Weinfachhandel: Weniger ist manchmal mehr
 
Foto: 99 Wines/Kazda
99 Wines bietet ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis. Kein Wein kostet mehr als 25 Euro© Foto: 99 Wines/Kazda
99 Wines bietet ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis. Kein Wein kostet mehr als 25 Euro© Foto: 99 Wines/Kazda

Das neue Shop-Format „99 Wines“ soll den Weineinkauf zum spielerischen Erlebnis für jedermann machen. Wein & Co-Geschäftsführer Heinz Kammerer hat auf die neue Herausforderung bereits im Vorfeld reagiert und das Sortiment seiner Handelskette um rund ein Fünftel reduziert.

Farbe, Sorte, Jahrgang, Lage. Neun von zehn Österreichern fühlen sich bei der Auswahl des richtigen Weines –  sei es, um ihn weiterzuschenken oder als Begleiter für ein stimmungsvolles Essen – überfordert. Da hilft es wenig, dass im Handel mittlerweile vielfach geschultes Beratungspersonal im Einsatz ist. Denn wer gesteht sein Unwissen schon gerne in aller Öffentlichkeit Fremden gegenüber ein? Nicht viel anders war es Clemens Kazda seinerzeit in London ergangen, wo er eine Ausbildung zum Media-Communications-Experten absolvierte. Hin und wieder war ihm nach einem guten Gläschen Wein, bloß wie ihn finden? Also sann Kazda nach einer Möglichkeit, die die Weinauswahl ohne Lexikon und unter Wahrung eines gewissen Fun-Faktors gestattete. Das Konzept ward rasch zu Papier gebracht, landete aber beinahe ebenso rasch wieder in der Schublade, denn Kazda ging eifrig seinem Brotberuf nach. Erst als er vor rund einem Jahr vor einer weiteren Weggabelung seiner beruflichen Karriere stand, wurde die Idee wieder an die Oberfläche gespült und ein wenig verfeinert.

99 Weine sind genug



Ende September 2009 war es dann schließlich so weit. Der erste 99 Wines-Shop öffnete in der Praterstraße 11 im zweiten Wiener Gemeindebezirk seine Pforten. Das dem neuen Ladenformat zugrunde liegende Konzept ist denkbar einfach: ein überschaubares Sortiment, bestehend aus 99 Weinen, die nicht wie sonst üblich nach Ländern, sondern nach ihrem Geschmack (würzig bis fruchtig) und ihrem Körper (leicht, mittel, kräftig) geordnet sind. Zusätzlich gibt es dazu passende Speisenempfehlungen, von Wild über Geflügel und Rind bis Sushi. Des Weiteren ist es 99 Wines-Gründer Clemens Kazda wichtig, dass alle Weine ein höchstes Maß an Qualität und Geschmack bieten. Bei der Sortimentsgestaltung vertraut der gelernte Medienfachmann deshalb zwei echten Profis: dem Weinakademiker Wolfgang Hewarth und dem Jungwinzer Markus Fischl.
Hewarth war neun Jahre lang bei der Handelskette Wein & Co im Ein- und Verkauf sowie als Filialleiter tätig. Fischl wuchs quasi im Weingarten seines Vaters in Rust auf und kennt das Wein-Business von der Pieke auf. Dem Wissen der beiden ist das ausgezeichnete Preis-Leistungs-Verhältnis des Sortiments zu danken. Kein Wein kostet mehr als 25 Euro. „Damit ist nicht nur für jeden Geschmack, sondern auch für jede Geldbörse das Richtige dabei“, freut sich Neo-Unternehmer Kazda.

Präzision im Sortiment



Grund zur Freude hat in diesen Tag aber auch Wein & Co-Geschäftsführer Heinz Kammerer. Nicht nur verzeichnete die hauseigene Messe Mondovino heuer doppelt so viele Besucher wie 2008, bei leicht gestiegenem Umsatz erreichte die Weinhandelskette zudem eine Verdreifachung des Gewinnes des Vorjahres. Die Gründe für das gute Abschneiden sieht Heinz Kammerer zum einen darin, dass das Vorjahresergebnis durch die Investitionen in Graz und Salzburg belastet war und andererseits in den qualitativen Maßnahmen, die in den vergangenen Monaten in allen Unternehmensbereichen gesetzt wurden.
Unter anderem konnten die Logistikkosten deutlich reduziert werden. Zudem konnten durch effektiveres Datamining 20.000 „schlummernde“ Kunden wieder zu regelmäßig kaufenden Kunden konvertiert werden. Zusätzlich konnten durch Kooperationsprojekte mit Kultureinrichtungen wie etwa dem Wiener Konzerthaus oder dem Museum im Belvedere rund 2.500 Neukunden lukriert werden. Insgesamt hat sich die Wein & Co-Kundendatei im abgelaufenen Geschäftsjahr um 36.500 Kunden auf eine derzeit aktive Kundenzahl von 250.000 erhöht, wovon rund 150.000 Kunden aktive VinoCard-Holder sind. Dass ihm mit 99 Wines ein neuer Mitbewerber erwächst, glaubt Kammerer nicht. „Nicht jeder neue Laden ist automatisch eine Konkurrenz zu Wein & Co. Ich kenne das Geschäft (99 Wines, Anm.) nicht, meine aber, dass man mit 99 Weinen kein solches machen sollte. Wir führen allein aus Südafrika 99 Weine und insgesamt einige Hundert aus Österreich und der ganzen Welt im Sortiment. Das ist meiner Überzeugung auch notwendig, um die sehr vielfältige Welt des guten Weines kompetent abzubilden. Unsere rund 250.000 Kunden sehen das, wie wir wissen, auch so“, zeigt sich Kammerer selbstbewusst. Ungeachtet dessen haben er und sein Team das Wein & Co-Sortiment in den vergangenen Monaten präzisiert, d.h. um Überschneidungen bereinigt, und das Portfolio so von ursprünglich 2.500 auf nunmehr rund 2.000 Weine reduziert. Im laufenden Geschäftsjahr verfolgt Kammerer ein ambitioniertes Investitionsprogramm. Gut drei Millionen Euro sollen in den kommenden Monaten in den Ausbau und die Erweiterung der Standorte Mariahilfer Straße, Donauzentrum und Shopping City Süd fließen.

Wein mobil



Newcomer Kazda, derweil noch auf der Suche nach weiteren geeigneten Standorten, hat indes bereits die nächste Ausbaustufe von 99 Wines gezündet. Seit Anfang Dezember besteht im Raum Wien die Möglichkeit, sich eine kleine Auswahl aus dem Sortiment von 99 Wines in der Zeit zwischen 19 und 24 Uhr vom „WeinMobil“ kostenlos nach Hause liefern zu lassen.

Wollen den Weineinkauf zum spielerischen Erlebnis für jedermann machen: Clemens Kazda, Wolfgang Hewarth und Markus Fischl© Foto: 99 Wines/Kazda
Foto: 99 Wines/Kazda
Wollen den Weineinkauf zum spielerischen Erlebnis für jedermann machen: Clemens Kazda, Wolfgang Hewarth und Markus Fischl© Foto: 99 Wines/Kazda


Wein & Co-Geschäftsführer Heinz Kammerer: "Nicht jeder neue Laden ist automatisch eine Konkurrenz zu Wein & Co."© Foto: Wein & Co
Foto: Wein & Co
Wein & Co-Geschäftsführer Heinz Kammerer: "Nicht jeder neue Laden ist automatisch eine Konkurrenz zu Wein & Co."© Foto: Wein & Co
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