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Lina Marie Gralka: "Sex Toys sind einfach Mainstream"

Valentina Loria
Lina Marie Gralka, Head of Brand Marketing bei Amorelie, im CASH-Interview über Liebe, Lust und Leidenschaft.
Lina Marie Gralka, Head of Brand Marketing bei Amorelie, im CASH-Interview über Liebe, Lust und Leidenschaft.

Die Erotikbranche hat sich verändert und Erotikartikel sind zu wahren Lifestyleprodukten avanciert, die man offen ins Einkaufswagerl legt. Lina Marie Gralka, Head of Brand Marketing bei Amorelie, spricht mit CASH über Entwicklungen, Experimentierfreudigkeit und die Eroberung von DFH und LEH.

CASH: Frau Gralka, als man Amorelie vor sieben Jahren gründete, war ein Onlineshop für Erotikspielzeug noch etwas ganz Besonderes. Warum hat man sich für diesen Schritt entschieden?
Lina Marie Gralka:
Die Sex Toy-Branche war damals noch ganz anders geprägt und sehr männerdominiert. Das heißt, die Angebote, die man in den Shops wie Orion oder Beate Uhse bekommen hat, wurden für Männer konzipiert. Mit Amorelie wollte man einen Ort schaffen, der Frauen und Paare anspricht und sie lifestylig an das Thema heranführt. Das war einzigartig.

War es schwer, sich in einer Branche zu behaupten, die ja doch noch mit einem gewissen Schmuddelimage behaftet war?
Es hat schon ein bisschen gedauert. Werbung und Marketing haben uns oft vor Herausforderungen gestellt, aber die PR war ein guter Hebel, um unsere Botschaft anzubringen. Wir sind ja eigentlich eine sehr sexualisierte Gesellschaft, sehr aufgeschlossen und Sex begegnet uns jeden Tag, überall – in Musiktexten, in Filmen und so weiter. Aber wenn es um unsere eigene sexuelle Persönlichkeit geht, dann wird es schwieriger. Es gibt wenig Raum, sich damit auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen wie "Ist das gut, was ich erlebe?", "Möchte ich etwas Anderes?". Genau das versuchen wir zu durchbrechen und haben gesehen, dass wir damit einen Nerv getroffen haben. Es haben sich viele angesprochen gefühlt – darüber sind wir froh.

„Mit Amorelie wollte man einen Ort schaffen, der Frauen und Paare anspricht und sie lifestylig an das Thema heranführt.“
Lina Marie Gralka

Das heißt der Verkauf von Erotikprodukten ist auch mit einer gewissen Aufklärung verbunden?
Ganz genau. Wir haben dieses Jahr ein Rebranding gemacht, uns neu positioniert und sind jetzt noch ein bisschen edgier unterwegs, gleichzeitig besinnen wir uns auf unser Corporate Business. Das ist die Sexualität und alles was damit zu tun hat. Aufklärung spielt dabei eine wichtige Rolle, das merke ich immer wieder. Ich hoste zum Beispiel den heart2heart-Podcast, in dem wir mit Sexologen und Psychologen über Themen rund um Liebe, Sex und Partnerschaft sprechen. Eines bleibt dabei immer hängen: Dass wir nicht wirklich aufgeklärt sind und dass uns einfach die Sprache und die Kommunikation fehlt. Dabei ist das für unsere Sexualität und unsere Beziehung so wichtig. Das wollen wir mit Amorelie angehen. Gerade jetzt während Corona haben wir den Bedarf gespürt. Es gab viele Fragen, dadurch haben wir die Beziehung zu unseren Konsumenten intensiviert.

Will Amorelie denn als Beratungsstelle wahrgenommen werden?
Das nicht. Wir sind keine ausgebildeten Therapeuten, aber wir begreifen uns als zentralen Ort, an dem sämtliches Wissen, Produkte und Insights gebündelt sind. Dazu tragen auch unsere Blogs und unser eigener Podcast bei.

Auch abseits vom Onlineshop und den diversen Plattformen ist Amorelie erfolgreich unterwegs. Mittlerweile findet man die Produkte auch im stationären Handel, im LEH und DFH. War diese Form der Expansion von Anfang an geplant?
Anfangs haben wir aus Spaß einmal beim stationären Handel angeklopft, damals haben sie eher verhalten reagiert. 2017 haben wir es dann in die ersten dm-Filialen in Deutschland geschafft, bald sind mehrere gefolgt, auch Bipa in Österreich. Das war ein toller Erfolg und wir haben gemerkt, dass der Bedarf da ist. Wir wollen ein Zeichen setzen und sagen, Sex Toys sind einfach Mainstream und sie gehören zu unserem täglichen Leben. Das war 2013 nicht möglich, mittlerweile hat sich die Haltung dahingehend verändert und lässt Gedanken zu wie „Wenn ich in einer Drogerie zu Babynahrung und Kosmetika einen Vibrator in den Einkaufwagen legen kann, dann kann das nur gut sein“. Das gibt uns einen Vertrauensvorschuss und ist ein großer Schritt, den wir erreicht haben.

Im Hinblick auf die Kunden oder die Händler?
Beides. Wir haben natürlich abgefragt, inwieweit die Kunden einem solchen Sortiment offen gegenüberstehen. Und haben es dann im DFH mit den Amorelie Adventkalendern ausprobiert. Das war ein großer Erfolg. Rewe oder Edeka in Deutschland sind dann nachgezogen. Die haben sich das erst in der Drogerie angeschaut und dann das Potenzial erkannt. So was wäre davor im LEH gar nicht denkbar gewesen.

Das gilt für Deutschland. Im österreichischen LEH sind die Produkte ja noch nicht so angekommen.
Genau, das betrifft den deutschen LEH. In Österreich sind es eher die Drogeriemärkte.

„Wir wollen ein Zeichen setzen und sagen, Sex Toys sind einfach Mainstream und sie gehören zu unserem täglichen Leben.“
Lina Marie Gralka
Sind die Österreicher beim Thema Sex generell ein bisschen zurückhaltender?
Grundsätzlich sind die Österreicher nicht zurückhaltender als andere Nationen. Im Gegenteil zeigen sie sich sehr aufgeschlossen und interessiert. Es ist immer sehr angenehm mit österreichischen Kollegen über das Thema zu reden. Letztes Jahr haben wir mit Designerin Marina Hörmanseder eine Kooperation gemacht und auch darauf ist sehr viel positives Feedback zurückgekommen.

Erotikprodukte haben im stationären Handel also ihre Berechtigung. Muss man dabei auf bestimmte Vorgaben achten?
Wir müssen natürlich immer darauf achten, was funktioniert und uns an spezielle Vorgaben halten. Der Lichtschutz beim Packaging ist zum Beispiel sehr wichtig, sodass Kunden das Produkt und die Farbe sehen. Das sind so Kleinigkeiten, bei denen wir für den stationären Handel Änderungen vornehmen müssen. Wir testen, wo welche Produkte ankommen, wir probieren uns aus und versuchen mit dem Zeitgeist mitzuschwingen. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel eine eigene Amorelie Toy Brand herausgebracht, die bei Douglas erhältlich ist.

Gibt es Produkte, die Sie nicht im DFH und LEH sehen, die ausschließlich in einen Erotikfachhandel gehören?
Das ist eine schwierige Frage. Theoretisch können wir uns alle Amorelie-Produkte im LEH und DFH vorstellen – wir haben ja auch keine Produkte, die weh tun. Aber bestimmte Artikel, zum Beispiel aus dem BDSM-Bereich (Anm. Red.: Mehrschichtiges Akronym für Bondage, Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism), die vielleicht nicht so Mainstream sind, würde ich vielleicht doch eher exklusiv auf unserer Seite lassen. Das hat einfach was mit Branding und Vertrauen zu tun.

Lassen sich momentan Trends ausmachen?
Es gibt im Erotikbereich keine Seasons, das unterscheidet uns von vielen anderen Kategorien. Aber ich sehe, dass kuratierte Themenboxen, wie eben auch der Amorelie Adventkalender, gut funktionieren. Auch das Spiel mit Temperatur kommt gut an. Den "Bang Kupfervibrator aus Aluminium" kann man zum Beispiel ins Kühlfach legen, wodurch ganz unterschiedliche Gefühle erzeugt werden. Zudem ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig. Hier funktionieren die modularen Sets gut, man braucht nicht immer ein eigenes Sex Toy, sondern arbeitet mit unterschiedlichen Aufsätzen. Bio und vegan sind ebenfalls Trends. Wir entwickeln in diesem Bereich gerade unsere ersten eigenen Produkte und sind sehr offen.

Der Amorelie Adventkalender Original
Weil Sie den Adventkalender jetzt auch öfter angesprochen haben. Was macht ihn zu so einem Kassenschlager?
Generell sind Adventkalender in Deutschland und Österreich sehr populär. Außerdem gibt er uns die Möglichkeit, mehrere Produkte in ein Produkt zu packen, und so den Konsumenten die Gelegenheit, Unterschiedliches auszuprobieren - auch etwas, das sie sich von selbst vielleicht nicht getraut hätten. Jedes Jahr gibt es neue Produkte oder neue Ausführungen. Der Vorteil ist auch, dass er über die Adventszeit hinaus ein nachhaltiges Produkt ist, um an der Liebesbeziehung zu arbeiten. Es ist die Kombination aus Vorfreude, sich überraschen zu lassen, und dem Wunsch etwas auszuprobieren, die den Reiz ausmacht.

Sind Sexualität und Sex Toys eine Generationenfrage?
Jüngere können genauso aufgeklärt sein, wie Ältere. Das Mindset ist entscheidend. Es geht darum, wie offen Menschen dafür sind, ihre eigene sexuelle Reise zu gestalten und aktiv anzugehen. Bei dm hat einmal eine Dame einen Vibrator gekauft, die war über 90. Das ist sicher ein Einzelfall ­– aber das gibt es eben auch und das wünschen wir uns auch. Sex ist unabhängig vom Alter einfach eine schöne Sache.

Frau Gralka, vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie mehr zum "Geschäft mit der Lust" in der Oktober/November-Ausgabe von CASH oder gleich hier im E-Paper.

Amorelie: Produktschau


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