Dossier Weltbienentag: Martin Poreda: "Wer mö...
 
Dossier Weltbienentag

Martin Poreda: "Wer möchte denn chinesischen Honig im Müsli?"

Hektar Nektar
Martin Poreda: Wir haben Projekt 2028 im Herbst 2018 ins Leben gerufen, mit dem Ziel, bis 2028 die Bienenpopulation in Österreich und Deutschland um zehn Prozent zu steigern.
Martin Poreda: Wir haben Projekt 2028 im Herbst 2018 ins Leben gerufen, mit dem Ziel, bis 2028 die Bienenpopulation in Österreich und Deutschland um zehn Prozent zu steigern.

Hektar Nektar ist ein Bienen-Marktplatz und gleichzeitig eine Initiative zum Schutz der Biene. CASH hat Co-Gründer und CEO Martin Poreda anlässlich des Weltbienentags zum Interview gebeten.

CASH: Herr Poreda, am 20. Mai ist Weltbienentag. Warum ist der Bienenschutz so wichtig?
Matin Poreda: Bienenschutz ist gleich Insektenschutz. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren einen Rückgang der Insektenpopulation um 75 Prozent zu verzeichnen, in allen Ökosystemen weltweit. Das ist dramatisch. Insekten übernehmen wichtige Aufgaben und der Rückgang zieht einen Rattenschwanz hinter sich her, wenn es um Biodiversität geht. Auf das Insektensterben folgt eine Abnahme der Vogelpopulation und so weiter und so fort.

Zum Schutz der Biene haben Sie das Projekt 2028 gegründet. Erklären Sie bitte kurz, was es damit auf sich hat. Wie sieht ihre Zwischenbilanz aus und was haben Sie weiter vor?
Wir haben Projekt 2028 im Herbst 2018 ins Leben gerufen, mit dem Ziel, bis 2028 die Bienenpopulation in Österreich und Deutschland um zehn Prozent zu steigern. Mittlerweile haben wir um die 150 Unternehmenspartner, die uns auf unserem Weg unterstützen, ein Imker-Netzwerk von etwa 6.000 Imker und Imkerinnen und rund 11.000 Privatpersonen, die sich im Bienenschutz engagieren. Gesamt konnten wir bisher die Bienenpopulation um rund 27 Millionen Tiere steigern. Was wir vorhaben? Weiterwachsen und möglichst viele Unternehmen, Privatpersonen und Imker für uns und damit für den Insektenschutz zu gewinnen. Die Steigerung der Bienenpopulation ist ein Ziel von uns, das zweite Ziel geht in die Breite: Wir wollen möglichst viele Menschen für den Artenschutz sensibilisieren und zeigen, dass jeder Schritt, den wir setzen, eine Folge hat. Ob positiv oder negativ haben wir selbst in der Hand.

„Wenn die Lebensmittelindustrie auf vorwiegend regionale Rohstoffe setzt, ist schon viel gewonnen.“
Martin Poreda

Unterscheiden Sie in Ihrem Tun zwischen Wild- und Honigbienen?
Ja und Nein. Ja, weil die Honigbiene als gezüchtetes Nutztier nicht vom Aussterben betroffen ist, während viele Wildbienenarten aber immer mehr in Bedrängnis geraten. Die Gründe für das Insektensterben betreffen aber alle Insekten, nicht nur Wildbienen und bedrohen auch immer wieder Honigbienen wie der breitflächige Einsatz von Pestiziden, Monokulturen, Flächenversiegelung und verschiedene Erkrankungen, etwa Parasitenbefall. Den Honigbienen helfen wir, in dem wir Imker in ihrem Tun unterstützen. Wie bereits erwähnt, sind Honigbienen nicht vom Aussterben betroffen. Wenn allerdings immer mehr Imker ihre Tätigkeit aufgeben oder weniger Bienenvölker halten, schaut es mit der Bestäubung schlecht aus. Darüber hinaus kompensieren Honigbienen die Bestäubungsleistung von Wildbienen und anderen Insekten, deren Bestand ja dramatisch sinkt.

Es haben sich ja bereits einige Unternehmen Ihrem Engagement angeschlossen - darunter auch größere verarbeitende Produzenten im Bereich Honig. Welche Verantwortung haben gerade diese Unternehmen Ihrer Meinung nach?
Ein Partner von uns ist zum Beispiel Spitz, wo seit 2019 auch die Honigmanufaktur Honigmayr dazugehört. Das Traditionsunternehmen verkauft ausschließlich qualitativ hochwertigen Honig. Genau hier liegt auch die Verantwortung von honigverarbeitenden Unternehmen: Faire Preise an die Honiglieferanten zahlen und auf Billigware verzichten. Darüber hinaus haben wir einige Partner, in deren Produkten Honig verarbeitet wird. Hier stellt sich ganz klar heraus, warum die Förderung der lokalen Imkerei so wichtig ist. Der in Österreich und Deutschland produzierte Honig reicht bei weitem nicht aus, den Bedarf zu decken. Importe sind die Folge. Das belastet nicht nur unsere Umwelt – Stichwort Co2-Ausstoß – sondern ist auch für die Konsument problematisch. Schließlich legen immer mehr Menschen Wert auf Regionalität bei Lebensmitteln. Wer möchte dann chinesischen Honig im Müsli?

Was können Handel und Lebensmittelindustrie konkret zum Schutz der Bienen tun?
Sich in Bienenschutzprojekten zu engagieren, ist eine Möglichkeit. Wichtig ist jedoch auch eine ressourcenschonende Wertschöpfungskette, Engagement für CO2-Neutralität und das Bewusstsein, dass jede Entscheidung in der Produktion und im Handel eine Folge hat. Wenn die Lebensmittelindustrie auf vorwiegend regionale Rohstoffe setzt, ist schon viel gewonnen. Im Handel geht es darum, dass Produkte, die ressourcenschonender als andere sind, stärker promoted werden und das Bewusstsein bei den Konsumenten steigt. Eine Selbstverpflichtung des Handels und der Lebensmittelindustrie, in allen Bereichen umweltschonend und nachhaltig zu agieren, wäre ebenso wünschenswert, wenn es die Politik nicht schafft, entsprechende Vorgaben zu erlassen.

Und was kann der Privatverbraucher tun?
Konkret für den Bienenschutz aktiv werden, können alle, die einen Balkon oder Garten haben. Bienenfreundliche Pflanzen setzen, den Rasen nicht künstlich kurz schneiden, keine Pestizide verwenden und genug Versteckmöglichkeiten für Insekten schaffen, sind schon einmal erste Schritte. Darüber hinaus: Bei Konsumentscheidungen lokalen oder regionalen Produkten den Vorzug geben, möglichst aus biologischem Anbau; Und Produkte meiden, deren Hersteller sich an Umweltzerstörung beteiligen, wenn es etwa um die Gewinnung von Palmöl geht. Zusammengefasst heißt das, wer als Konsument bewusste Kaufentscheidungen trifft, tut viel für die Umwelt und für den Artenschutz. Der Boykott von Unternehmen, die weder sozial noch in Hinsicht auf Umweltschäden agieren, wird vermutlich zunehmen. Wir sehen, dass Unternehmen, die nicht auf Nachhaltigkeit setzen, sich mittel- bis langfristig nicht auf dem Markt halten werden können. Die Konsumenten haben hier selbstverständlich eine gewisse Macht.

Herr Poreda, vielen Dank für das Interview.
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