MMM-Fachtagung: Nähe ist jetzt das Herzass de...
 
MMM-Fachtagung

Nähe ist jetzt das Herzass des Handels

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Die MMM-Fachtagung bot wieder einen Querschnitt durch die neuesten Trends im Handel. Hybridisierung war dabei genau so Thema wie ökologische und soziale Nachhaltigkeit und eine Rückbesinnung auf frühere Standards. Nähe in all seinen Facetten ist aber momentan Key.

Nach zwei Jahren als digitale Vortragsreihe fand die MMM-Fachtagung am 9. Juni 2022 wieder als Präsenzveranstaltung statt. Eine Tatsache, über die sich Georg Wailand, Präsident des MMM-Club Österreich und Herausgeber des Gewinns, sichtlich freute, als er die Teilnehmer im Arcotel Wimberger begrüßte, sprach aber auch die turbulenten Zeiten, in denen wir uns derzeit befinden.

Das Thema griff anschließend auch Finanzminister Magnus Brunner in einem aufgezeichneten Videobeitrag auf und zeichnete den Spagat zwischen Budgetplanung, Steuerreformen und Krise. Putin zwinge uns zum Handeln, Sanktionen müssen wir aber wirtschaftlich und sozial aushalten können. Das sei ein Balanceakt. Um die Auswirkungen der Krise(n) abzufedern hat die Regierung zwei Pakete geschnürt und möchte mit Steuerreformen dagegen steuern. Man muss die Maßnahmen aber genau abwägen, "viel was gefordert wird, ist kontraproduktiv und inflationstreibend", sagt er. Deshalb plädiert er für ein Miteinander und dafür, einen kühlen Kopf zu bewahren und eine ruhige Hand zu haben.

Unterm Strich zeigt sich Brunner optimistisch, das Auditorium blickt, einer anschließenden Abstimmung zufolge, eher negativ in das zweite Halbjahr.

Energiepreise treiben, nicht die Lebensmittel

Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Austria, setzte den Wert ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt seines Vortrages. Die aktuelle Preisthematik wird zu Unrecht auf dem Rücken der Lebensmittel ausgetragen, denn es seien "die Energiepreise, die treiben, nicht die Lebensmittel". Im Gegenteil darf man Lebensmittel nicht in die Kategorie "möglichst billig" schieben. In der Pandemie hat man aber gesehen, dass Nachhaltigkeit wieder an Fahrt aufgenommen hat und Menschen forcierter Lebensmittel gekauft haben. Das müsse man mit positiver Verstärkung weiter vorantreiben, anstatt mit dem erhobenen Zeigefinger zu maßregeln. Es geht nicht darum zu sagen, wie schlimm etwas ist, sondern Lösungen aufzuzeigen. Positive Worte findet er auch für das Lieferkettengesetz. "Unternehmen müssen sich bemühen, dass es besser läuft", sagt er. Eine polarisierende Aussage, die im Anschluss eine hitzige Diskussion auslöste.

Wir brauchen eine hybride Customer Journey

Thosten Schmitz, Geschäftsführer von Intersport Österreich, wirft das Kunstwort Hybridisierung in den Ring, welches Digitalisierung ablöst. Die Zeiten haben sich geändert. Der Umsatz wird mittlerweile im Multichannel gemacht, wodurch Kunden bessere, integrierte Angebote erwarten. "Vergesst den Kanal, denkt an den Kunden", appelliert er. Hybridisierung bedeute, den Konsumenten emotional in allen Kanälen convenient abzuholen.

Nachhaltigkeit und Innovation gehören zusammen

Was die aktuellen Trends im Handel sind, beleuchtete Markus Kuntke, Leiter Trend- und Innovationsmanagement. "Erwartungen zu definieren ist immer ein bisschen wie Kaffeesatz lesen", meint er. Die Bevölkerung ändert sich ständig, jede Generation hat seine eigenen Anforderungen. "Früher war es wichtig, dass eine Marke ein besonderes Image hat. Heute geht es um moralische Standards, um Nachhaltigkeit", führt er aus. Manchmal ist eine Innovation ein Rückbesinnen auf frühere Standards, wie beim aktuellen Thema Tierwohl oder eine Reaktion auf veränderte Ernährungsgewohnheiten. Aktuell geht es um Lieferservices und um unbemannte Stores, gleichzeitig wird Beratung wieder wichtiger. Eines ist für ihn aber klar: Nachhaltigkeit und Innovation gehören zusammen.

Konzepte im Fokus

Passend zu den Trends stellte Roman Harrer das Self-Service-Retail Konzept "Der Automat" vor. Anders als beim bekannten vollautomatischen Warenverkauf soll hier der Einzelhandel auf kleiner Fläche, rund um die Uhr abgewickelt werden. Dadurch soll In-Person-Shopping mit dem Online-Shopping in einer Verkaufs- und Servicelösung verschmolzen werden. Gerald Grüll von Immofinanz präsentiert die Einzelhandelsmarke Stop Shop, die als regionales Fachmarktzentrum in CEE konzipiert ist und ein breites Warenangebot mit attraktivem Preis-Leistungs-Verhältnis bietet.

Nähe ist das "new sexy"

Christoph Teller und Ernst Gittenberger von der JKU Linz analysierten in gewohnt lockerer Manier die aktuellen Entwicklungen im Handel und attestieren unter anderem: "Nähe ist the new sexy" - betonen aber gleichzeitig "sag niemals Regionalität dazu". Vielmehr geht es um eine physische und soziale Nähe. 47 Prozent haben während der Lockdowns das Einkaufen in Geschäften vermisst. Auch den junge Menschen, was aber mehr mit der sozialen Distanz zu tun hatte. "In der Schlange vor dem blauen Möbelhändler zu stehen, hatte fast Eventcharakter", unterstreichen sie die Aussage mit einem Schmunzeln. Unbemannte Stores schaffen dort Nähe, wo es keinen Nahversorger gibt und auch Technologien können Nähe ermöglichen. Von einer Person bedient zu werden, hat aber fast Premiumcharakter.

Exkurs: Hausdurchsuchung

Einen besonderen Programmpunkt stellten die Vorträge von Martin Schwarzbartl von der Compliance Manufaktur und Jurist Andreas Pollak dar. Sie thematisierten Hausdurchsuchungen und was es dabei zu beachten gilt. Außerdem gab es Einblicke in die Denkweise von Ermittlungsbeamten.
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