Coverstory/Preisdiskussion: Preisgefälle im L...
 
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Zielpunkt-Marketingleiterin Jeanne Ligthart: „Ein reiner Preisvergleich ohne Qualitätsvergleich ist nicht sachgerecht.“ ® peter.svec@pixXL.at
Zielpunkt-Marketingleiterin Jeanne Ligthart: „Ein reiner Preisvergleich ohne Qualitätsvergleich ist nicht sachgerecht.“ ® peter.svec@pixXL.at

Mit ihren Preisvergleichen treibt die AK die Konsumenten zum Einkaufen ins Ausland. Das gefährdet heimische Betriebe und Arbeitsplätze, klagen die österreichischen Lebensmittelhändler. Stimmt nicht, kontert die AK und fordert ein Ende der Preisdiskriminierung.

Grundlos, sagen die einen. Mit gutem Grund, die anderen. Angesprochen sind die Kostenunterschiede für Güter des täglichen Bedarfs, also für Lebens- und Reinigungsmittel, zwischen Deutschland und Österreich, die die AK im Zuge von Untersuchungen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen immer wieder feststellt. Eine Erhebung, die vom Institut für angewandte Verbraucherforschung (IFAV) Köln im Auftrag der AK-Wien Mitte November 2008 durchgeführt wurde, ergab für einen Warenkorb, bestehend aus 57 Markenartikeln, bei Reinigungs- und Körperpflegemitteln zwischen Salzburg und Freilassing (Deutschland) eine Preisdifferenz von 37 Prozent. Selbst umsatzsteuerbereinigt waren die Preise auf österreichischer Seite zum Zeitpunkt der Erhebung laut AK noch immer um rund 36 Prozent höher als jenseits der Landesgrenze. Geringer ausgeprägt erwies sich das Preisgefälle bei Lebensmitteln. Diese kosteten in Österreich im Durchschnitt um rund 16 Prozent (umsatzsteuerbereinigt 13 Prozent) mehr als in Deutschland. „Ein klarer Fall von Preisdiskriminierung“ wettert die AK.

„Bei solchen Preisvergleichen besteht immer die Gefahr, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden“, kontert Michael Sgiarovello, Leiter der Unternehmenskommunikation Österreich von Henkel CEE, und setzt nach: „Entscheidend ist doch wann und vor allem was wurde verglichen: Geht es um Kurantpreise, Dauertiefpreise oder Aktionspreise?“ „Grundlage für den Vergleich bildeten ausschießlich Artikel, die sowohl in Österreich als auch in Deutschland in identischer Form auf dem Markt sind. Aktionspreise, die an bestimmte Mengenabnahmen oder Vorteilskarten geknüpft waren, wurden dabei nicht berücksichtigt“, beteuert die AK.

Das Drama mit der Rama



 „Trotzdem ist ein reiner Preisvergleich ohne Qualitätsvergleich unserer Ansicht nach nicht sachgerecht“, entgegnet dem Zielpunkt-Marketingleiterin Jeanne Ligthart. Auf Unterschiede in der Produktqualität als ein Faktor neben vielen weiteren wie z.B. Marketing-, Logistik- oder Personalkosten, die auf die Preisgestaltung Einfluss nehmen, verweist auch Spar-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann. „Mein persönliches Lieblingsbeispiel ist das Drama mit der Rama“, schildert sie: „Kaum einer weiß, dass die Rama in Deutschland unter 60 Prozent Fett enthält, in Österreich dagegen über 80 Prozent. Aber auch andere Hersteller erzeugen eigens für Österreich eine eigene Geschmacksnuance oder eine bestimmte Verpackungsgröße. Diese wird dann in geringeren Mengen hergestellt als in Deutschland. Das bedingt zwangsläufig höhere Einstandspreise, zumal das Einkaufsvolumen der österreichischen Händler um den Faktor 10 kleiner ist als das von deutschen Händlern.“ Die unterschiedliche Verpackung macht denn auch Almdudler-Geschäftsführer Gerhard Schilling für Preisunterschiede seiner Kultlimonade in Österreich und Deutschland verantwortlich. „Anders als in Österreich wird Almdudler in Deutschland bislang in sogenannten Mehrwegnormflaschen vertrieben“, erklärt er. Mit der beabsichtigten Umstellung auf ein einheitliches Flaschen-Design für beide Märkte sollten sich seiner Einschätzung nach auch die Preise weiter annähern, „wiewohl wir auf die Preisgestaltung des Handels selbst natürlich keinerlei Einfluss haben“, beeilt sich Schilling anzumerken.

Irgendwer schneidet mit



Wie dem auch sei, „irgendwo schneidet irgendwer mit.“ Die AK-Spitzen sind sichtlich verärgert (s. Interview). Verärgert sind allerdings auch die Händler. „Die Vergleiche der AK kommen einem Aufruf an die Verbraucher gleich, im Nachbarland einzukaufen, d.h. Kaufkraft ins Ausland zu tragen. Damit gefährdet sie österreichische Firmen und Arbeitsplätze“, moniert Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Einen Vorwurf, den die AK naturgemäß bestreitet. Unerwartete Schützenhilfe liefern ihr in diesem Zusammenhang die Daten des Consultingunternehmens CIMA, das in den letzten Jahren beinahe flächendeckend Kaufkraftstromanalysen in Österreich durchgeführt hat.

Wohin fließt die Kaufkraft?



Die Kaufkraftverflechtungen zwischen dem Bundesland Salzburg (s. Grafik I) und den beiden bayerischen Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein fasst Roland Murauer, geschäftsführender Gesellschafter von CIMA Austria, wie folgt zusammen: „Bedingt durch die Nähe zu den großflächigen Angebotsstrukturen des Einzelhandels in und um die Landeshauptstadt verlieren diese beiden Landkreise jährlich rund 100 Mio. Euro Kaufkraft Richtung Salzburg. Umgekehrt fließen aus der Stadt Salzburg sowie den fünf Gauen des Bundeslandes jährlich rund 26 Mio. Euro in den Einzelhandel auf bayerischer Seite. Somit ergibt sich zugunsten des Salzburger Einzelhandels ein Saldo von insgesamt ca. 74 Mio Euro.“  Auch bei der Detailbetrachtung der Kaufkraftverflechtungen in der Warengruppe Lebensmittel schlägt das Pendel zu Gunsten von Salzburg aus. „Pro Jahr fließen aus dem gesamten Bundesland Salzburg rund 9,3 Mio. Euro an Lebensmittelkaufkraft in den oberbayerischen Raum, wobei vor allem der Standort Freilassing mit dem neu angesiedelten Handelshof Globus von diesem Zufluss profitiert“, so Murauer, der weiters bemerkt: „Die bayerischen Konsumenten dagegen kaufen Lebensmittelprodukte im Ausmaß von jährlich rund 25 Mio. Euro in den großflächigen Verbrauchermärkten, den in puncto Ladendesign, Angebotsvielfalt und -güte qualitativ hochwertigen Supermärkten sowie in den Lebensmittelhandwerksbetrieben des Salzburger Zentralraums sowie des Flachgaus ein.“

Selbst das oberösterreichische Innviertel, das in Summe betrachtet mehr Kaufkraft an den niederbayerischen Raum verliert, als es von dort generiert (s. Grafik II), erzielt in der Warengruppe Lebensmittel einen positiven Kaufkraftsaldo im Ausmaß von 6,3 Mio Euro jährlich. „Während nämlich nur die unmittelbar im Grenzraum lebenden KonsumentInnen zum gelegentlichen Einkauf deutsche Discounter und Getränkedepots aufsuchen, ist von bayerischer Seite ein erheblicher Konsumentenstrom in die gut sortierten Lebensmittelbetriebe des Innviertels feststellbar“, resümiert Murauer. Und wer weiß, vielleicht ist für den österreichischen Lebensmittelhandel bei entsprechend sensibler Preispolitik hier ja noch wesentlich mehr zu holen?

KAUFKRAFT-NIVEAU
Deutschland – Österreich

Das Kaufkraftniveau (=verfügbare Einkommen pro Kopf) für Österreich beträgt dzt. etwa 17.570 Euro. Österreich liegt damit auf einem europäischen Spitzenplatz (Rang 8), knapp vor Deutschland mit etwa 17.390 Euro. Das Bundesland Salzburg liegt österreichweit an zweiter Stelle im regionalen Kaufkraftvergleich, mit 104,8 Indexpunkten also rund 5 % über dem Durchschnitt Österreichs (rund 18.413 Euro pro Kopf und Jahr). Die Bayern liegen rund 7 % über dem nationalen Mittel Deutschlands, also bei rund 18.600 Euro. Berücksichtigt man noch das Preisniveau, das in Deutschland wohl eine kleine Spur höher liegt, dann ergibt sich in der Gesamtbetrachtung ein kaum nennenswerter Kaufkraftunterschied in diesen beiden Regionen.

Quelle: RegioData Research GmbH



Lesen Sie hier, wie Karl Kollmann von der Arbeiterkammer die Situation beurteilt.

Spar-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann: „Der Aufruf der AK, Kaufkraft ins Ausland zu tragen, ist schwer bedenklich.“ ®Spar
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Spar-Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann: „Der Aufruf der AK, Kaufkraft ins Ausland zu tragen, ist schwer bedenklich.“ ®Spar


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