Goldegg Verlag / Rezension: ‚Nicht unglücklic...
 
Goldegg Verlag / Rezension

‚Nicht unglücklich‘ ist nicht ‚glücklich‘

Goldegg Verlag
Axel Ebert und Christoph Wirl, „Bullshit Busters“ © Goldegg Verlag
Axel Ebert und Christoph Wirl, „Bullshit Busters“ © Goldegg Verlag

Das neue Buch „Bullshit Busters“, das sich „Irrtümern und Mythen aus Vorträgen, TV und Büchern“ widmet, ist in Zeiten von „fake news“ ein lesenswertes Werk für mündige Menschen.

Weihnachten steht vor der Tür, und da liegt es nahe, Bücher zu schenken. Ein geeignetes Geschenk ist das hier vorzustellende, sehr empfehlenswerte Buch von Axel Ebert und Christoph Wirl „Bullshit Busters“. Die Autoren, sie sind selbst Trainer und Vortragende, nehmen darin all jene Geschichten und Gschichterln unter die Lupe, die in Erwachsenenbildungs-, Motivations- und Unternehmensentwicklungsseminaren, in Verkaufsförderungsvorträgen und Lebenshilfe-TV-Sendungen immer dann erzählt werden, wenn Vortragenden die didaktische Luft ausgeht. Methodischer Spiritus rector des Buches – auf den die Autoren gleich in der Einleitung zu sprechen kommen – ist der US-amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt und sein inzwischen berühmtes Büchlein „Bullshit“, das auf Deutsch bei Suhrkamp verlegt wurde. Das ist insofern wichtig zu erwähnen, weil seit Frankfurt der Begriff „Bullshit“ kein polemisches Wort, sondern ein Fachbegriff geworden ist.

Sind Ameisen willensschwach?

Immer dann, wenn im Buch (und auch hier) von Bullshit die Rede ist, ist es also sachlich gemeint. In zwanzig kurzen und lehrreichen Kapiteln entlarvt das Autorenduo so bekannte Geschichten wie den NASA-Spacepen, die Feuerläufe, die Eskimowörter für Schnee, den phlegmatischen Frosch, die willensschwache Ameise, die Allmacht des positiven Denkens usw. wahlweise als Erfindung, Halbwahrheit, dogmatische Setzung, bewusste Lüge oder – im Fall der Ideologie des ‚Wenn du nur wirklich willst, dann kannst du alles schaffen‘ – als blanken Unsinn. ‚Wahlweise‘ besagt nun eben nicht ‚beliebig‘, sondern verweist auf die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten dieses zu urbanen Legenden gewordenen Bullshits. Prominent vertreten unter diesen Gschichterln sind jene, die bei Positive-Thinking- und bei NLP-Veranstaltungen erzählt werden, weswegen sie auch im Buch immer wieder – und zu Recht – kritisch beäugt werden. Die Autoren gehen dabei methodisch vor.

Die Methode des Buchs

Jedes der zwanzig Kapitel ist viergeteilt: „Was erzählt wird“, „Was daraus geschlossen wird“, „Was dahintersteckt“ und „Was bleibt“. Ein Beispiel für so eine konzise Bullshit-Analyse ist das Kapitel „Nicht wirkt nicht“ (S. 111–119), worin das Dogma der Negationsvermeidung genauer untersucht wird. Dieses Dogma behauptet, dass das menschliche Unterbewusstsein keine Negationen verarbeiten kann. Abgesehen davon, dass sich schlicht kein empirischer Beleg für diese Behauptung finden lässt (es existiert auch keiner), ist bereits das Dogma in sich widersinnig: „Wenn ich keine Negation verarbeiten kann, dann würde ich ja also gerade eine Negation verarbeiten, oder nicht?“, fragen die Autoren gar nicht rhetorisch (S. 112). Recht haben sie, das erwähnte Dogma beruht auf einem oft und gerne vorkommenden Fehlschluss namens ‚performativer Selbstwiderspruch‘ und ist deswegen Bullshit. Psychologisch ausgedrückt: Es ist ein Double-Bind (‚Bitte wasch mich, aber mach mich nicht nass‘). Dieser Bullshit nötigt seinen Adressaten eine Weltsicht auf, die nur zwei Gegenden anerkennt: Ja und Nein – dabei gibt es doch mehr als die beiden Pole. Wer etwa sagt, er sei über etwas nicht unglücklich, sagt damit nicht automatisch, dass er glücklich sei. Das wäre ein unzulässiger Umkehrschluss, mithin: Bullshit. Wer ‚nicht unglücklich‘ ist, meint vielmehr etwas Drittes zwischen Glück und Unglück. Die Autoren resümieren, indem sie feststellen, dass negative Worte und Formulierungen Sprachwerkzeuge sind, die eine sinnvolle Funktion haben, weswegen wir sie für eine wirkungsvolle Kommunikation benötigen (vgl. S. 118).

Tier-Analogien

Besonders unterhaltsam sind jene Kapitel, in denen die Autoren die Tier-Gschichterln und -metaphern untersuchen: Wir Menschen werden von Trainern und solchen, die sich dafür halten, bullshittend gerne mit Affen, Fröschen, Hummeln, Ameisen, Hühnern und Flöhen gleichgesetzt – gerade im Fall der Flöhe eine besonders absurde Metapher (vgl. im Buch S. 153–162; ein sehr erheiterndes Kapitel). An dieser Stelle sollte man bedenken, dass es sich nicht ‚eh nur um Metaphern‘ – also um ein sprachlich-stilistisches Mittel – handelt, sondern um den EINSATZ solcher Metaphern, die Wahrheitsanspruch erheben, weil sie ansonsten nicht wirksam wären. Genau das ist der argumentative Ansatzpunkt von Ebert und Wirl. Wenn man derlei Bullshit näher untersucht, dann stellt sich heraus, dass seine Vertreter und Verbreiter einen erschreckenden Mangel nicht nur an naturwissenschaftlicher und/oder psychologischer Bildung haben, sondern an Bildung überhaupt. Dies festzustellen ist natürlich tragisch, aber Ebert und Wirl haben daraus ein lustiges und lehrreiches Buch gemacht.

Bildung und Manipulation

Das durchaus große Lesevergnügen wird leider durch nicht wenige Tipp- und Beistrichfehler getrübt, es gibt zudem auch sachliche Mängel: Der Suhrkamp-Verlag sitzt nicht in Wien (er ist von Frankfurt nach Berlin übersiedelt), der Uri-Geller-Entlarver heißt Randi und nicht Randy, es fehlt mindestens ein Anführungszeichen samt Fußnote, und der Quellennachweis bei den Tinbergen-Fragen ist auch nicht da. Bei künftigen Auflagen, die man diesem Buch herzlich wünscht, wärs gut, das ausgebessert zu sehen. Und vielleicht kann man auch folgenden Wermutstropfen beseitigen: Was dem Buch, das in seiner Kritik leider viel zu vornehm zurückhaltend ist (die Autoren kritisieren ja die Branche, in der sie selbst tätig sind), abgeht, ist eine kritische und ausführliche Reflexion über die Gründe, WARUM die Menschen sich solchen Bullshit immer noch gefallen lassen. Dann nämlich würde man die Bildungsfrage und vor allem die Macht- und Manipulationsfrage stellen müssen. Denn das haben alle von Axel Ebert und Christoph Wirl vorgeführten Bullshit-Geschichten gemeinsam: Sie sind ausnahmslos auf Manipulation ausgelegt. Wer es nötig hat, als Vortragender oder Trainer mit Manipulationen zu arbeiten, hat seinen Beruf gründlich verfehlt – auch und gerade dann, wenn das Geschäftsmodell es vorsieht, Menschen mit Bullshit zu versorgen. Dies als abschließende Anregung … vielleicht für eine Fortsetzung?

Axel Ebert, Christoph Wirl: Bullshit Busters. Irrtümer und Mythen aus Vorträgen, TV und Büchern, Goldegg Verlag: Wien 2017, Hardcover, 224 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-99060-035-1, ISBN E-Book 978-3-99060-036-8.

Hier eine Ergänzung zur Liste der Skeptiker-Websites, die „Bullshit Busters“ auf Seite 191 gibt.

Ein Glossar besonders beliebter Fehlschlüsse/Bullshitquellen findet man in Daniel-Pascal Zorns „Logik für Demokraten“ (S. 287–303); Rezension siehe hier.

Konrad Paul Liessmanns „Theorie der Unbildung








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