Sozialmärkte, Teil 1: Sozialmärkte in Österre...
 
Sozialmärkte, Teil 1

Sozialmärkte in Österreich

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Verkauft werden in den Sozialmärkten Waren, die ansonsten weggeschmissen würden. ® Laube
Verkauft werden in den Sozialmärkten Waren, die ansonsten weggeschmissen würden. ® Laube

Handel und Industrie wollen Out-of-Stock-Situationen vermeiden, daher sind Überproduktionen keine Seltenheit. Rund ¼ der erzeugten Lebensmittel landen originalverpackt im Müll. Und das, obwohl diese Waren bedürftigen Menschen zugute kommen könnten.

Österreichs Sozialmärkte registrieren in diesen Tagen eine verstärkte Nachfrage. In ihnen werden Waren des täglichen Bedarfs an Menschen, die sich an der Armutsgrenze befinden, weit unter dem eigentlichen Marktwert verkauft. Diese Waren, die ansonsten weggeworfen würden und von Handel und Industrie gratis zur Verfügung gestellt werden, stammen aus Überproduktionen, sind falsch etikettiert, weisen leichte Verpackungsschäden auf oder stehen kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Durch das Spenden dieser Waren wird nicht nur Bedürftigen geholfen, auch die Unternehmen können sich somit teure Entsorgungskosten ersparen und zudem ihr soziales Engagement unter Beweis stellen.

Begehrte Ware

Um in einem Sozialmarkt einkaufen zu können, darf ein bestimmtes Maximaleinkommen nicht überschritten werden. In der Regel liegt dieses für eine Person zwischen 800 und 900 Euro pro Monat, der Kunde muss daher bei jedem Einkauf einen Einkaufsberechtigungsausweis vorweisen. Die Betreiber begrenzen zudem die Höhe des möglichen Einkaufs, das geschieht aus gutem Grund: einerseits um Hamsterkäufe zu vermeiden, andererseits um die begehrten Waren – das sind jene, an denen prinzipiell ein Mangel herrscht, wie Obst und Gemüse, Milchprodukte oder Hygieneartikel - an alle Kunden gerecht zu verteilen. Das Limit liegt - je nach Markt - bei rund 30 Euro pro Woche. Nachdem aber die Waren zu rund 30 % des Diskontpreises verkauft werden, sind die Einkäufe trotz dieses Limits „einkaufswagerlfüllend", Brot wird zudem meist kostenlos abgegeben.

Die richtigen Kanäle

Rund 40 Sozialmärkte gibt es derzeit in Österreich. Als größter Dachverband agiert „SOMA Österreich & Partner", ein gemeinnütziger Verein, dem sich mittlerweile auch andere soziale Organisationen angeschlossen haben. Er umfasst derzeit 25 Sozialmärkte. SOMA holt diese Waren von den Unternehmen ab und regelt anhand von Bedarfslisten deren Verteilung intern mit seinen Partnern. Über den Dachverband haben auch Handel und Industrie die Gewissheit, dass die abgegebenen Waren in den richtigen Kanälen landen. Durch die Kooperation mit SOMA werden etwa auch der Vinzimarkt in Wien - nur einer der insgesamt fünf von der in Wien und Graz tätigen Vinzenzgemeinschaft betriebenen Sozialmärkte -, der erste Sozialmarkt des Wiener Hilfswerks, das als Trägerorganisation fungiert, sowie die sechs Märkte des gemeinnützigen Vereins „Sozialmarkt Kärnten" teilweise mit Waren beliefert.

Versorgen statt Entsorgen

Abseits von SOMA & Partnern existieren in Österreich noch eine Reihe anderer Organisationen und Vereine, die Sozialmärkte betreiben. Dazu zählen etwa die zwei Märkte der Laube GmbH, einer sozialpsychiatrischen Einrichtung, oder auch der erste Sozialmarkt in Mondsee, der seit September 2008 vom Verein „Sozialmarkt Mondseeland" betrieben wird. „Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich, daher sollten Nahrungsmittel nicht einfach weggeschmissen werden", so das Urteil von Vereins-Obfrau Gerti Kern. Aufgrund unzureichender Warenspenden gestaltet sich mitunter auch das Angebot in den Sozialmärkten problematisch. Alexander Schiel, der in Wien derzeit zwei Filialen betreibt, hat sich daher dazu entschlossen, auch Waren von der Industrie zuzukaufen, die er dann zum Einkaufspreis an seine Kunden weiter verkauft. „Aufgrund der großen Nachfrage in Wien, benötige ich einfach mehr Ware, als gratis zur Verfügung gestellt wird – in beiden Märkten sind es insgesamt 100 Tonnen pro Monat", so Schiel.

Nach dem Motto „Versorgen statt Entsorgen" agiert auch die 1999 von Martin Haiderer gegründete Wiener Tafel. Ebenso wie die genannten Sozialmärkte sammelt die Initiative Waren, die nicht mehr verkauft werden können, ein und stellt diese 75 sozialen Einrichtungen zur Verfügung. Unter den Empfängern sind beispielsweise das Neunerhaus, Die Gruft, einige Frauenhäuser oder auch die Haftentlassenen-Hilfe. Rund 140 Warenspender aus Industrie und Handel unterstützen die Wiener Tafel, 7.500 Bedürftige können dadurch mit dem Notwendigsten versorgt werden.

Steigender Bedarf

Doch der Bedarf an Produktspenden nimmt zu. „Die Kundenanzahl ist aufgrund der Wirtschaftslage im Vorjahr deutlich gestiegen", so Heidi Anderhuber, Geschäftsführerin der beiden Vinzimärkte in Graz. Dadurch wird auch mehr Ware benötigt. Die Kundenanzahl ist in den jeweiligen Märkten sehr unterschiedlich und von der Größe und Lage des Geschäfts abhängig. Typische Kunden sind Alleinerzieherinnen, Mindestpensionisten und Migranten.

Dass der Bedarf an Waren steigt, bestätigt auch Mag. Gerhard Steiner, Präsident von SOMA Österreich & Partner, und appelliert: „Handel und Industrie haben uns von Anfang an unterstützt, aber gerade in der heutigen Zeit benötigen wir einfach noch mehr Waren." Diesem Aufruf schließen sich alle anderen Sozialmärkte sowie die Wiener Tafel an.

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe, vor welche Herausforderungen Sozialmärkte gestellt sind und welche Unterstützung sie von Handel und Industrie erhalten.
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