Lehrlingsspecial: Lehrlingsgeneration Corona?
 
Lehrlingsspecial

Lehrlingsgeneration Corona?

Karin & Uwe Annas – stock.adobe.com

Verschobener Termin, virtuelles Format, aber den Blick fest in die Zukunft ­gerichtet: Das Lehrlingsforum 2020 zeigte sich durchaus optimistisch und ­versammelte in bewährter Weise eine Reihe von hochkarätigen Experten ­hinter dem Bildschirm.

Neben der Vielzahl kurz- und mittelfristiger Probleme, die das Virus uns beschert hat, besteht auch die Gefahr, dass eine ganze Generation Jugendlicher nachhaltig aus der beruflichen Spur geworfen wird. Nicht nur den Schülern und Studenten erschwert die Pandemie ihr Weiterkommen, auch die Lehrlinge sehen sich mit Hürden konfrontiert. Im Frühjahr konnten die Lehrabschlussprüfungen nur unter Schwierigkeiten stattfinden und gleichzeitig war es für die Jugendlichen mitunter herausfordernd, sich einen umfassenden Überblick über das Lehrstellenangebot zu machen und für den passenden Ausbildungsplatz zu bewerben. Angesichts einer schwächelnden Wirtschaft setzten sogar einige Unternehmen ihre Lehrlingsprogramme aus.

Zukunftsmodell Lehre

Das Team des Fortbildungsanbieters Business Circle richtete Ende November zum bereits siebten Mal das Lehrlingsforum aus und bot trotz widriger Umstände ein breitgefächertes Programm zum aktuellen Stand der heimischen Lehrlingsausbildung. Realistisch betrachtet sieht es derzeit wenig rosig aus: Insgesamt sank die Zahl der Lehrlinge im vergangenen Jahr zwar nur um 0,6 Prozent, bei Lehrlingen im ersten Lehrjahr ist allerdings ein Minus von 5,6 Prozent zu verzeichnen. Etwas abgemildert wurde diese negative Entwicklung durch die überbetriebliche Lehre, wo um ein Fünftel mehr junge Leute andocken konnten. Ohne diese Alternative hätte man einen Rückgang um 8,2 Prozent erlebt.

Das Lehrlingsforum des Business Forums fand diesmal virtuell statt
Das Lehrlingsforum des Business Forums fand diesmal virtuell statt

Bei einem waren sich die Experten beim Forum einig: Die Lehre hat Probleme, die sich im Brennglas von Corona verstärkt haben. Sie ist aber auch ein absolutes Zukunftsmodell – sofern man bereit ist, sie weiterzuentwickeln. So fordert zukunft.lehre.österreich, die größte unabhängige und überparteiliche heimische Lehrlingsinitiative, der Lehre wieder den Stellenwert zu geben, den sie verdient. Angesichts der coronabedingten Verwerfungen stellt sich aber auch die Frage, ob man mit einer "Generation AMS" rechnen müsse und man alle Jugendlichen mitnehmen könne. Hier muss man auf mehr Diversität und Chancengleichheit setzen und die Kommunikation zwischen Schulen, Standesvertretungen und Unternehmen fördern.

In ihrer Begrüßung betonte auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck die große Bedeutung der dualen Ausbildung: "Die Krise wird vorübergehen, der Wirtschaft wird es wieder besser gehen. Und dafür brauchen wir Fachkräfte!" Entsprechend wolle man neue Lehrberufe einführen, etwa in der Fertigung und verstärkt auf Digitalisierung setzen.

Finden, halten, fördern

In dieselbe Kerbe schlug Eröffnungsredner Stephan Jansen. Der deutsche Wirtschaftswissenschafter sieht in der Digitalisierung auch die Chance, in der Bildung einen Paradigmenwechsel von der reinen Wissensvermittlung zu einer "Anleitung zur Neugier" zu schaffen. Auch die Lehre sollte nicht nur ausbilden, sondern die jungen Menschen zur Selbstständigkeit befähigen. Die Lehre leide unter Problemen wie dem Image, der Demografie, dem Mismatching und eben der Bildung. Corona und die Konjunkturerwartungen würden diese noch verschärfen. So würden Handel, Handwerk, Tourismus und auch Industrie abbauen. Schätzungen gehen von einem Rückgang von 10.000 Stellen oder neun Prozent aus. Das Gegenmittel sei allein lebenslange Weiterbildung.

Zuallererst muss man aber Jugendliche für die Lehre zu gewinnen. In den vergangenen Jahren hatte man es zwar im Lehrlingsbereich in vielen Branchen mit einem Arbeitnehmermarkt zu tun, mittlerweile schwingt das Pendel aufgrund der Stellenverknappung jedoch zurück. Dennoch  sind Unternehmen gut beraten, junge Leute aktiv anzusprechen – was oft daran scheitert, dass man sie gar nicht erst erreicht. Der Digital-Recruitment-Stratege Davorin Barudzija zeigte in seinem Vortrag auf, was es für "Weltklasse-Anzeigen" in sozialen Medien braucht. Als erstes müssten HR-Verantwortliche lernen, dass diese ganz anders funktionieren als im klassischen Recruitment: "Die Zielgruppe liest viel weniger." Daher seien Fotos, Videos und Visuals zentral: "Emojis steigern die Interaktion mit der Anzeige um 20 Prozent", so Barudzija. Authentizität, Interaktion – etwa ein Call for Action – und Storytelling seien die wichtigsten Zutaten.
„Die Krise wird vorübergehen, der Wirtschaft wird es wieder besser gehen. Und dafür brauchen wir Fachkräfte!“
Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck

Auch Konstantin Mitgutsch von Playful Solutions betonte die Wichtigkeit von Interaktivität und der neuen Mediennutzung der Jugendlichen. Ein wichtiger Ansatz in der Ausbildung seien daher Games und spielerische Erfahrungen.

So kann es gehen

Wie erfolgreiche Lehrausbildung funktionieren kann und was dazu notwendig ist, zeigten eine Reihe von Organisationen und Unternehmen: Christian Mayer von Business Upper Austria gab einen Überblick über die Situation in Oberösterreich, dem stärksten Lehrlingsbundesland, und stellte regionale Initiativen vor. Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, sprach über Chancen einer Lehre in der Industrie. Doris Palz von Great Place to Work betonte, dass Jugendliche mit ihrem frischen Blick ein großer Gewinn für Unternehmen sein können.  Johann Sturm und Dagmar Zwazl von der Bundesinitiative Lehre statt Leere präsentierten in ihrem Vortrag das Coachingprogramm für Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe und zeigten Strategien auf, wie man zwischenmenschliche Baustellen aufräumen kann.

Ein Vorzeigemodell ist das Programm der Brau Union Österreich. Lehrlingskoordinatorin Sabina Schatzl-Huemer skizzierte die "10 Facetten der Lehrausbildung", die vom Recruiting über die Aus- und Weiterbildung bis hin zu Inspiration und dem Feiern des Erreichten gehen. Die Brau Union Österreich hat zudem ein eigenes Onboarding-Programm entwickelt, um den jungen Leuten den ersten Tag zu erleichtern.

Ein weiteres Best-Practice-Beispiel kam von Lidl Österreich. Barbara Hargassner stellte die Aktion "Lehrlinge on Tour" vor. Unter dem Motto "4 Filialen, 6 Tage, 100% Verantwortung" erhalten Lidl-Lehrlinge das alleinige Kommando über vier Filialen und dürfen eine Woche lang zeigen, was sie können. Eine Initiative, die eines der Mädchen mit "geil, dass wir so viel Vertrauen bekommen" kommentierte. "Lidl ist zwar ein internationales Unternehmen, die Lehrlingsausbildung in Österreich ist aber etwas Besonderes," erklärte Personalentwicklerin Hargassner. Hierzulande gibt es in jeder zweiten Filiale einen Lehrling und auch im Logistikzentrum in Wundschuh bei Graz wird seit Kurzem ausgebildet. Insgesamt sind 110 Einzelhandelskaufmann-, 14 Bürokaufmann-, drei Rechnungswesenassistenz-,  zwei IT- und ein Betriebslogistikkaufmannlehrling im Unternehmen. Das Recruiting erfolgt unter anderem über das Mitarbeiterempfehlungsprogramm "Gustav", aber auch durch persönlichen Kontakt: "Unsere Lehrlinge bewerben sich häufig auf Rat von Familie oder Bekannten bei uns." Diesen wird ein umfassendes Ausbildungspaket mit einer Reihe von Zuckerln geboten, etwa Englischkurse, Führerscheinprämien, Ersthelferausbildung oder eine Lehrabschlussreise.

Den Abschluss der Veranstaltung bestritt Ex-Neos-Chef Matthias Strolz, der den ganzheitlichen Wert der Lehre hervorstrich und dass diese "Flügel heben" und Selbstvertrauen stärken könne. Und er appellierte an die Lehrlinge: "Sei Pilot in deinem Leben."
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