spar Vital werden zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe angegeben. Auf der Verpackung bedeutet dies, dass sowohl die Big 8 in Form einer Tabelle als auch die Fingerprints zu sehen sind. Und bei Spar Vital gibt es zusätzlich noch eine andere grafische Darstellung: den sogenannten „Ernährungskreis“. Diese andere Umsetzung kommt dadurch zustande, dass wir eine Nährwertkennzeichnung bereits bei Einführung der Marke im Oktober 2007 durchgeführt haben und da gab es das GDA-Konzept der Industrie noch nicht. Und jetzt ist dieser Ernähungskreis auf den Spar Vital-Produkten bereits so gut eingeführt, dass es keinen Sinn mehr macht, diesen zu ändern.“

Offen für alles ist man hingegen bei Zielpunkt. Marketingleiterin Mag. Jeanne Ligthart: „Verbrau-cherinformation und -aufklärung ist uns bei Zielpunkt ein sehr wichtiges Anliegen. Daher begrüßen wir selbstverständlich auch jede gesetzgeberische Initiative, die eine Verbesserung der Konsumenteninformation bringt – ob nun auf europäischer oder auf nationalstaatlicher Ebene. Ohne die in Diskussion stehenden Modelle im Detail bewerten zu wollen – europaweit einheitliche Standards für die Lebensmittelkennzeichnung bzw. für Nährwertangaben halten wir im Interesse der Verbraucher für absolut sinnvoll.  Im Sinne der Vergleichbarkeit von Lebensmitteln unterschiedlicher nationaler Herkunft wäre dies mit Sicherheit ein Fortschritt auch für die österreichischen Konsumenten.“

Martina Hörmer, Rewe: „Unsere Eigenmarken sind nach GDA-Richtlinien gekennzeichnet.“ ® Rewe International AG
-
Martina Hörmer, Rewe: „Unsere Eigenmarken sind nach GDA-Richtlinien gekennzeichnet.“ ® Rewe International AG


Nicole Berkmann, Spar: „Wir deklarieren die Big 8 und darüber hinaus.“ ® Spar
-
Nicole Berkmann, Spar: „Wir deklarieren die Big 8 und darüber hinaus.“ ® Spar


Jeanne Ligthart, Zielpunkt: „Wichtig ist, dass die Werte vergleichbar sind.“ ®Franco Garzarolli
-
Jeanne Ligthart, Zielpunkt: „Wichtig ist, dass die Werte vergleichbar sind.“ ®Franco Garzarolli


Führt ab August die Nährwert-Ampel für vier Frosta-Produkte ein: Felix Ahlers ® Frosta
-
Führt ab August die Nährwert-Ampel für vier Frosta-Produkte ein: Felix Ahlers ® Frosta


Bereits umgesetzte GDA-Richtlinien beim Ja! Natürlich Heidelbeer-Fruchtjoghurt ® Rewe International AG
-
Bereits umgesetzte GDA-Richtlinien beim Ja! Natürlich Heidelbeer-Fruchtjoghurt ® Rewe International AG
stats