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Warum Augmented Reality den stationären Handel nicht retten wird

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“Augmented Reality ist fixer Bestandteil des österreichischen Marketing-Alltags, beim Vertrieb sieht es schlechter aus”, erklärt Pocketscience-CEO Raphael Schneeberger im Gespräch mit etailment.at
“Augmented Reality ist fixer Bestandteil des österreichischen Marketing-Alltags, beim Vertrieb sieht es schlechter aus”, erklärt Pocketscience-CEO Raphael Schneeberger im Gespräch mit etailment.at

“Kurzfristig sehe ich Augmented Reality nicht als jenen Verkaufstreiber, der den Handel rettet.” Das sagt Raphael Schneeberger, CEO des App-Entwicklers Pocketscience, im Gespräch mit etailment.at. Warum es bei Augmented Reality noch eine Hemmschwelle zur Massentauglichkeit gibt, welche Rolle Augmented Reality derzeit im österreichischen Handel spielt und was das für Privatsphäre, Datenschutz und Co. bedeutet, lesen Sie hier.

etailment.at: Herr Schneeberger, Augmented Reality (AR) Apps kommen unter anderem beim Möbelkauf zum Einsatz. Im Kleiderhandel wird mit Digitalen Spiegeln experimentiert. Welche Einsatzszenarien stehen noch an?



Raphael Schneeberger: Ein geeigneter Anwendungsfall im Handel liegt insbesondere dann vor, wenn zusätzliche Informationen dem Benutzer eingeblendet werden sollen, um den Vertrieb am PoS zu unterstützen – also dort, wo die Vorstellungskraft zu Ende geht oder es sich um ein komplexes Produkt handelt. Zum Beispiel wenn das Einsatzgebiet bzw. der Nutzen des Produktes nicht unmittelbar mit der Verpackung vermittelbar ist. Der Kleiderhandel wurde schon erwähnt. Ein bekanntes Beispiel – bereits aus dem Jahr 2009 – ist die AR-Lösung von Lego: durch Scannen der Packung wird das zusammengebaute Modell dargestellt und zeigt auch Spielmöglichkeiten.



etailment.at: Welche Rolle könnte dabei dem Smartphone zukommen?



Raphael Schneeberger: Als Einsatzszenario sehe ich auch, mit der Handykamera durch ein Geschäft zu gehen und mir das billigste Produkt der Warengruppe mittels eine AR-Lösung anzeigen zu lassen. Oder es wird mir beim Betrachten des Produktes die durchschnittliche Kundenbewertung auf Amazon bzw. ein Preisvergleich auf das Display gelegt. Das wird dem Handel natürlich missfallen, was zu einer Gegenreaktion führen wird: Handyfilmverbot in Filialen existiert in der Regel schon – dies wird dann wohl exekutiert werden. In weiterer Folge werden findige AR-Lösungsentwickler bessere Ideen haben, kleinere Devices bringen, etc. Für mich ist es nachrangig, ob das Handydisplay, ein Smart-Wearable oder eine Brille zur Darstellung der Kontext-Informationen eingesetzt wird. Wie soll man verhindern, dass jemand mit Brillen in ein Geschäft geht? Das Einzige was mir dazu einfällt, ist ein Internet-Blocker in der Filiale.


Interessanterweise gibt es offensichtlich beim Lego Use Case eine Hemmschwelle zur Massentauglichkeit, denn warum verfügen jetzt nicht alle Legostores über AR-Stationen? Entweder rechnet sich der Use Case nicht oder die Bedienung ist umständlich. Mit einer AR-Brille könnte letzteres optimiert werden, aber bis eine relevante Käuferschicht eine AR-Brille hat wird es wohl noch mindestens drei bis fünf Jahre dauern. Anders jedoch im Servicebereich: Verkäufer am PoS könnten AR-Brillen viel früher nutzbar machen, dem potentiellen Käufer rascher passende Produkte vorschlagen und so das Servicelevel erhöhen. Dies ist auch der Nutzen von AR der in nächster Zeit im Handel gestiftet werden wird.



etailment.at: Apropos Massentauglichkeit: Google will dem Konzept der Augmented Reality mit seinen Glasses zum Mainstream verhelfen. Was sind Ihrer Meinung noch vielversprechende Hersteller, Entwickler, Produkte?



Raphael Schneeberger: Ob Google Glass schon in den nächsten zehn Jahren zum Mainstream wird, weiß ich nicht, aber wenn der Benutzer beide Hände frei haben soll und dennoch ein Display zur Verfügung braucht – wenn er beispielsweise unterwegs ist – dann ist eine Brille wohl die komfortabelste und sinnvollste Lösung. Dort wird sie auch schnell eingesetzt werden. Aktuell sehen wir als PocketScience nützliche und branchenunabhängige Anwendungsfälle bei der Unterstützung der Field Force des Unternehmens; seien es Vertriebsmitarbeiter, die den Kühlschrank im Auto lassen und in das Geschäftslokal reinprojezieren, Servicetechniker oder Qualitätssicherer.



etailment.at: Welche Alternativen gibt es zu Google Glass? 



Natürlich wird es neben Google Glass nicht nur Alternativanbieter geben, sondern auch generell andere Alternativen. De facto geht es ja “nur” darum, unterschiedliche Displayoptionen zu finden, um beide Hände frei zu haben und so nicht die Freiheitsgrade der Hände durch das Halten eines Displays zu reduzieren. Spannend wird sicherlich ob sich die Epson Glass bei so einem großen Konkurrenten langfristig behaupten und differenzieren wird können. Neben der klassischen Hardware geht es neben den eigentlichen Displayoptionen um den dahinterliegenden Use Case – egal ob die Projektion der Information auf einer Uhr, Brille, Screen oder Tablet passiert. Etwa durch eine schlaue Kombination der Displayoption mit anderen relevanten Kontextinformationen: Google Glass in Kombination des Thermal Touch Systems von Metaio oder eine Epson Glass mit integriertem GPS Tracker.



etailment.at: Welche Rolle spielt AR in Österreich, was Entwicklung und Einsatz der Technologie betrifft?



Raphael Schneeberger: AR-Beispiele gibt in fast allen Branchen, seien es nun Anwendungen im Kulturbereich, wie etwa von Nous Wissensmanagement: In ganz Wien wurde die Saliera plakatiert und mit der App des Kunsthistorischen Museums dann in 3D am Handy dargestellt. Oder Immobilienmodelle der comm.AG aus Innsbruck, die auf einen Printkatalog oder einen leeren Tisch projiziert werden. QR-Codes – technologische vereinfachter AR Auslöser – gibt es ja sowieso en masse. AR ist Teil des österreichischen Marketing-Alltags, beim Vertrieb schaut‘s schlechter aus.



etailment.at: Welche Rolle spielt das Thema Augmented Reality bei PocketScience?



Raphael Schneeberger: Augmented Reality (AR) hat bei Pocketscience auf Grund seiner Entstehungsgeschichte und Fokuses auf Prozessinnovationen einen sehr hohen Stellenwert, da AR eine sehr gute Ausgangsbasis für innovative Lösungen bei Geschäftsprozessen bietet. Die Kunst bei AR liegt darin, den geeigneten Use Case für und mit dem Kunden zu entwickeln und umzusetzen. Dies bieten wir unseren Kunden an, damit dieser für die modernen Herausforderungen seiner Field Force gewappnet ist.



etailment.at:Wird sich Augmented Reality kurz- oder mittelfristig als wirksamer Verkaufstreiber im stationären Handel etablieren? Welche Rolle wird AR in zehn Jahren für den Handel spielen?



Raphael Schneeberger: Der Handel steckt ja in einer Krise, nur fünf Prozent der Händler haben eine App. Kurzfristig sehe ich AR nicht als jenen Verkaufstreiber, der den Handel rettet. Dafür ist der Handel noch gar nicht bereit. Da müssen vorab noch andere Hausaufgaben erledigt werden. Was ich mir schon gut vorstellen kann, sind AR-Lösungen, die Mitarbeiter bei Erstellen der Inventur und der Erkennung des Sortimentsstandes unterstützt oder die für die Projektion des richtigen Sortimentsstellplatzes in der Filiale auf das geeignete Display (z.B. Brille) sorgt.



etailment.at: AR befindet sich technologisch ja noch in den Kinderschuhen, schon jetzt müssen Regeln geschaffen werden. Welche Problemen sind derzeit am schlagendsten, was wird in der Zukunft an Herausforderungen auf uns zukommen?



Raphael Schneeberger: Bei gegebenem Nutzen einer neuen Technologie, gibt es auch eine Weiterentwicklung, die natürlich Konsequenzen und gegebenenfalls neue Probleme mit sich bringt. Darauf wird es seinerseits eine entsprechende Reaktion von jenen geben, die sich davon gestört fühlen, sowie es das exekutierte Fotografier-Verbot in Handelsfilialen geben wird. Die Grenze zwischen Nutzen und „Sich-gestört-fühlens“ und „gestört-seiens“ gilt es daher besonders genau zu beobachten. Insbesondere, wenn mich jetzt ein Verkäufer mit einer Google Glass anschauen würde, möchte ich mich nicht “durchschaut” fühlen, sondern immer noch das Gefühl haben, das Level der Preisgabe meiner Daten selbst bestimmen zu können.



etailment.at: Und welche Rolle spielt der oft beschworene “Info Overload”?



Raphael Schneeberger: „Info Overload“ sehe ich unkritisch, denn erstens lernen wir immer besser, relevante Informationen zu filtern; und falls wir tatsächlich unter Info Overload leiden sollten, wird es rasch eine Anwendung geben, die z.B. meinen Einkaufszettel kennt und mir nur die relevanten Produkte an meinem Google Glass Display anzeigt – und somit gegen den Info Overload kämpft. Die Tatsache, dass de facto jeder mit einer ständig laufenden Kamera herumläuft, finde ich persönlich problematisch, wird sich aber nicht aufhalten lassen, da der Nutzen für die Benutzer überwiegt. Dies ist ein sehr ähnliches Thema wie die freiwillige Bekanntgabe meines Nutzungs- und Einkaufsverhalten und dem erlebten Benutzerverhalten: Solange ich mich daran erfreue, dass ich gute cross-selling-Artikel vorgeschlagen bekomme, werde ich mich bereitwillig den Datensammlern exponieren. Und wenn ich will, dass meine Augmented Reality Applikation mit jedem Einkauf besser wird, die dies auch bietet, dann werde ich dafür meinen gesamten Einkaufsweg dokumentieren und gerne Google und Co. übermitteln. Go-Pro zeigt dies ja schon auf.



Über Raphael Schneeberger



Der promovierte Techniksoziologe und Wirtschaftsinformatiker ist seit 15 Jahren im Crossmediabereich aktiv und beriet vor seiner leitenden Funktion bei PocketScience als Senior Advisor, unterschiedliche Unternehmen im Bereich des Business Developments, der Prozessoptimierung, im Projektmanagement und Softwareentwicklung. Die PocketScience GmbH entwickelt mobile Applikationen für den Businessbereich. Neben zahlreichen Businessapplikationen ist das Unternehmen durch Apps wie die ORF-TVThek und Puls4 auch im B2C Bereich bekannt. Schneeberger ist seit 1. Februar 2014 als CEO der PocketScience GmbH tätig.



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